Sonntag, 22. September 2013

Stuttgarter Stadtbibliothek als letzter Rettungsanker für Stuttgart 21 und U12-Fehlplanung

Die Stuttgarter Straßenbahn AG (SSB) schaltet alle 14 Tage in den Stuttgarter Tageszeitungen und im Stuttgarter Wochenblatt Anzeigen, die wie Zeitungsartikel aussehen. Aufgabe dieser Anzeigen ist es, die SSB in einem möglichst guten und möglichst günstigen Licht erscheinen zu lassen.

Thema der Anzeige in der Woche vom 09. bis 15.09.2013 war die Stadtbahnlinie U12. Hierbei ging es auch um den Abschnitt der U12 durch das Europaviertel mit der Haltestelle Budapester Platz. Als einzige Argumente für den Bau der U12 durch das Europaviertel und für die neue Haltestelle Budapester Platz wurden in der Anzeige die Erschließung der Stadtbibliothek durch die U12 und durch die neue Haltestelle Budapester Platz sowie eine Abkürzung für die U12 angeführt.

Darauf gehen wir gleich näher ein. Halten wir jedoch zunächst einmal fest, dass die SSB es augenscheinlich seit einiger Zeit akurat vermeidet, das Thema Stuttgart 21 in irgendeiner Weise zu nennen - so auch jetzt in dieser Anzeige im Zusammenhang mit der Stadtbahnlinie U12. Ob dies aus eigener Einsicht geschieht, ob hierzu eine Order von weiter oben vorliegt oder ob es einigen Vertretern der SSB in Sachen Stuttgart 21 doch langsam mulmig wird, sei mal offengelassen.  


Dabei war dies vor noch gar nicht langer Zeit ganz anders. Da hat sich die SSB zum Beispiel gegenüber den Bewohnern von S-Münster und S-Mühlhausen nicht gescheut, den Bau der U12 und damit die bessere Erschließung dieser Stadtbezirke vom Bau von Stuttgart 21 abhängig zu machen. Denn nur wenn Stuttgart 21 gebaut würde - so trompetete es die SSB - würde sich die U12 rechnen. Die Bewohner von S-Münster und von S-Mühlhausen mögen sich hierbei vorgekommen sein wie ein Bankkunde, dem man den dringend benötigten Kredit nur dann bereit ist zu geben, wenn dieser Bankkunde gleichzeitig in einen riskanten Aktienfonds der Bank einsteigt.

Das Verkehrsministerium von BW muss Klarheit in Bezug auf die Abhängigkeit der U12 von S21 schaffen
Bleiben wir erst mal noch beim Thema der angeblichen Abhängigkeit der U12 von Stuttgart 21. Diese Abhängigkeit kann nur so gemeint sein, dass das A2-Gebiet (Gleisvorfeld des Kopfbahnhofs) nach einer Bebauung zusätzliche Fahrgäste generiert, die für die Nutzen-Kosten-Betrachtung der U12 und der Haltestelle Budapester Platz gebraucht werden. Nun wird aber das A2-Gebiet, selbst wenn Stuttgart 21 gebaut würde, frühestens im Jahr 2025 frei. Vielleicht wird es überhaupt nicht frei, wenn der Kopfbahnhof aus Leistungsgründen weiterhin betrieben werden muss. Die Altlastensanierung und die Erschließung des A2-Gebiets würden dann von 2026 bis 2030 gehen. Ab 2031 würden dort erste Gebäude errichtet werden. Die für die U12 erforderlichen zusätzlichen Fahrgäste würden in ausreichender Zahl vielleicht ab 2037 vorhanden sein.

Nun soll die U12 durch das Europaviertel mit der Haltestelle Budapester Platz aber bereits im Jahr 2016 in Betrieb gehen. Zwischen 2016 und 2037 liegen aber 21 Jahre, in denen die U12 dann betrieben würde, ohne sich volkswirtschaftlich zu rechnen. Für eine solche Situation darf es eigentlich gar keine Zuschüsse nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (Entflechtungsgesetz) geben. Was sagen die Beamten aus dem Ministerium von Minister Winfried Hermann zu dieser Sache?

Oder rechnet sich die U12 jetzt doch plötzlich ohne Stuttgart 21? Dann hätte die SSB die Bewohner von S-Münster und S-Mühlhausen zum Narren gehalten und im Vorfeld der Volksabstimmung unerlaubte Werbung für Stuttgart 21 gemacht. 

Jedenfalls scheint die ganze Angelegenheit für die SSB langsam brenzlig zu werden. Wie anders ist es zu erklären, dass man jetzt für die 120 Millionen-Investition des neuen Stadtbahntunnels neben der Heilbronner Straße und für die Führung der U12 durch das Europaviertel mit der neuen Haltestelle Budapester Platz nur noch die angeblich bessere Erschließung der neuen Stadtbibliothek und eine angebliche Abkürzung als Begründung heranzieht?

Da ist ja nicht viel übrig geblieben als Begründung für diese hundsteure neue Stadtbahnstrecke. Aber jetzt halten wir den Atem an. Selbst die neu aus dem Ärmel geschüttelte Begründung einer besseren Erschließung der Stadtbibliothek durch die neue Haltestelle Budapester Platz und die U12 stimmt nicht. Im Zeitalter von google-maps kann sich jeder selbst davon überzeugen.

Die U12 erschließt die Stadtbibliothek heute mindestens genauso gut wie es mit der Haltestelle Budapester Platz möglich wäre
Die Entfernung von der vorhandenen Stadtbahnhaltestelle "Stadtbibliothek" (früher hieß sie Türlenstraße) bis zum Eingang der Stadtbibliothek beträgt 150 Meter. Die Entfernung vom günstigsten Punkt der Haltestelle Budapester Platz zur Bibliothek beträgt ebenfalls 150 Meter. (Man muss hierzu noch wissen, dass die Bibliothek auf allen vier Gebäudeseiten jeweils mittig einen Eingang hat).

Also erschließt die U12 in ihrem heutigen Verlauf die Stadtbibliothek bereits optimal. Eine weitere teure Haltestelle und einen weiteren teuren Tunnel braucht es dafür nicht. Das ist aber noch nicht alles. Versetzen wir uns mal in einen Bibliotheksbesucher, der nach dem Ende des Besuchs mit der Stadtbahn in Richtung Innenstadt und noch weiter fahren will. Heute muss sich dieser Besucher einfach zur 150 Meter nah gelegenen Haltestelle Stadtbibliothek begeben und kann dort mit fünf Linien weiterfahren. Zukünftig hätte dieser Besucher die Auswahl unter zwei Haltestellen, der Haltestelle Stadtbibliothek und der Haltestelle Budapester Platz. Von der Haltestelle Stadtbibliothek fahren zukünftig jedoch nur noch vier Linien ab, da die U12 ja nur noch von der Haltestelle Budapester Platz abfährt.

Ginge unser Besucher nun zur Haltestelle Budapester Platz, müsste er damit rechnen, dort bis zu 10 Minuten (abends dann bis zu 15 Minuten) auf die Stadtbahn warten zu müssen. Denn von der Haltestelle Budapester Platz fährt ja nur eine Linie ab. Unter diesen Umständen wird sich jeder kundige Besucher doch auch in Zukunft jedenfalls dafür entscheiden, gleich zur nähergelegenen Haltestelle Stadtbibliothek zu gehen.

Eine Abkürzung, die nur Nachteile bringt
Und jetzt kommt die angebliche Abkürzung der U12 mit der Führung durch das Europaviertel. Heute fährt die U12 über die Heilbronner Straße und über die Friedhofstraße und bedient hierbei die auch von Anwohnern relativ stark frequentierte Haltestelle Pragfriedhof sowie die in unmittelbarer Nachbarschaft vieler Arbeitsplätze liegende Haltestelle Stadtbibliothek. Bei einer Führung der U12 durch das Europaviertel wird es die Haltestelle Pragfriedhof gar nicht mehr geben. Ebenso wird die Haltestelle Stadtbibliothek von der U12 nicht mehr angefahren. Wegen einer Abkürzung von vielleicht einer halben oder einer Minute werden also zukünftig viele Anwohner und Beschäftigte ihre direkte Stadtbahnanbindung verlieren.

Und wenn man im Zusammenhang mit dem öffentlichen Personennahverkehr das Wort Abkürzung hört, müssen sowieso alle Alarmglocken schrillen. Denn in letzter Konsequenz würde eine Stadtbahnlinie dann am schnellsten vorankommen, wenn sie auf geradem Weg zwischen den beiden Endpunkten fährt und hierbei an allen Zwischenhaltestellen vorbeifährt. Das kommt dann dem Bonmot, nach dem der Betrieb einer Straßenbahn ohne Fahrgäste der beste Betrieb ist, bedenklich nahe.

Die Stadt Mainz macht mit ihrem Geld vernünftigere Dinge
Zufällig gab es auf der Internetseite des SWR ebenfalls in der Woche vom 09. bis 15.09.2013 einen Artikel zu einer neuen Straßenbahnlinie in Mainz. Diese neue Linie mit dem Namen "Mainzelbahn" soll den Hauptbahnhof mit dem Lerchenberg verbinden. Die 9,2 Kilometer lange Linie wird 84 Mio. Euro kosten.

Wir haben in diesem Blog bereits zahlreiche ähnliche Beispiele aus anderen Städten genannt. Es wird jedesmal deutlich, was für eine eklatante Fehlinvestition die neue Führung der U12 in Stuttgart ist. Für 120 Mio Euro stampfen andere Städte ganze neue Straßenbahnstrecken aus dem Boden. In Stuttgart werden diese 120 Mio Euro dafür verwendet, vorhandene Tunnels abzureißen und zu verlegen sowie eine nicht benötigte neue Haltestelle zu bauen und die Bedienung vorhandener wichtiger Haltestellen einzustellen.

Bisher war man als Stuttgarter der Ansicht, dass Bauskandale nur irgendwo ganz weit weg möglich sind. Vielleicht hat man mal von einem Flughafen in Spanien gelesen, der für hunderte Millionen Euro gebaut worden ist und der bis heute kein Flugzeug gesehen hat. Vielleicht hat man mit einem leichten Schaudern Berichte aus Sizilien über riesige unnötige Brückenbauwerke zur Kenntnis genommen, die nur auf Druck der dortigen Betonmafia entstanden sind.

Es bestehen jedoch reale Aussichten, dass die Führung der U12 durch das Europaviertel mit der neuen Haltestelle Budapester Platz zum größten Bauskandal in Stuttgart seit Jahrzehnten werden wird. So gesehen hat Stuttgart vielleicht doch noch Chancen, in den Klub der Weltstädte aufgenommen zu  werden.                  
 

Kommentare:

  1. Obiger Artikel wurde am 22. September 2013 unter dem Pseudonym "Fritz suböm“ im Online-Forum der Stuttgarter Zeitung sowie unter dem Username "mental" im S21-Forum der www.drehscheibe-online.de gepostet. Kernfragen: Warum führen die Stuttgarter Straßenbahnen die U12 durch das Europaviertel, wenn die verkehrlichen Vorteile des 120-Millionen-Euro-Projektes eher marginal sind? Stellt das U12-Projekt eine Fehlplanung dar, oder dient es ganz anderen Zwecken? Soll die U12 möglichst rasch zur Unumkehrbarkeit des so unglücklich ins Stocken geratenen S21-Projektes führen? Fragen über Fragen, die angesichts des Umstandes, dass die massive Einflussnahme der SSB-Führung auf die politischen Entscheidungsgänge pro S21 immer offener thematisiert wird, an Brisanz gewinnt. Während sich in den S21-Online-Foren wackere Bürger trotz massiver Kosten- und Bauzeitüberschreitungen argumentativ schützend vor den Bauherrn DB stellen und zu deren Verteidigung zuweilen seitenlange Wortgefechte führen, finden kritische Beiträge über die SSB äußerst geringe Resonanz. So auch beim vorliegenden Beitrag. Wäre es nicht vornehmste Bürgerpflicht am Nesenbach, die SSB gegen aufkommende Kritik durch eifriges Posten von Beiträgen in Schutz zu nehmen? Wohl kaum, denn jeder Beitrag – ob positiv oder negativ – würde unweigerlich die Aufmerksamkeit auf die SSB und deren verborgene Machenschaften lenken. Das aber kann deren Führung angesichts der gegenwärtigen Probleme gar nicht gelegen sein. „Wer Augen hat zu sehen, der sehe ...“ sei zur öffentlichen S21-Diskussion angemerkt.

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    1. Ich muss jetzt doch einmal anmerken, dass ich es nicht erquicklich finde, wenn man meine Artikel unter einem Pseudonym irgendwo postet, ohne eine Quellenangabe vorzunehmen.

      Das ist ein Vorgang, der sogar die Möglichkeit beinhaltet, angezeigt zu werden. Wer auch immer dies tut, sollte die möglichen Folgen bedenken.

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