Donnerstag, 9. Dezember 2010

Drei Stuttgarter Oberbürgermeister und ihr Beitrag zur Stuttgarter Misere

Im letzten Post ging es um den für Stuttgart nicht gerade vorteilhaften Vergleich mit Wien, den Professor Klotz bei einer Rede auf einer Demonstration gegen Stuttgart 21 gezogen hat. Wie ist es letztlich dazu gekommen, dass dieses Unbehagen in Stuttgart besteht, dass diese Stadt bei einem Vergleich mit vielen anderen Städten so schlecht dasteht, wenn es um die Urbanität und Lebensqualität, um die Stadt- und Verkehrsplanung geht?

Ein erster Einstieg könnte der Blick auf die Stuttgarter Oberbürgermeister bilden, die Stuttgart seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute gehabt hat. Es waren gerade mal drei.

Von 1945 bis 1974 amtierte Arnulf Klett. Er wurde nach dem Krieg von der französischen Militärverwaltung als OB eingesetzt und danach mehrfach wiedergewählt. Sein Wirken und seine Amtszeit waren gekennzeichnet durch den Bruch mit der Vergangenheit. Es sollte ein neues - in diesem Falle ein autogerechtes - Stuttgart entstehen. Historische Bausubstanz sah man als nicht besonders erhaltenswert an.



Unvergesslich sind die großen Verluste an historischer Bausubstanz in der Ära Klett. Gebaude, die den Krieg überlebt haben, wurden plattgemacht. Dazu gehört zum Beispiel das Kronprinzpalais am Schlossplatz oder das Kaufhaus Schocken. Selbst das Neue Schloss oder die Markthalle hätte man um ein Haar abgerissen. 

An der Stelle der historischen Stadt entstand die autogerechte Stadt mit kreuzungsfrei geführten Stadtautobahnen, mit trennenden Verkehrsschneisen. Die ambitioniertesten Pläne der Klett-Ära wurden nicht einmal verwirklicht, wie zum Beispiel Hangstraßenautobahnbrücken an Stelle der Neuen Weinsteige.

Der zweite OB in Stuttgart nach dem Zweiten Weltkrieg war Manfred Rommel. Er amtierte von 1974 bis 1996. Manfred Rommel wurde schnell bundesweit und darüber hinaus bekannt. Er hatte einen berühmten Vater und ein gewisses Charisma. Manfred Rommel wurde Autor zahlreicher Bücher. Er hielt interessante Reden und hatte ein riesiges Repertoire an Witzen und Sprüchen.

Sein Beitrag für die Entwicklung Stuttgarts war dagegen eher bescheiden. Zwar wurden die Auswüchse der Klett-Ära durch Rommel relativ schnell unterbunden und nicht mehr weitergeführt. Es trat jedoch nichts wesentlich Neues an die Stelle der Klett`schen Planungen. Die Stadt- und Verkehrsplanung wurde in der Ära Rommel eher langweilig. Dabei wäre in dieser Zeit die letzte Chance gewesen, das Ruder herumzureißen. 

Ein Ringstraßensystem mit einem Mittleren Ring und einem Äußeren Ring (zum größeren Teil im Tunnel geführt) hätte in der Ära Rommel eigentlich angegangen werden müssen. Nur damit wäre es möglich geworden, den Durchgangsverkehr durch die Innere Stadt zu unterbinden und die Verkehrsschneisen im Stuttgarter Talkessel wieder zurückzubauen. Und es hätte eine Vielzahl weiterer zukunftsgerichteter Projekte gestartet werden müssen. Ein Masterplan für den Wiederaufbau historischer Gebäude, ein Masterplan für die Entwicklung von Boulevards, ein Masterplan für Plätze, ein Masterplan für Grünflächen. Das alles geschah nicht. Und so ist es kein Wunder, dass heute ein so verheerender Vergleich zwischen Stuttgart und Wien möglich ist, wie ihn Professor Klotz gezogen hat.

Hingegen ließ sich Manfred Rommel im Jahr 1994 von den Hubschrauberfliegern Dürr und Wissmann vom Projekt Stuttgart 21 überzeugen. Steckte dahinter ein wenig ein schlechtes Gewissen und die Absicht, wenigstens noch ein Großprojekt und eine verkehrs- und städtebauliche Weichenstellung für Stuttgart zu erreichen? Dabei setzt das Projekt Stuttgart 21 die falsche Entwicklungsrichtung der Stadt nahtlos fort. Mit den Seitenflügeln des Hauptbahnhofs wird auch noch eines der letzten Baudenkmäler zerstört. Und mit dem Halbtunnelbahnhof im Mittleren Schlossgarten wird eines der wenigen städtebaulichen Pfunde der Stadt, die durchgehende Parkverbindung von der Innenstadt bis zum Neckar, auch noch aufgehoben.

Der dritte und bis heute amtierende OB von Stuttgart ist Wolfgang Schuster, ein Ziehsohn von Manfred Rommel. Gleichwohl könnten beide unterschiedlicher nicht sein. Die Volksnähe geht Wolfgang Schuster ab. Er ist technokratischer als Manfred Rommel. Schuster versuchte, mit großen Bauprojekten zu punkten. Manches ging in die Hose, wie zum Beispiel der Trumptower am Pragsattel. Er hätte das höchste Hochhaus Süddeutschland werden sollen. Manches wirkte wenig überzeugend. Wer würde zum Beispiel dem Glaswürfel des Kunstmuseums am Schlossplatz eine städtebauliche Weichenstellung zubilligen? Eine Umkehr bei der Stuttgarter Stadt- und Verkehrsplanung fand auch unter Schuster nicht statt. Das Projekt Stuttgart 21 verfolgte er mit Verbissenheit weiter.  

Die Zeit der großen Mehrheiten für die (CDU-) Oberbürgermeister war seit Schuster jedoch vorbei. Für seine erste Amtszeit erhielt Schuster 43,1 Prozent der Stimmen. Der Gegenkandidat der Grünen, Rezzo Schlauch, kam auf 39,3 Prozent der Stimmen. Für die zweite Amtszeit wurde Schuster nur deshalb wiedergewählt, weil er dem Gegenkandidaten der Grünen, Boris Palmer, versprochen hatte, im Falle von großen Kostensteigerungen beim Projekt Stuttgart 21 die Bürger zu befragen. 

Dieses Versprechen löste Schuster nicht ein. Im Nachhinein redete er sich damit heraus, dass eine Kostensteigerung von über 80 Mio. Euro beim Anteil der Stadt für ihn keine große Kostensteigerung sei. Schuster fiel auch dadurch auf, dass er eine kommunale Volksabstimmung zu Stuttgart 21 dadurch verhinderte, dass er wenige Wochen vor der Abgabe von über 60.000 Unterschriften die Verträge zu Stuttgart 21 vorschnell unterschrieb.

Diese Vorkommnisse bewirkten, dass Schuster heute einer der unbeliebtesten Oberbürgermeister Deutschlands ist. Vor diesem Hintergrund hat es einem komischen Beigeschmack, dass Schuster auf internationalem Parkett eine gewisse Rolle spielt (z.B. Vizepräsident des kommunalen Weltverbands "Vereinigte Städte und Lokale Gebietskörperschaften"). Oder hat Schuster diese internationalen Aktivitäten angetreten, um Abstand von Stuttgart zu gewinnen?

Eines scheint jedenfalls klar zu sein: Ein solch unsinniges Projekt wie Stuttgart 21 und dessen Förderung durch die Oberbürgermeister Stuttgarts ist zum Teil auch durch die falschen Wege und Entwicklungen zu erklären, die diese Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg eingeschlagen hat. Stuttgart 21 ist jedoch in keinster Weise ein Heilmittel gegen diese Fehlentwicklungen. Vielmehr führt dieses Projekt die Stadt noch tiefer in die Misere.                

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