Sonntag, 29. August 2010

Was hat die Stadtbahn Stuttgart, was S 21 nicht hat?

In Stuttgart gibt es keine Straßenbahn und auch keine U-Bahn, sondern eine Stadtbahn. So zumindest heißt das städtische Schienennahverkehrssystem offiziell. So richtig hat sich die Stuttgarter Bevölkerung mit der Bezeichnung Stadtbahn jedoch nicht angefreundet. Die älteren Stuttgarter sagen nach wie vor Straßenbahn, die jüngeren Stuttgarter sowie die Zugezogenen sagen oft U-Bahn.

Wie auch immer, die Stadtbahn ist ein durchaus für Stuttgart passendes Verkehrssystem. Sie ist sogar, was ihren Ausbau betrifft, ein geniales System. Die Stadtbahn ging aus der früher in Stuttgart verkehrenden Straßenbahn hervor. Die Stadtbahn hat die Straßenbahn nicht an einem Tag X ersetzt, sondern über mehrere Jahrzehnte hinweg langsam Stufe für Stufe abgelöst.



Mitte der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann der erste Tunnelbau für die Stadtbahn Stuttgart. Die fertiggestellten Tunnel wurden zunächst noch von der Straßenbahn befahren. Und Mitte der Achziger Jahre wurde die erste Linie auf den Betrieb mit Stadtbahnfahrzeugen umgestellt. Bis heute geht der Bau der Stadtbahn in Stufen weiter. Und auch der Ausbauzustand, der Ende 2010 oder im Jahr 2015 erreicht sein wird, braucht noch nicht der Endzustand zu sein.

Jede Ausbaustufe der Stadtbahn konnte nach ihrer Fertigstellung verkehrswirksam in Betrieb gehen. Hätte nach der Fertigstellung einer Ausbaustufe das Geld für weitere Ausbaustufen gefehlt, wären trotzdem keine Bauruinen entstanden. Dann hätte der Endzustand des Netzes eben so ausgesehen, wie er zum Inbetriebnahmezeitpunkt der Ausbaustufe ausgesehen hat.

Das Projekt Stuttgart 21 ist nun das genaue Gegenteil der Stadtbahn Stuttgart. Es ist ein Alles-oder-Nichts-Projekt. Es kann nicht in einzelne Ausbaustufen unterteilt werden. Das Projekt S 21 erhält seine Verkehrswirksamkeit erst dann, wenn das gesamte Bauvorhaben fertiggestellt ist. Würde irgendwann während der langen Bauzeit von 10 oder wahrscheinlicher 15 Jahren das Geld ausgehen, würden alle bis dahin fertiggestellten oder im Bau befindlichen Bauwerke als Bauruinen dastehen. Das gilt auch für den Fall, wenn an irgendeiner Stelle des technisch schwierigen Projekts Probleme z.B. geologischer Art auftreten würden, oder noch schlimmer, sich eine Baukatastrophe ereignen würde. Auch dann würden alle bereits fertiggestellten Teilabschnitte Bauruinen sein.

Was für den Ausbau der Stadtbahn Stuttgart galt und gilt, muss auch für den Ausbau des Bahnknotens Stuttgart gelten. Ein Ausbau darf nur in Stufen, mosaikartig, erfolgen. Ein Vorhaben, das wie Stuttgart 21 nur als Ganzes in Betrieb genommen werden kann, ist ein Vabanquespiel mit potenziell verheerendem Ausgang. Deshalb gilt in Bezug auf die Ausbauschritte beim Ausbau des Bahnknotens Stuttgart: Hände weg von Stuttgart 21! Statt dessen behutsamer, stufenweiser und bedarfsorientierter Ausbau des bestehenden Bahnknotens Stuttgart und parallel dazu ein behutsamer, stufenweiser und ebenfalls bedarfsorientierter Ausbau des Bahnsystems im ganzen Land Baden-Württemberg.   

  

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