Sonntag, 7. Juli 2013

Stuttgart 21 und Verband Region Stuttgart führen die S-Bahn ins Abseits

Die S-Bahnsysteme sind in vielen Regionen das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs. Sehen wir uns einmal einige Meldungen an, die in den vergangenen Wochen und Monaten zu den S-Bahnsystemen in Frankfurt/Main, München, Stuttgart und Zürich die Runde gemacht haben.

In München wird im Herbst 2013 der 150. S-Bahn-Haltepunkt (Puchham) in Betrieb genommen. Die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn wird die Leistungsfähigkeit des S-Bahnsystems signifikant erhöhen.

In Frankfurt/Main sind mit der nordmainischen S-Bahn, der Regionaltangente West und der Regionaltangente Ost weitere leistungssteigernde Investitionen in Vorbereitung.

In Zürich wird im Jahr 2014 die erste Stufe der neuen Durchmesserlinie eröffnet. Sie ist gleichzeitig die zweite Stammstrecke der S-Bahn und bringt dem S-Bahnsystem eine lang herbeigesehnte Leistungssteigerung. Das freilich reicht für die S-Bahn Zürich in Zukunft nicht aus. Deshalb ist bereits ein weiteres Bauprogramm in der konkreten Planung, das den viergleisigen Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen, den neuen Brüttener Tunnel zwischen Flughafen und Winterthur, den neuen Chestenbergtunnel, den neuen Honorettunnel und den zweiten Abschnitt des  Zimmerberg-Basistunnels beinhaltet.

In Stuttgart ist die S-Bahn aus dem Takt gekommen. Wegen vorbereitender Arbeiten für Stuttgart 21 und wegen mängelbehafteter neuer Fahrzeuge nehmen die Verspätungen und die Ausfälle von Zügen markant zu.

Wie lassen sich diese Meldungen nun miteinander verknüpfen? Sehen wir uns der Vollständigkeit halber noch einmal die wichtigsten Daten zu den vier S-Bahnnetzen an.


S-Bahn München
149 Haltepunkte
442 km Netzlänge
780.000 Fahrgäste pro Werktag
2,6 Mio Fahrgäste im Einzugsbereich

S-Bahn Frankfurt / Main
111 Haltepunkte   
303 km Netzlänge
370.000 Fahrgäste pro Werktag
3,4 Mio Fahrgäste im Einzugsbereich 

S-Bahn Zürich
171 Haltepunkte
380 km Netzlänge
394.000 Fahrgäste pro Werktag
1,6 Mio Fahrgäste im Einzugsbereich

S-Bahn Stuttgart
83 Haltepunkte
215 km Netzlänge
340.000 Fahrgäste pro Werktag
2,7 Mio Fahrgäste im Einzugsbereich

Zunächst kann man an Hand dieser Daten festhalten, dass die Stuttgarter S-Bahn von jeher den anderen S-Bahnnetzen unterlegen ist und hinterherhinkt. Das Tragische ist nun jedoch, dass sowohl das Projekt Stuttgart 21 als auch der aktuelle Aufgabenträger der Stuttgarter S-Bahn, der Verband Region Stuttgart, diese Unterlegenheit der Stuttgarter S-Bahn weiter verschlimmern.

Sehen wir uns zuerst Stuttgart 21 an. Als Folge der Arbeiten zu Stuttgart 21 wird die S-Bahn demnächst im Störungsfall nicht mehr im Kopfbahnhof enden und wenden können. Das wird sich schwer auf die Betriebsfähigkeit im Störungsfall auswirken. Würde Stuttgart 21 irgendwann einmal fertig werden, wäre die S-Bahn an vielen Stellen negativ betroffen, zum Beispiel zwischen S-Rohr und dem Flughafen und zwischen dem Hauptbahnhof und Bad Cannstatt bzw. Nordbahnhof. Nicht zuletzt hat Stuttgart 21, das ja seit ungefähr dem Jahr 1994 in der Region Stuttgart herumgeistert, den Ausbau und die Modernisierung der S-Bahn nun schon seit 20 Jahren unterbunden bzw. markant verlangsamt.

Kommen wir nun zum Verband Region Stuttgart. Es gibt den Verband Region Stuttgart seit dem Jahr 1994, zufällig (?) demselben Jahr, in dem die Stuttgart 21-Pläne publik gemacht worden sind. Die wichtigste Aufgabe, die die Landesregierung von BW dem Verband Region Stuttgart zugeteilt hat, ist die Zuständigkeit für die S-Bahn. Man kann sogar sagen, dass dies die einzige Aufgabe des Verbands von Belang ist. Im Grunde genommen beinhaltet diese Aufgabenzuteilung ein Stück Ironie. Denn der Verband Region Stuttgart ist eigentlich ein Autofahrerverband. Er wird ganz klar von Parteien und Politikern dominiert, die selten eine S-Bahn von innen sehen und die in erster Linie das Auto benutzen. Kaum überraschend dürfte vor diesem Hintergrund sein, dass das Projekt Stuttgart 21 eines seiner wichtigsten Befürworterzentren beim Verband Region Stuttgart hat.  

Nun kann man die Geschichte der Stuttgarter S-Bahn in zwei Phasen einteilen. Die erste Phase ist diejenige Phase, in der das Land BW direkt für die S-Bahn zuständig war. Diese Phase beginnt im Jahr 1972 (dem Baubeginn für die S-Bahn) und geht bis zum Jahr 1994. Mithin ist diese Phase also 22 Jahre lang. Die zweite Phase beginnt im Jahr 1994 und geht bis heute. In dieser Phase ist nicht mehr das Land, sondern der Verband Region Stuttgart für die S-Bahn zuständig. Diese Phase ist somit bisher 19 Jahre lang.

Sehen wir uns einmal an, was in den beiden Phasen für die S-Bahn geleistet worden ist. Während der ersten Phase (Land BW) wurden alle Tunnelstrecken für die S-Bahn gebaut (Innenstadt, Hasenberg, Flughafen, Bernhausen). Zudem wurde die Stammstrecke der S-Bahn in Betrieb genommen, sowie die Strecken nach Plochingen, nach Schorndorf, nach Backnang, nach Marbach, nach Bietigheim, nach Weil der Stadt, nach Böblingen und zum Flughafen.

Demgegenüber nimmt sich die Bilanz der Phase 2 bescheiden aus. Die Phase 2 ist mit bisher 19 Jahren nur wenig kürzer als die Phase 1, die ja nicht ab dem Inbetriebnahmejahr 1978, sondern ab 1972 zählt. Während der Phase 2, in der Zuständigkeit des Verbands Region Stuttgart, wurde nur das zweite Gleis zwischen Renningen und Malmsheim gelegt und die oberirdisch verlaufenden Anschlussstrecken Plochingen-Kirchheim, Marbach-Backnang und Böblingen-Renningen in Betrieb genommen. Vor diesem Hintergrund erweist sich die  Zuständigkeit des Verbands Region Stuttgart für die S-Bahn keineswegs als Glücksfall - höflich ausgedrückt.

Fazit
Die Stuttgarter S-Bahn war von jeher den S-Bahnnetzen in anderen Regionen unterlegen, eben typisch schwäbisch bescheiden. Der Wechsel der Zuständigkeit für die S-Bahn vom Land zum Verband Region Stuttgart hat diese Rückständigkeit der Stuttgarter S-Bahn noch verschlimmert. Und das Projekt Stuttgart 21 würde die S-Bahn vollends ins Abseits führen. Der Großraum Stuttgart wird damit europaweit ein Beispiel dafür sein, wie eine auf den Autoverkehr fokusierte Region ein S-Bahnnetz an die Wand fährt.                     

Kommentare:

  1. Um Ihrem Wunsch nachzukommen, nämlich das Stuttgarter S-Bahn-Netz auf das Münchner bzw. Züricher Niveau zu heben, würde mich noch interessieren, was der Verband Region Stuttgart aus Ihrer Sicht tun muss, um dieses Ziel zu erreichen. Wo könnte Ihrer Ansicht nach das Stuttgarter S-Bahn-Netz erweitert werden und welche Haltepunkte zusätzlich integriert werden.
    Über eine sachliche Antwort freue ich mich.

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    1. Bevor ich in der gebotenen Kürze auf ihr Anliegen eingehe, drei Vorbemerkungen:
      1. Wenn man von irgendjemand eine Antwort erhalten will, ist es üblich, sich nicht anonym zu geben.
      2. Wenn Sie bei der erwarteten Antwort eine Betonung auf "sachlich" legen, frage ich mich, ob ich irgendwann in diesem Blog einmal nicht sachlich gewesen bin.
      3. Die nachfolgende Antwort erfolgt wegen urlaubsbedingter Abwesenheit etwas verspätet.

      Wie auch immer, in diesem Blog gibt es bereits mehrere hundert Artikel, von denen sich einige auch mit Ihrem Anliegen beschäftigen.

      Eine Grundvoraussetzung für eine Besserung bei der S-Bahn ist selbstverständlich, dass sich die Politik und der Verband Region Stuttgart von Stuttgart 21 verabschieden und das vorhandene Geld, die vorhandenen Ressourcen und die vorhandene manpower für Verbesserungen des S-Bahnnetzes reservieren.

      Eine der wichtigsten Maßnahmen für eine Verbesserung beim S-Bahnnetz ist die Express-S-Bahn "Kopfbahnhof-Vaihingen-Flughafen-Wendlingen-Plochingen". Diese S-Bahn entlastet die Stammstrecke der S-Bahn in der Stuttgarter Innenstadt, sie bindet den Flughafen an vier Bahnknotenpunkte an, sie ermöglicht zusammen mit den beiden vorhandenen S-Bahnlinien beim Flughafen den 10-Minuten-Takt zur Innenstadt, sie entlastet die Autobahn A8 und sie benötigt beim Flughafen keinen zusätzlichen Bahnhof, sondern sie kommt mit dem vorhandenen, nicht ausgelasteten Bahnhof aus.

      Darüber hinaus gibt es zahlreiche Ausbauoptionen. Man muss sich nur mal vergegenwärtigen, dass mit Nürtingen, Göppingen und Vaihingen/Enz wichtige Städte der Region Stuttgart nicht ans S-Bahnnetz angebunden sind. Das ist ein Zustand, der in den anderen Regionen undenkbar wäre.

      Selbstverständlich sind für einen Ausbau des Stuttgarter S-Bahnnetzes größere Investitionen erforderlich, z.B. zusätzliche Gleise und sogar der eine oder andere Tunnel (z.B. im Filstal). Im Gegensatz zu Stuttgart 21 sind diese Maßnahmen jedoch etappierbar, also stufenweise umzusetzen.

      Noch eine Bemerkung zum Schluss:
      Von dem Vorschlag, der aus Kreisen der Kopfbahnhofbefürworter vor kurzem lanciert worden ist, dass man tangeniale S-Bahnlinien (z.B. Waiblingen-Esslingen, Esslingen-Ludwigsburg, Ludwigsburg-Vaihingen) einrichtet, halt ich wenig. Hier stimme ich mit der Einschätzung des Verbands Region Stuttgart überein.

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