Samstag, 25. August 2012

Bahnweltmeister Schweiz baut Bahnhöfe weiter aus, Stuttgart baut Bahnhof zurück

Die Schweiz gilt neben Japan als das Land mit dem besten Bahnverkehr der Welt. Nirgendwo auf der Welt fahren - bezogen auf die Einwohnerzahl - so viele Züge wie in der Schweiz. Und nirgendwo auf der Welt fahren die Menschen häufiger mit der Bahn als in der Schweiz.

Und als ob das noch nicht genug wäre, plant die Schweiz in den kommenden Jahrzehnten einen weiteren massiven Ausbau der Bahnhofs- und Streckenkapazitäten sowie eine massive Steigerung der Zahl der Züge. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Planungen für das Genfer See-Gebiet (Bericht der Neuen Zürcher Zeitung vom 16.08.2012). Gemäß diesem Bericht gab es im Genfer See-Gebiet in den letzten 10 Jahren bereits eine Verdoppelung der Zahl der Bahnfahrgäste. Und für die kommenden 30 Jahre wird eine weitere Verdoppelung vorausgesagt.

Um die zukünftigen Fahrgastströme bewältigen zu können, laufen jetzt die Planungen für einen weiteren Ausbau der Hauptbahnhöfe in Lausanne und Genf auf Hochtouren. Zusätzliche Gleise und Bahnsteige sollen dort die erwarteten zusätzlichen Züge aufnehmen. Obwohl die Schweiz mit Tunnelbauten große Erfahrungen hat, sollen die zusätzlichen Bahnsteige in Lausanne und Genf oberirdisch gebaut werden. Die städtebauliche Einbindung der zusätzlichen Bahnanlagen ist zur Zeit Gegenstand umfangreicher Diskussionen und Planungen.

Im heutigen Post in diesem Blog wollen wir uns einmal die Zugzahlen einiger Schweizer Städte ansehen, sie in Bezug zu den Einwohnerzahlen setzen und mit den Stuttgarter Zahlen vergleichen. Die S-Bahnzüge zählen wir hierbei nicht mit, auch dann nicht, wenn die S-Bahnen in den jeweiligen Hauptbahnhöfen auf denselben Gleisen wie die anderen Züge verkehren.

Basel
171.000 Einwohner, 271 Züge pro Werktag, zusätzlich S-Bahnnetz

Bern
125.000 Einwohner, 367 Züge pro Werktag, zusätzlich S-Bahnnetz

Biel
51.000 Einwohner, 282 Züge pro Werktag, Biel hat zur Zeit noch kein eigenes S-Bahnnetz, wird aber von einer Linie der S-Bahn Bern angefahren.

Genf
192.000 Einwohner, 349 Züge pro Werktag, Genf hat zur Zeit noch kein eigenes S-Bahnnetz

Lausanne
128.000 Einwohner, 210 Züge pro Werktag, zusätzlich S-Bahnnetz

Luzern
78.000 Einwohner, 195 Züge pro Werktag, zusätzlich S-Bahnnetz

St. Gallen
73.000 Einwohner, 93 Züge pro Werktag, zusätzlich S-Bahnnetz

Zürich
391.000 Einwohner, 430 Züge pro Werktag, zusätzlich eines der größten S-Bahnnetze der Welt


Stuttgart
590.000 Einwohner, 346 Züge pro Werktag, zusätzlich S-Bahnnetz  

Nun gilt es, den Quotienten zwischen der Zahl der Einwohner und der Zahl der Züge pro Werktag zu bilden. Nachfolgend sind die bereits genannten Städte mit der aufsteigenden Reihenfolge dieses Quotienten aufgelistet.

Biel: 181 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Bern: 341 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Luzern: 400 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Genf: 550 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Lausanne: 610 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Basel: 631 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug 
St. Gallen: 785 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Zürich: 909 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug
Stuttgart: 1.705 Einwohner pro werktäglich verkehrendem Zug

Bewertung
Diese Zahlen zeigen zunächst einmal bereits hinreichend Bekanntes. In der Schweiz wird viel mehr Zug gefahren als in Deutschland und Stuttgart. Und in der Schweiz fahren wesentlich mehr Züge als in Deutschland und in Stuttgart. Der Unterschied liegt nicht nur im Prozentbereich. Da ist der Faktor zwei bis drei erkennbar. (Die Zahlen für Biel und Genf sind nur eingeschränkt für den heutigen Vergleich brauchbar, weil diese Städte noch nicht über eigene S-Bahnnetze verfügen).

Beängstigend wird der Vergleich, wenn man die Entwicklung in die Zukunft fortschreibt. Dieses gravierende Ungleichgewicht zwischen der Schweiz und Deutschland/Stuttgart bei der Bedeutung der Eisenbahn wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen, wenn in Deutschland und in Stuttgart nicht bald eine Kehrtwende eingeleitet wird. In der Schweiz erwartet man in den kommenden 30 Jahren eine weitere Verdoppelung der Fahrgastzahlen bei der Bahn. Das wird dazu führen, dass sich auch die Zugzahlen noch einmal verdoppeln werden.

In Deutschland und im Speziellen in BW und in Stuttgart erwartet man hingegen allenfalls einen Stillstand und eher noch eine Abnahme der Fahrgastzahlen in den kommenden Jahrzehnten. Mit dieser Begründung einer tendenziellen Abnahme der Fahrgastzahlen verweigert jetzt die Bahn den Ulmern den Bau eines fünften Doppelbahnsteigs im Hauptbahnhof.

Und diese Weltanschauung, diese Dominanz der Autolobby, dieses Resignieren in Bezug auf eine gute Zukunft der Bahn steckt auch hinter Stuttgart 21. Die bahnbrechenden Untersuchungen von Dr. Engelhardt haben es ans Tageslicht befördert: alle für Stuttgart 21 erstellten Betriebsprogramme gehen höchstens von 32 Zügen pro Spitzenstunde im Hauptbahnhof aus - weniger als heute fahren. Die 49 Züge pro Spitzenstunde des sogenannten Stresstests wurden mit dem einzigen Zweck zusammengeschustert, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Da wird jetzt wohl jedem klar werden, warum viele Eisenbahnfachleute in der Schweiz von Stuttgart 21 als dem dümmsten Bahnprojekt aller Zeiten sprechen.

Aber man muss sich diese prognostizierte unterschiedliche Entwicklung bei der Zukunft der Bahn in den beiden unmittelbar aneinandergrenzenden Ländern/Regionen Schweiz und Baden-Württemberg wirklich einmal bildhaft vorstellen. Das werden die Bürger auf Dauer nicht hinnehmen. Wenn das so weiter geht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Bürger von Baden-Württemberg ihre unfähigen Politiker bald los werden wollen bzw. dass doch irgendwann der Wunsch nach einem Zusammenschluss der Schweiz mit BW auf die Tagesordnung kommt.     

Kommentare:

  1. Sehr interessante Analyse.
    Würde mir auch hoffen, wenn in Deutschland die Bahn endlich einen Stellenwert wie ind er Schweiz oder Japan bekommen würde.
    Allerdings glaube ich nicht so recht dran.
    Grund liegt hier vor allem an der Autolobby, denn , so ist zumindest mein Eindruck, Deutschland ist ziemlich abhängig von der Automobilwirtschaft, das gilt insbesondere für BW. Da hier mind. über 700.000 Arbeitsplätze dran hängen und ein Umsatz von 350 Milliarden, werden sich die wenigsten es sich mit der Autoindustrie verscherzen wollen.

    Deswegen versuicht man ja die Bahn auch als Konkurrent zum Flugzeug umzuschreiben, obwohl es der Hauptkonkurrent zum Auto ist.

    Dazu kommt, dass besonders in D das Auto immernoch das Statussymbol schlechthin ist.

    Auch wenns traurig ist, ich glaube nicht, dass die Bürger hier aufstehen, solange sie das Auto als besser ansehen. Da werden dann lieber Subventionen auf den Ölpreis gefordert oder Steuersenkungen auf den ölpreis.

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  2. Diese Analyse macht so sehr wenig Sinn: Zunächst werden bei der Zählung die S-Bahnen weggelassen. Warum? Die S-Bahnen in der Zürich bestehen aus Zügen, die unseren Regionalexpressen/Regionalbahnen wesentlich ähnlicher sind, als unseren S-Bahnen. Würde man diese mitzählen, ergäbe sich ein völlig anderes Bild, zumal bei uns die S-Bahnen im 15 Minuten Takt verkehren, in der Schweiz aber überwiegend lediglich im 30 Minuten-Takt. Fraglich auch: die Angaben zur Gesamtzahl. Analysiert man die Züge zur Spitzenstunde ergeben sich für Zürich HB (ohne S-Bahnen) lediglich 28 Zugankünfte (Vergleich Stuttgart 37). Stellt sich die Frage, wie kommen die 430 Züge pro Tag zu stande: nun ganz einfach: die Schweiz fährt ihren Takt den ganzen Tag durch. In Deutschland wird der Takt in den Spitzenstunden ganz erheblich verstärkt. Man darf schon mal fragen: was macht wohl mehr Sinn?

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    1. Hätte ich die S-Bahnen dazugezählt, wäre die Frage gekommen, warum die Straßenbahnen und sonstigen Vorortbahnen beim Vergleich fehlen.

      Im und unter dem Züricher Hauptbahnhof fahren mehr S-Bahnzüge als unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Zudem sind die S-Bahnzüge in Zürich durchschnittlich länger als die S-Bahnzüge in Stuttgart. Dazu sind die S-Bahnzüge in Zürich auch noch doppelstöckig. Auch die herkömmlichen Züge sind in der Schweiz im Durchschnitt wesentlich länger als in Deutschland.

      Hätte ich die S-Bahnen sowie die Zuglängen auch noch mitberücksichtigt, wäre der Vergleich noch mehr zu Ungunsten von Stuttgart ausgefallen.

      Bei der sogenannten Stresstestpräsentation zu Stuttgart 21 hat im Übrigen SMA darauf hingewiesen, dass in Deutschland die Züge verlängert werden sollten. Darin liegt - so SMA - ein großes Potenzial für eine Kapazitätserhöhung, das in D zur Zeit nicht genutzt wird. Allerdings verbaut man sich bei Stuttgart 21 mit seinen Doppelbelegungen von Bahnsteigen leider auch diesen Weg.

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    2. Bitte bitte beachten: Es gibt keinen Züricher Hauptbahnhof, nur einen Zürcher HB: Ein Münchner ist ja auch nicht ein Münchener!

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