Dienstag, 22. November 2016

Der Stuttgarter Feinstaubalarm als Zeichen des kollektiven Versagens der Stuttgarter Politiker

In den Stuttgarter Straßen werden die höchsten Feinstaubwerte Deutschlands gemessen. Als Folge davon wird im Winterhalbjahr 2016/2017 bei entsprechender Witterung an vielen Tagen immer wieder der sogenannte Feinstaubalarm ausgerufen.

Im heutigen Post in diesem Blog gilt es zu zeigen, dass für den Feinstaubalarm ein kollektives Versagen der Stuttgarter Politiker in Verkehrsfragen, das jetzt bereits seit ca. 30 Jahren andauert, verantwortlich ist. Eine Einsicht in die gemachten Fehler ist weit und breit jedoch nicht zu entdecken. Stuttgart geht somit schweren Zeiten entgegen.

Schauen wir zunächst, was nicht für die hohen Feinstaubwerte und den Feinstaubalarm verantwortlich gemacht werden kann. Nicht verantwortlich gemacht werden kann die Kesselllage Stuttgarts mit den daraus folgenden unterdurchschnittlichen Windgeschwindigkeiten. Ebenfalls nicht verantwortlich gemacht werden kann die Lage des Feinstaubmessgeräts bei der Problemkreuzung Neckartor unmittelbar neben der Straße, anstatt dass dieses Gerät ein paar Dutzend Meter weiter weg in den Schlossgarten gesetzt wird. Genauso wenig können die Stuttgarter Bürger und Autofahrer verantwortlich gemacht werden, etwa dergestalt, dass man ihnen vorwirft, nicht auf das Auto zu verzichten. Denn es fährt kaum jemand mit dem Auto in den Stuttgarter Talkessel, der dies nicht unbedingt muss.


Der Chef von Stuttgart Tourist hat sich dieser Tage dahingehend geäußert, dass der Stuttgarter Feinstaubalarm alle Anstrengungen für eine bessere Positionierung der Stadt in Sachen Tourismus konterkariert. Da ist schon etwas dran. Über den Stuttgarter Feinstaubalarm wird überregional berichtet. Auf großen Tafeln und Transparenten wird im Umfeld von Stuttgart einschließlich der an Stuttgart vorbeifahrenden Autobahnen auf den Feinstaubalarm hingewiesen. Damit bekommt auch die große Mehrheit der Autofahrer, die in Baden-Württemberg außerhalb von Stuttgart unterwegs ist, den Feinstaubalarm mit. Damit können sich die Autofahrer der Republik ihren Teil denken. Stuttgart jedenfalls kommt als eine Stadt rüber, um die man bessser einen Bogen macht.

Noch viel schlimmer aber ist, dass der Feinstaubalarm der Beweis dafür ist, dass die Stuttgarter Bevölkerung zumindest in Teilen einer zu hohen Feinstaubbelastung ausgesetzt ist. Und das ist ein eigentlicher Skandal, wenn man die negativen Auswirkungen des Feinstaubs auf die Gesundheit und die Lebenserwartung der Menschen berücksichtigt.

In Stuttgart gibt es also überhohe Feinstaubwerte und immer wieder Feinstaubalarm. Wer oder was ist dafür verantwortlich? Hier wird die These vertreten, dass politische Fehlentscheidungen in Verkehrsfragen in den letzten 30 Jahren für diese Misere verantwortlich sind. Wir greifen uns drei Verkehrsthemen heraus.

Seit den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts benötigt der Bahnknoten Stuttgart eine zusätzliche Doppelspur
Die Stuttgarter S-Bahn, die ab dem Jahr 1978 stufenweise in Betrieb genommen worden ist, brachte für den Bahnknoten Stuttgart nur auf Teilstrecken die dringend erforderliche zusätzliche Doppelspur, nämlich im Abschnitt vom Hauptbahnhof nach Vaihingen. Zwischen Bad Cannstatt und dem Hauptbahnhof sowie zwischen Zuffenhausen und dem Hauptbahnhof wurden für die S-Bahn keine zusätzlichen Gleise verlegt. Bereits vor der Betriebsaufnahme der S-Bahn waren die Abschnitte von Bad Cannstatt zum Hauptbahnhof und von Zuffenhausen zum Hauptbahnhof viergleisig.

Seit der vollen Betriebsaufnahme der S-Bahn sind somit die Abschnitte von Bad Cannstatt zum Hauptbahnhof und von Zuffenhausen zum Hauptbahnhof zu Engstellen mutiert. Die S-Bahn hat im Verlauf dieser Abschnitte dem übrigen Bahnverkehr jeweils zwei Gleise weggenommen. Nur ganz eingeschränkt kann man noch den einen oder anderen Regionalzug über die S-Bahngleise schicken.

Bereits in der ersten Hälfte der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es Forderungen zum Bau einer neuen Doppelspur (fünftes und sechstes Gleis) zwischen Bad Cannstatt und dem Hauptbahnhof sowie auch zwischen Zuffenhausen und dem Hauptbahnhof. Wären diese Forderungen richtig aufgenommen und berücksichtigt worden, wäre die zusätzliche Doppelspur zwischen Bad Cannstatt und dem Hauptbahnhof und zwischen Zuffenhausen und dem Hauptbahnhof in den Achtziger und teilweise Neunziger Jahren im Bau gewesen und fertiggestellt worden.

Dann hätte man seit den Neunziger Jahren bereits wesentlich mehr Regionalzüge von Bad Cannstatt und von Zuffenhausen zum Hauptbahnhof führen können. Dann wäre auch die S-Bahn seit den Neunziger Jahren wesentlich pünktlicher gewesen, weil sie zwischen Bad Cannstatt und dem Hauptbahnhof und zwischen Zuffenhausen und dem Hauptbahnhof nicht mehr von anderen Zügen gestört worden wäre. In der Folge wären seit den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wesentlich mehr Menschen mit der Bahn gefahren. Der Autoverkehr im Stuttgarter Talkessel hätte nicht die heutigen Ausmaße angenommen. Ein Feinstaubalarm in den Jahren 2015ff wäre nicht erforderlich gewesen.

Bekanntlich ist es soweit aber nicht gekommen. Der Grund ist Stuttgart 21, das hinter den Kulissen bereits ab Mitte der Achtziger Jahre vorbereitet worden ist. Stuttgart 21 wird, wenn es vielleicht 2025 eröffnet wird, für die Zufahrt Bad Cannstatt tatsächlich die zusätzliche Doppelspur bringen, nicht jedoch für die Zufahrt Zuffenhausen. Und bei der Zufahrt Bad Cannstatt kommt die neue Doppelspur um ca. 30 Jahre zu spät....

Der Stuttgarter Stadtbahn fehlt im Talkessel die dritte Stammstrecke
Die Stuttgarter Stadtbahn hat nur zwei Stammstrecken. Die erste Stammstrecke ist der Streckenabschnitt zwischen Stöckach und Staatsgalerie. Die zweite Stammstrecke ist der Abschnitt zwischen Olgaeck und Stadtbibliothek. Die Zahl der Stammstrecken ist das wichtigste leistungsbestimmende Merkmal eines Schienennetzes. Die Stuttgarter Stadtbahn hat eine Stammstrecke zu wenig. Das führt dazu, dass die Stadtbahn in ihrem Kernnetz überlastet ist und dringend notwendige Kapazitätssteigerungen nicht vorgenommen werden können.

Einen Hinweis auf die fehlende dritte Stammstrecke der Stuttgarter Stadtbahn gibt auch der Vergleich mit anderen Großstädten in Deutschland. Alle vergleichbaren Großstädte in Deutschland haben drei oder mehr Stammstrecken bei ihrem städtischen Schienenverkehrsnetz. Wir haben hier in diesem Blog ja die Stammstrecken in den Großstädten Deutschlands bereits mehrfach aufgelistet. Führen wir hier noch einmal ein paar Großstädte an, damit klar ist, was gemeint ist:

München: drei Stammstrecken bei der U-Bahn und weitere Stammstrecken bei der Tram
Nürnberg: zwei Stammstrecken bei der U-Bahn und weitere Stammstrecken bei der Straßenbahn
Hannover: dreieinhalb Stammstrecken bei der Stadtbahn
Düsseldorf: drei Stammstrecken bei der Stadtbahn und weitere Stammstrecken bei der Straßenbahn
Dortmund: drei Stammstrecken bei der Stadtbahn
Bochum: drei Stammstrecken bei der Stadtbahn
Berlin: acht Stammstrecken bei der U-Bahn, weitere Stammstrecken bei der Straßenbahn
usw.

Die fehlende dritte Stammstrecke der Stuttgarter Stadtbahn hat ebenfalls etwas mit Stuttgart 21 zu tun. Hätte man sich seit Mitte der Achtziger Jahre nicht auf dieses Projekt konzentriert, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit die Notwendigkeit einer dritten Stammstrecke für die Stuttgarter Stadtbahn rasch offenbar geworden und man hätte entsprechende Pläne vorangetrieben.

Das ist bekanntlich nicht erfolgt. So haben wir in Stuttgart neben einem Eisenbahnengpass auch noch einen Stadtbahnengpass. Und so haben wir in Stuttgart ein städtisches Verkehrsmittel, das nicht adäquat auf die Erfordernisse z.B. bei einem Feinstaubalarm reagieren kann.

Die Stuttgart 21-Bauarbeiten führen bei der ersten Stammstrecke der Stuttgarter Stadtbahn zu einer Kapazitätsminderung um 20 Prozent
Als Folge der Bauarbeiten zu Stuttgart 21 werden im Verlauf der ersten Stammstrecke der Stuttgarter Stadtbahn (Stöckach-Staatsgalerie) nur noch vier an Stelle der bisher fünf durchfahrenden Linien angeboten. Denn die Linie U4 kann, von Stuttgart-Ost her kommend, nicht mehr in die Innenstadt fahren. Die Züge der Linie U4 enden nun im Verlauf der ersten Stammstrecke. Alle Fahrgäste der U4 müssen aussteigen und sich irgendwie auf die anderen vier Linien verteilen, wobei diese Linien eigentlich ja auch bereits voll sind.

Wir haben in Stuttgart somit gleich eine zweifache Stadtbahnkatastrophe. Es gibt mindestens eine Stammstrecke zu wenig - eine Folge der vergangenen Stuttgart 21-Euphorie. Damit aber nicht genug. Die Kapazität einer der beiden Stadtbahn-Stammstrecken wird wegen der Stuttgart 21-Bauarbeiten auch noch um ca. 20 Prozent eingeschränkt.

Und jetzt wirds tragikkomisch. Stuttgarts OB Fritz Kuhn und Baden-Württembergs Verkehrsminister Hermann appellieren an die Autofahrer, während eines Feinstaubalarms auf die Stadtbahn umzusteigen. Wenn dies nicht in ausreichendem Maß erfolge, müssten demnächst Fahrverbote eingeführt werden.

Nun sollte man doch glauben, dass Stuttgarts OB Fritz Kuhn nicht nur appelliert, sondern auch die Kapazitäten der Stadtbahn entsprechend erweitert. Wie verträgt es sich vor diesem Hintergrund jedoch, dass im Verlauf einer der nur zwei Stammstrecken der Stuttgarter Stadtbahn genau das Gegenteil von Kapazitätserweiterung, nämlich Kürzung gemacht wird?

Fazit
Das Projekt Stuttgart 21 mag manchem Bundesbürger nicht viel sagen. Der Stuttgarter Feinstaubalarm bringt es jetzt aber mit sich, dass weite Teile Deutschlands über das kollektive Versagen der Stuttgarter Verkehrspolitik in den letzten dreißig Jahren informiert werden und sich ihren Teil denken können. Das sollte doch dem einen oder anderen Stuttgarter Politiker langsam peinlich werden!      
               

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