Donnerstag, 6. Oktober 2011

Im Alter wird man weise - oder starrsinnig

Ältere Menschen spielen eine große Rolle beim Projekt Stuttgart 21. Das haben wir im letzten Post bereits gesehen. Und im letzten Post wurde auch klar, warum gerade ältere Menschen so wichtig sind, wenn es um die Verhinderung des Wahnsinnsprojekts geht. 



Auch die bei Stuttgart 21 im Rampenlicht Stehenden sind oft schon etwas älter. Das gilt für die Befürworter eines etappierbaren Ausbaus des Bahnknotens Stuttgart auf der Basis des Kopfbahnhofs genauso wie für die Protagonisten von Stuttgart 21, ja, das gilt sogar für die sogenannte neutrale Seite, den Schlichter. Und das Projekt Stuttgart 21 bietet eine einmalige Gelegenheit, die unterschiedlichen Entwicklungen zu verfolgen, die Menschen einschlagen können, wenn sie älter werden. Picken wir uns beispielhaft zwei Leute heraus. Der eine, Heiner Geißler, 81, ist nicht zuletzt durch seine Schlichterrolle bei Stuttgart 21 bekannt wie ein bunter Hund. Der andere, Gerhard Heimerl, 77, ist im Zusammenhang mit Stuttgart 21 ebenfalls im Fernsehen und in der Presse aufgetreten, wenngleich er in der Öffentlichkeit auch bei weitem nicht so bekannt ist wie Heiner Geißler.

Summa summarum kann man über Heiner Geißler wohl sagen, dass er im Alter weise geworden ist. Zwar haben wir uns über Heiner Geißler während des Sach- und Faktenchecks zu Stuttgart 21 und danach mehr als einmal hochgradig geärgert. Aber aus heutiger Sicht hat er sich so verhalten, wie man es von einem lebenserfahrenen und weisen Menschen erwartet.

Beim ersten Sach- und Faktencheck präsentierte er als Vorschlag sein Stuttgart 21 plus. Das war nicht das Gelbe vom Ei. Aber immerhin hat er damals bereits durch die Blume ausgedrückt, was er von Stuttgart 21 hält: nämlich nichts. Und Heiner Geißler hatte ja nur die paar Wochen des Sach- und Faktenchecks Zeit, sich eingehender mit Stuttgart 21 zu beschäftigen. Viele Menschen beschäftigen sich schon seit Jahren mit Stuttgart 21 und entdecken immer wieder neue Abgründe. Und man darf auch nicht vergessen, dass Geißler während des ersten Sach- und Faktenchecks unter enormem Druck der Landesregierung gestanden hat. Und über diese Hürde bzw. diesen Schatten konnte er einfach nicht springen.

Bei der Präsentation des sogenannten Stresstests sah es dann schon wieder anders aus. Heiner Geißler wurde schon vor diesem Termin klar, dass Stuttgart 21 und Stuttgart 21 plus nicht umsetzbar sein werden, weder in finanzieller Sicht, noch in  bahnbetrieblicher Sicht, noch in Bezug auf die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung. Und Heiner Geißler realisierte auch, dass Stuttgart 21 de facto ein Inzucht-Projekt ist, das so gut wie nie von Fachleuten außerhalb der Stuttgarter Gruppe um Heimerl unter die Lupe genommen worden ist. Das versuchte Heiner Geißler, so gut es in der kurzen Zeit eben ging, nachzuholen. Während einer gemeinsamen Zugfahrt von Stuttgart nach Zürich mit dem CEO ad.int. von SMA, Werner Stohler, ließ er sich von diesem Fachmann in einem Schnellkurs in die Abgründe von Stuttgart 21 einweihen. Schließlich vereinbarten Geißler und Stohler, dass SMA ein Konzept für den Ausbau des Bahnknotens Stuttgart entwirft, das diesen Namen verdient. Dann zog Geißler dieses Konzept gegen Ende der Präsentation des Stresstests aus der Tasche. Jetzt spätestens müsste eigentlich auch den letzten anwesenden Mitgliedern der Tunnelparteien klar geworden sein, wie es um Stuttgart 21 steht.

Im Nachhinein betrachtet scheint mir das Verhalten Geißlers von Weisheit geprägt zu sein. Ob das jemand anderes besser hätte machen können, will ich in Frage stellen. Auf einem ganz anderen Blatt stehen freilich die (zumindest bis heute) vollkommen inakzeptablen und plumben Reaktionen verschiedener Politiker auf den Geißler-Vorschlag.

Zumindest während des ersten Sach- und Faktenchecks war auch der ehemalige Professor Gerhard Heimerl mit dabei. Er gilt als der Erfinder von Stuttgart 21. Nun ist dies für sich genommen noch kein Grund, Heimerl fundamental zu kritisieren. Anders sieht es hingegen aus, wenn man das Verhalten von Heimerl in der jüngsten Zeit betrachtet.

Obwohl während der letzten beiden Jahre herausgearbeitet werden konnte, dass bei den mit Stuttgart 21 verbundenen Versprechen und Prognosen überhaupt nichts dran ist, dass es nicht ein einziges handfestes Argument für Stuttgart 21 gibt, dass nicht eine einzige Zahl stimmt, beharrt Heimerl auf Stuttgart 21 als dem besten Konzept für den Bahnknoten Stuttgart.

Aber wie sieht es konkret mit dem Projekt aus? Die Kosten laufen aus dem Ruder. Die Fahrzeitverkürzungen für den Fernverkehr belaufen sich nicht im Bereich von Dutzenden von Minuten, sondern allenfalls von eins bis zwei Minuten und sind teilweise sogar negativ. Der ungleich wichtigere Regionalverkehr wird behindert und kann während der nächsten 100 Jahre nicht ausgebaut werden. Stuttgart 21 ist nicht leistungsfähiger als der bestehende Kopfbahnhof und kann dieselbe Leistungsfähigkeit nur durch Doppelbelegungen von Bahnsteigen, durch sehr kurze Haltezeiten von Zügen und durch Tricksereien bei den Zuglängen und den Zugarten erreichen. Mit der nur zweigleisigen Zufahrt Zuffenhausen gibt es bei Stuttgart 21 einen in Europa einmaligen Zulaufengpass zu einem Bahnknoten.

Die städtebaulichen Ziele von Stuttgart 21 sind nichts wert. Für weitere Bürogebäude gibt es in Stuttgart überhaupt keinen Bedarf. Stuttgart 21 verhindert den Wohnungsbau während der nächsten 15 bis 20 Jahre. Die Parkfläche wird nicht erweitert, sondern reduziert. Die Klimaprobleme der in einem Talkessel gelegenen Innenstadt von Stuttgart werden durch Stuttgart 21 verschärft. 

Die Fernzugversprechen bei Stuttgart 21 sind obsolet. Züge auf der glorifizierten Magistrale wird es nicht geben. Der ICE-Verkehr wird sich nicht steigern, sondern allenfalls viel teurer werden. Die Anbindung des Flughafens an den Fernverkehr ist Quatsch. Die bahnbetriebliche Situation am Flughafen ist bei Stuttgart 21 mit zwei weit auseinanderliegenden Bahnhöfen und eingleisigen Strecken eine Katastrophe.

Aber es hätte für Heimerl trotz all dieser und noch vieler anderer Dinge noch mehrere Auswege gegeben. Niemand hätte es ihm verübelt, wenn er dargelegt hätte, dass er das Konzept Stuttgart 21 zwar ursprünglich für gut befunden habe, dass aber die im Rahmen der Detailplanung zu Tage getretenen Sachverhalte ihn jetzt von Stuttgart 21 abrücken lassen. Oder es wäre auch dieser Ausweg möglich gewesen: Er hätte sagen können, dass er von Stuttgart 21 zwar nach wie vor überzeugt sei, dass aber die fehlende Akzeptanz des Projekts in großen Teilen der Bevölkerung ihn ganz klar sagen lasse, dass unter diesen Umständen das Projekt nicht verwirklicht werden dürfe.

Das alles sagt Heimerl aber nicht. Er bleibt stur, er sieht keinen Ausweg. Und dabei verstrickt er sich in Widersprüche. In einem Zeitungsinterview belehrt er die Gegner von Stuttgart 21, dass dieses Projekt kein originäres Immobilienprojekt sei. Denn ursprünglich hätte man nur einen Durchgangsbahnhof für den Fernverkehr geplant und der Kopfbahnhof wäre für den Regionalverkehr erhalten geblieben. Dann lehnt er aber die von SMA präsentierte Ausbauvariante SK 2.2 mit dem Argument ab, dass diese Variante die Gleisflächen nicht räumt.

Und er ist sich nicht zu schade, an Heiner Geißler zu schreiben und die inzwischen längst überholten und ungültigen Argumente für Stuttgart 21 zu nennen. Wobei man sich hier auch fragt, warum Heimerl im Zusammenhang mit Stuttgart 21 immer noch meint, eine wichtige Rolle spielen zu müssen. Eigentlich hat er nicht mehr oder weniger zu sagen wie jeder Bürger und jede Bürgerin.

Sturheit, Starrsinn: schade, dass es soweit kommen musste. Wir alle könnten uns allenfalls vornehmen, das wir selber anders werden, wenn wir älter werden, wenigstens ein bisschen anders oder ein bisschen weise.                         

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