Samstag, 27. Dezember 2025

"Nahverkehrsdreieck" - Wird dem schlechten Stuttgart 21-Geld noch gutes Geld hinterhergeworfen?

Seit einiger Zeit geistert das sogenannte Nahverkehrsdreieck durch die Stuttgarter Bahnlandschaft.

Hinter dem Nahverkehrsdreieck verbergen sich nichts anderes als tangentiale Bahnlinien, ein verkehrstechnischer Sachverhalt, von dem man besser die Finger lassen sollte. Tangentiale Bahnlinien sind Linien, die weder den Hauptbahnhof noch die Innenstadt anbinden. 

Mit dem Nahverkehrsdreieck sollen offensichtliche Defizite von Stuttgart 21 geheilt werden. Wir fragen jedoch heute: Wird dem schlechten Stuttgart 21-Geld noch gutes Geld hinterhergeworfen? 

Insbesondere Landesverkehrsminister Hermann plädiert für das Nahverkehrsdreieck. Aber auch der Verband Region Stuttgart hat eine Tangentiallinie im Rahmen des Nahverkehrsdreiecks vorgeschlagen wie folgt: Strohgäubahn - S-Feuerbach - Panoramastrecke - S-Vaihingen.

 

In Deutschland gibt es kaum Tangentiallinien 
Die Problematik von Tangentiallinien wird bei einem Blick auf die Schienennetze in Deutschland bereits klar. Bei den U-Bahnnetzen, S-Bahnnetzen und Regionalverkehrsnetzen in Deutschland gibt es so gut wie keine Tangentiallinien, sondern im Wesentlichen nur Radiallinien, Linien also, die den Hauptbahnhof und/oder die Innenstadt anfahren. Das berühmteste, allerdings bei weitem nicht das einzige Beispiel ist die Zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn. In München werden also viele Milliarden Euro für eine neue Radialstrecke investiert. Die Südumfahrung als Tangentialstrecke hatte keine Chance.
 
Die Abwärtsspirale bei den Tangentiallinien
Dort wo man Tangentiallinien einzurichten versucht, vollziehen diese eine Abwärtsspirale wie folgt:
1. Tangentiallinien haben wesentlich weniger Fahrgäste als Radiallinien.
2. Deswegen fahren Tangentiallinien mit einem größeren Takt als Radiallinien.
3. Wegen des größeren Takts sind Tangentiallinien eher unattraktiv. Selbst Fahrgäste, die die Tangentiallinien eigentlich nutzen könnten, weichen oft auf die Radiallinien aus und steigen lieber einmal um.
4. Tangentiallinien werden während der Schwachlastzeiten oft eingestellt, was sie ebenfalls unattraktiv macht.
5. In Zeiten knappen Geldes sind es die Tangentiallinien, die als erstes vollständig eingestellt werden.
6. Andererseits fehlt jeder in die Tangentiallinien investierte Euro den wichtigen Radiallinien.  
 
S-Feuerbach - S-Vaihingen über die Panoramastrecke oder über die S-Bahn-Stammstrecke?
Sehen wir uns das mal ganz konkret an einem Fahrtbeispiel von S-Feuerbach nach S-Vaihingen an.
 
Beginnen wir mit der Fahrt über die Stammstrecke.
1. Durchschnittliche Wartezeit in S-Feuerbach: 2,5 Minuten (resultierender 5 Minuten-Takt)
2. Fahrzeit S-Feuerbach - S-Vaihingen einschließlich Umsteigezeit im Bahnhof Schwabstraße: 23 Minuten
 
Gesamtreisezeit: 25,5 Minuten
 
Jetzt kommt die vom Verband Region Stuttgart vorgeschlagene Tangentiallinie S-Feuerbach - Panoramastrecke - S-Vaihingen an die Reihe (Halbstundentakt):
1. Durchschnittliche Wartezeit in S-Feuerbach: 15 Minuten
2. Fahrzeit S-Feuerbach - S-Vaihingen: 15,5 Minuten*
 
Gesamtreisezeit: 30,5 Minuten. 
 
*Die Fahrzeit Feuerbach - Vaihingen über die Panoramastrecke habe ich wie folgt ermittelt: Ich habe die Strecke gemessen. Sie ist ca. 14,3 Kilometer lang. Die Durchschnittsgeschwindigkeit habe ich mit 90 km/h angenommen. Das ergibt eine Fahrzeit von 9,5 Minuten. Die Planung sieht drei neue Haltepunkte im Verlauf der Panoramastrecke vor.  Pro Haltepunkt gibt es einen Zuschlag von zwei Minuten. Daraus  resultiert eine Gesamtfahrzeit von 15,5 Minuten. Ich nehme an, dass die Tangentialline am Haltepunkt Österfeld nicht hält.   
 
Noch größer wird der Unterschied zwischen der Fahrt über die Panoramastrecke und der Fahrt über die Stammstrecke, wenn man die maximalen Wartezeiten im Haltepunkt Feuerbach (30 min bzw. 5 min) heranzieht. 
 
Also gilt: Tangentiallinien sind bei weitem nicht so attraktiv wie es auf den ersten Blick erscheint.
 
Jegliche Nutzenbetrachtungen und Nutzen-Kosten-Analysen müssen diese Sachverhalte berücksichtigen.

An Stelle von Tangentiallinien müssen die Radialstrecken weiter ausgebaut werden. Die S5 kann von ihrem jetzigen Endpunkt Schwabstraße nach S-Vaihingen verlängert werden. Die Strecke S-Rohr - Böblingen sollte viergleisig ausgebaut werden. Dann kann die S5 nach Böblingen verlängert werden. Das mit Abstand wichtigste ist jedoch ein ergänzender Kopfbahnhof beim Stuttgarter Hauptbahnhof mit eigenen Zulaufstrecken.   
 
Langzeit-Landesverkehrsminister Hermann hat ja angekündigt, dass er zur Landtagswahl im März 2026 nicht mehr antreten wird. Hoffen wir, dass dies noch rechtzeitig erfolgt, um das Nahverkehrsdreieck in Stuttgart zu stoppen.        

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