Freitag, 7. Dezember 2012

Die Seitenflügel des Stuttgarter Kopfbahnhofs müssen wiederaufgebaut werden

Nach dem Aus für Stuttgart 21 müssen die Seitenflügel des Stuttgarter Kopfbahnhofs (der Nordflügel und vor allem der Südflügel) wiederaufgebaut werden. Diese Feststellung erfolgt keineswegs aus Prinzipienreiterei. Vielmehr haben die Seitenflügel des Stuttgarter Kopfbahnhofs wichtige Funktionen. Zudem werden sie zukünftig noch weitere Funktionen haben, an denen auch die Bahn interessiert sein dürfte. Das sehen wir uns jetzt näher an.


Der Blick geht zunächst nach Zürich
Als in Zürich in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die S-Bahn im Bau war, musste der Nordflügel des Zürcher Kopfbahnhofs abgerissen werden. Unmittelbar unter dem Nordflügel wurde die viergleisige S-Bahnstation Hauptbahnhof in größerer Tiefenlage gebaut. Bautechnisch war es fast ein Ding der Unmöglichkeit, den Nordflügel unter diesen Umständen zu unterfahren.

Es war jedoch von Anfang an klar, dass der Nordflügel des Zürcher Kopfbahnhofs nach dem Ende der Bauarbeiten für die S-Bahn wiederaufgebaut werden sollte. Denn die Schweizer Bundesbahnen (SBB) benötigten einerseits einen Teil des Gebäudes für ihre Zwecke. Andererseits ließen es sich die SBB nicht nehmen, in bester Innenstadtlage Büroimmobilien vermieten zu können.

Jetzt kommt aber der Wehrmutstropfen. Während der alte Nordflügel des Zürcher Kopfbahnhofs genauso ein architektonisches Juwel war wie der Rest des Bahnhofs, wurde der neue Nordflügel in moderner Büroarchitektur wiederaufgebaut. Mir gefällt das bis heute nicht. Als Rechtfertigung für diesen Wiederaufbau könnte man jedoch sagen, dass Zürich sehr viel mehr wertvolle historische Gebäude besitzt als Stuttgart, weil es im Zweiten Weltkrieg Gott sei Dank nur kleinere Zerstörungen gab. Somit hat die Zürcher Bevölkerung den Verlust des historischen Nordflügels ihres Kopfbahnhofs wohl sehr viel leichter verschmerzt als die Stuttgarter den Verlust der Seitenflügel ihres Kopfbahnhofs.

Die Funktionen der Seitenflügel des Kopfbahnhofs
Vielfach wird ja gesagt, die Seitenflügel des Stuttgarter Kopfbahnhofs stammten aus der Dampflokzeit und hätten auch nur in Verbindung damit ihre Funktionen gehabt. Das ist zumindest zum Teil nicht richtig. 

Eine wichtige Funktion der Seitenflügel vermisst man zur Zeit gewaltig. Ist man zur Zeit im Mittleren Schlossgarten unterwegs oder auch im angrenzenden Kernerviertel, sind die Lautsprecherdurchsagen im Bahnhof mitsamt der vorgeschalteten Signalmelodie ebensowenig zu überhören wie das laute Fauchen des ICE1-Triebkopfs beim Anfahren. Damit ist eine wichtige Funktion der Seitenflügel klar: Sie dienen als Lärmschutz für die unmittelbare Umgebung. Alle mit dem Eisenbahnbetrieb verbundenen Geräusche werden durch die Seitenflügel vom Schlossgarten und den angrenzenden Wohngebieten ferngehalten.

Eine zweite Funktion der Seitenflügel wurde auch erst klar, als sie weg waren. Die Seitenflügel schützen die Bahnsteig- und Gleisbereiche des Kopfbahnhofs. Das betrifft den Schutz vor Wind und auch den statischen Schutz des Dachs.

Die dritte Funktion der Seitenflügel ist städtebaulicher Natur. Die Seitenflügel vervollständigen nicht nur das Empfangsgebäude des Kopfbahnhofs. Vor allem der Südflügel gibt der Straße "Am Schlossgarten" erst Struktur und macht sie erst zu einer richtigen Straße und später mal zu einem potenziellen Boulevard.

Die neuen Funktionen der Seitenflügel
Zu diesen bereits bestehenden wichtigen Funktionen der Seitenflügel kommen in Zukunft neue Funktionen hinzu. Die Seitenflügel werden - wenn sie einmal nach modernsten Gesichtspunkten wiederaufgebaut sind - vielfältige Nutzungen aufnehmen können, die sich für die Bahn als Eigentümer und Bauherr dann auch versilbern lassen. Warum soll man der Bahn das nicht gönnen? 

Man kann Büroräume in den Seitenflügeln unterbringen und sie teuer vermieten. Sollte jetzt jemand sagen, dass es für zusätzliche Büroräume keinen Bedarf gibt, wäre zu erwidern, dass bei Stuttgart 21 ja auch jede Menge neuer Büroräume auf den freiwerdenden Gleisflächen geplant waren. Man könnte auch ein Einkaufszentrum in den Seitenflügeln unterbringen. Hier geht es jetzt überhaupt nicht darum, über die Sinnhaftigkeit eines solchen Einkaufszentrums zu spekulieren. Festzuhalten bleibt nur, dass die Bahn mit den wiederaufgebauten Seitenflügeln wohl eher Freude als Verdruss haben wird.

Die Architektur und städtebauliche Weiterentwicklung der Seitenflügel
In Zürich hat mir die Archiktektur des wiederaufgebauten Nordflügels nicht gefallen. Was die Stuttgarter Seitenflügel betrifft, muss man realistischerweise wohl sagen, dass ein Wiederaufbau eins zu eins exakt gemäß dem bisher Bestehenden nicht machbar sein wird. Trotzdem bin ich der Auffassung - und ich hoffe, ich bin jetzt nicht naiv - , dass die Architektur eines wiederaufgebauten Nord- und Südflügels sehr wohl so sein kann, dass diese neuen Seitenflügel mit dem bestehenden Empfangsgebäude zusammenpassen und auch architektonisch schön sind.

Man muss ja auch bedenken, dass die wiederaufgebauten Seitenflügel nicht nur Museum, Lärmschutzwand und Staffage sein sollen. Vielmehr sollen die zukünftigen Seitenflügel auch in zeitgemäßer Weise genutzt werden können. Und diesbezüglich hätte es bei den jetzt abgerissenen Seitenflügeln wohl das eine oder andere Problem gegeben.

Beim Wiederaufbau der beiden Seitenflügel des Stuttgarter Kopfbahnhofs geht es aber nicht nur darum, den bisherigen Zustand wiederherzustellen. Vor allem bei der Südflügelbebauung gibt es interessante Entwicklungsmöglichkeiten. Es ist denkbar, die Südflügelbebauung bis zur Wolframstraße fortzusetzen. Damit hätte man mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einerseits ist dann der gesamte Mittlere Schlossgarten vom Bahnbetrieb abgeschirmt. Zum Zweiten hat dann die gesamte Straße Am Schlossgarten eine Randbebauung und kann so zu einem attraktiven Boulevard entwickelt werden. Und drittens entsteht so noch mehr Bürofläche oder sonstige Gebäudefläche, die die Bahn dann vermieten kann, um auf diese Weise die (gar nicht so großen) Ausstiegskosten aus Stuttgart 21 besser verdauen zu können.

Ich habe nicht umsonst gesagt: die Südflügelbebauung soll bis zur Wolframstraße fortgesetzt werden. Ich habe nicht gesagt: der Südflügel soll bis zur Wolframstraße verlängert werden. Denn eine gleichförmige, eintönige Bebauung soll hier nicht entstehen. Es werden verschiedene, aneinandergrenzende Gebäude entstehen, die jedes für sich architektonisch etwas darstellen.

Fazit
Das Thema des Wiederaufbaus und der Weiterentwicklung der Seitenflügel des Kopfbahnhofs ist ein Beispiel dafür, wie nach dem Stopp von Stuttgart 21 die weitere städtebauliche und verkehrliche Entwicklung der Landeshauptstadt im Konsens und zum Nutzen aller Beteiligten gestaltet werden kann.          


           

   

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