Samstag, 23. Oktober 2010

Erste Sach- und Faktenschlichtung bestätigt Argumentation in diesem Blog

Am 22. Oktober 2010 fand im Stuttgarter Rathaus unter der Leitung des Schlichters Dr. Heiner Geißler die erste von geplanten fünf bis sechs Sach- und Faktenschlichtungen mit Befürwortern und Gegnern von Stuttgart 21 statt.

Der überwiegende Teil der bei diesem Termin angesprochenen Themen wurde bereits in diesem Blog behandelt.

Herr Dr. Kefer von der DB hat in seinem einführenden Vortrag alle Vermutungen über den aktuellen Kurs der DB bestätigt. Die DB ist nicht gewillt, Deutschland eine Bürger- und Flächenbahn bereitzustellen, die allein die dringend erforderlichen massiven Fahrgastzuwächse im Bahnverkehr bringen könnte. Statt dessen konzentriert sich die DB weiterhin auf den Ausbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs, eines Verkehrs, der nur einer Minderheit dient und der in den letzten 10 bis 20 Jahren sogar von Fahrgastrückgängen gekennzeichnet war. Weiterhin packt die DB das Thema des Ausbaus des Güterverkehrs nur in sehr eingeschränktem Ausmaß an.

Man hat den Eindruck, dass es der DB in erster Linie darum geht, Prestigeprojekte zu verwirklichen und der Bauindustrie sowie der DB selbst möglichst umfangreiche Bauprojekte zukommen zu lassen.

Gut herausgearbeitet bei der Schlichtung wurde der auch in diesem Blog bereits angesprochene Unterschied bei der Planung und beim Bau von Schieneninfrastruktur zwischen der Schweiz und Deutschland.



Auch der Zürcher Kopfbahnhof wurde verschiedentlich zur Sprache gebracht. Geradezu unerträglich war, mit welchen Falschmeldungen die Befürworter von Stuttgart 21 einschließlich der DB zu Zürich aufwarteten.

So wurde behauptet, dass Zürich wegen mangelnder Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs bereits im Jahr 1990 einen Durchgangsbahnhof mit vier Gleisen gebaut hat. Hierbei handelt es sich in Wirklichkeit um nichts anderes als die S-Bahn-Zürich. Stuttgart hat einen Durchgangsbahnhof bei der S-Bahn bereits seit dem Jahr 1978. Und die vier Gleise beim Züricher S-Bahnhof sind nur im Bereich der Bahnsteige vorhanden. Auf der Strecke selbst gibt es nur zwei S-Bahngleise.

Dann wurde behauptet, dass der Züricher Kopfbahnhof nur deshalb so leistungsfähig sei, weil es mehr Zulaufgleise habe. So gebe es allein von Zürich-Oerlikon her vier Gleise. Was für ein Irrwitz. Genauso wie in Stuttgart sind diese vier Gleise sowohl für die S-Bahn als auch für den Fernverkehr. Vier Gleise für S-Bahn und Fernverkehr gibt es auch in Stuttgart z.B. aus Richtung Bad Cannstatt und aus Richtung Zuffenhausen.

Dann wurde noch auf die neue, gerade im Bau befindliche Durchmesserlinie Bezug genommen. Deren Leistungsfähigkeit, so ließ sich ein besonders dreister S21-Befürworter vernehmen, wäre genauso groß wie die des gesamten Zürcher Kopfbahnhofs. Nicht berücksichtigt hat er dabei, dass die neue Durchmesserlinie zur Hälfte S-Bahnzüge aufnehmen soll. Es gibt nämlich in Zürich wegen der besonderen Gleisgeometrie der Zulaufstrecken immer noch S-Bahnlinien, die nicht in die S-Bahndurchmesserlinie einfahren können, sondern im Kopfbahnhof anhalten. Diese S-Bahnzüge sollen zukünftig durch die neue Durchmesserlinie fahren. Ansonsten dient die neue Durchmesserlinie zur Ergänzung des überlasteten Kopfbahnhofs.

Durchmesserlinien im Regionalverkehr können auch und gerade im Stuttgarter Kopfbahnhof fahren, auch das war bereits hier das Thema. 

Immer wieder wurden Verbesserungen im Verkehr versprochen, die jedoch mit Stuttgart 21 überhaupt nichts zu tun haben. So hat die Landesregierung versprochen, mit Stuttgart 21 den heutigen unsäglichen Zweistundentakt beim IRE Stuttgart - Karlsruhe auf einen Stundentakt zu verkürzen. Aber bitte: warum kann das nicht sofort erfolgen? Wahrscheinlich, weil das Land viele Regionalisierungsmittel für Stuttgart 21 zurücklegt.

Die Neubaustrecke Wendlingen - Ulm und Stuttgart 21 wurden in der Diskussion von den Befürwortern zudem nicht immer auseinandergehalten. Immer wieder wurden Fahrzeitverkürzungen aus der Neubaustrecke Wendlingen - Ulm Stuttgart 21 zugesprochen.

Flughafenchef Fundel durfte über den Zustand bei Sperrung der Start- und Landebahn des Stuttgarter Flughafens philosophieren. Dann wäre eine schnelle ICE-Anbindung vom Stuttgarter Flughafen zum Frankfurter Flughafen besonders wichtig. Was für ein Unsinn! Übrigens soll nach den derzeitigen Fahrplanplanungen gerade mal alle zwei Stunden ein ICE am Flughafen halten. 

Fazit: Mein Eindruck ist, dass sowohl der Schlichter als auch die Kommentatoren Sympatien für die Stuttgart 21 - Gegner erkennen ließen. Deren Argumente waren mit Sicherheit stichhaltiger.

In diesem Zusammenhang muss ich einfach mal einen großen Dank an Boris Palmer aussprechen. Auf Seiten der Stuttgart 21 - Gegner kommt es nämlich nicht nur darauf an, die besseren Argumente zu haben, sondern auch, diese dem Publikum griffig präsentieren zu können. Und das hat Boris Palmer mit Bravour geschafft. Man muss es wirklich sagen: Gott sei Dank gibt es Boris Palmer.    

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