Donnerstag, 9. Juni 2011

"Stresstest" ist das falsche Wort

Das Wort Stresstest ist ja seit den Nachwirkungen der Bankenkrise in aller Munde. Und weil dieses Wort heute so modern ist, versucht man, es überall anzuwenden. Auch jetzt bei der Überprüfung der verkehrlichen und betrieblichen Wirksamkeit des Projekts Stuttgart 21.

Dabei ist das Wort Stresstest im Zusammenhang mit Stuttgart 21 das falsche Wort. Denn unter einem Stresstest versteht man eigentlich etwas ganz anderes als das, wofür es jetzt im Zusammenhang mit Stuttgart 21 angewendet wird. In einem Stresstest soll eigentlich simuliert werden, wie sich eine Sache unter extremen Randbedingungen verhält. Hält die Sache (zum Beispiel eine Bank) eine Verschiebung von Randbedingungen noch aus, oder bricht die Sache auseinander? Das sind die Fragen, für die man einen Stresstest in erster Linie veranstaltet.



Beim Projekt Stuttgart 21 geht es zur Zeit aber mitnichten darum, extreme Betriebsereignisse und deren Auswirkungen zu testen. Es geht bei Stuttgart 21 zur Zeit schlichtweg um den Normalfall. Es soll geprüft werden, ob das Projekt Stuttgart 21 die absolute Mindestzahl an Zügen abfertigen kann, die ein Projekt mit Inbetriebnahmedatum 2025 bis 2030 abfertigen können muss.

Und diese absolute Mindestzahl der Züge wurde im Sach- und Faktencheck unter Heiner Geisler so definiert, dass sie 30 Prozent größer sein soll als die Zahl der Züge, die heute im Kopfbahnhof während der Spitzenstunde abgefertigt werden.

Und selbst diese absolute Mindestzahl an Zügen ist diskussionsfähig (höflich gesagt). Denn einerseits bezieht sich diese Zahl nur darauf, wieviele Züge heute im Kopfbahnhof tatsächlich fahren, nicht aber darauf, wieviele Züge fahren könnten. Auch wenn die Kapazität des Kopfbahnhofs zur Zeit durch einige der Zufahrten begrenzt wird, so wird sie doch nicht durch alle Zufahrten begrenzt. So könnten zum Beispiel über die Gäubahn heute in der Spitzenstunde noch wesentlich mehr Züge in den Kopfbahnhof einfahren, wenn man diese Züge bestellen würde.

Und auch die Steigerungsrate von 30 Prozent ist hinterfragbar. Denn in den Hochglanzprospekten der Projektbetreiber von vor einigen Jahren war noch von einer Steigerung der Zugzahlen von 100 Prozent die Rede, die das Projekt Stuttgart 21 ermöglichen würde. Und diese Steigerungsrate hatten mit großer Wahrscheinlichkeit viele Parlamentarier im Kopf, als sie über Stuttgart 21 abstimmten.

Früher hat man Stresstests nicht gemacht. Viele Dinge hat man ins Leben gerufen oder gebaut, ohne zuvor einen Stresstest zu machen. Das ist auch nicht weiter verwerflich, denn das Instrumentarium des Stresstests ist ja relativ neuen Datums. Zu allen Zeiten hat man jedoch bei Bauvorhaben und sonstigen Projekten vor dem Bau geprüft, ob sie die an sie gestellten Anforderungen unter Alltagsbedingungen erfüllen.

Und jetzt wird auch klar, warum die Stuttgart 21 - Betreiber so gerne von Stresstest reden. Denn damit können sie hervorragend von dem Skandal ablenken, dass für Stuttgart 21 nicht einmal die normale Alltagstauglichkeit vor dem Bau und vor der Entscheidung durch die Parlamente getestet wurde. Wäre die Alltagstauglichkeit vorher getestet worden, hätte die Bahn diese ja während des Sach- und Faktenchecks präsentieren können. Und dann würde die Bahn jetzt nicht schon seit Monaten unter geheimnisumwitterten Umständen an der Alltagstauglichkeit von Stuttgart 21 (genannt Stresstest) herumbasteln.

Stuttgart 21 wird den Alltagstauglichkeits-Test nicht bestehen, geschweige denn einen wirklichen Stresstest.       

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen