Sonntag, 22. Dezember 2013

Zürcher S-Bahn 2G (2. Generation) zeigt die Absurdität von Stuttgart 21

Am 9. Februar 2014 werden die Schweizer Stimmbürger über ein großes Investitionspaket zum weiteren Ausbau der Eisenbahn in der Schweiz bis zum Jahr 2030 abstimmen. Zu diesem Paket gehören auch weitere Investitionen in den Ausbau der Zürcher S-Bahn mit dem Arbeitstitel "Zürcher S-Bahn 2G (2. Generation)".

Diese für den öffentlichen Verkehr wegweisende Abstimmung ist ein willkommener Anlass, hier in diesem Blog noch einmal auf die fundamentalen Unterschiede in Bezug auf den Bahnausbau in der Schweiz sowie in der Region Stuttgart mit dem Projekt Stuttgart 21 hinzuweisen und die Absurdität von Stuttgart 21 herauszustellen. Dies lässt sich gliedern in die drei Kapitel Bestand, aktuelle Entwicklungen sowie Planung.


1. Bestand
Die Herausarbeitung der grundlegenden Unterschiede beim öffentlichen Verkehr in Zürich sowie in Stuttgart muss mit einem Vergleich beim Bestand beginnen. Dies sind die Fundamentaldaten zu den S-Bahnnetzen in der Region Stuttgart sowie in der Region Zürich:

S-Bahn Stuttgart
Einzugsgebiet: 2,7 Mio
Fahrgäste pro Werktag*: 340.000
Fahrten pro Einwohner und Werktag: 0,13
* Quelle: VVS

S-Bahn Zürich
Einzugsgebiet: 1,6 Mio
Fahrgäste pro Werktag**: 394.000
Fahrten pro Einwohner und Werktag: 0,25
** Quelle: ZVV

Die Zahlen zeigen klar, dass die Einwohner der Region Zürich doppelt soviel mit der S-Bahn fahren wie die Einwohner der Region Stuttgart. Die Region Stuttgart hat somit beim öffentlichen Verkehr einen riesigen Nachholbedarf. Kleine Steigerungen der Fahrgastzahlen pro Jahr von ein bis zwei Prozent in der Region Stuttgart dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Region Stuttgart bei der S-Bahn wie auch beim öffentlichen Verkehr insgesamt gegenüber den benachbarten und vergleichbaren Regionen Zürich, München und Frankfurt geradezu beschämend zurückliegt.

Die Bevölkerung der Region Stuttgart wird darüber freilich im Unklaren gelassen. So bejubeln die Lokalzeitungen in der Region Stuttgart regelmäßig die bei Pressekonferenzen des VVS (Verkehrs- und Tafrifverbund Stuttgart) genannten kleinen Steigerungsraten bei den Fahrgästen des öffentlichen Verkehrs. Die Zeitungen verschweigen hierbei jedoch, dass nicht nur die Basiswerte in den vergleichbaren Regionen sehr viel höher liegen als in der Region Stuttgart, sondern dass auch die jährlichen Steigerungsraten in den Vergleichsregionen größer sind als in der Region Stuttgart.

2. Aktuelle Entwicklungen
Die aktuellen Entwicklungen beim Bahnverkehr in der Region Zürich sind durch den steten Ausbau des Bahnnetzes mit dem einzigen Ziel, die Zahl der Fahrgäste weiter zu steigern, gekennzeichnet. Der Ausbau des Netzes erfolgt hierbei in Stufen. Beim Züricher S-Bahnnetz werden regelmäßig Ausbauprogramme lanciert, die den weiteren Ausbau des Netzes (zusätzliche Gleise, zusätzliche Züge, zusätzliche Linien) zum Inhalt haben.

Die wohl bekannteste und wichtigste aktuelle Ausbaustufe der Zürcher S-Bahn ist die neue Durchmesserlinie, die in einer ersten Stufe im Juni 2014 in Betrieb gehen soll. Diese Durchmesserlinie wird einem Teil des Fernverkehrs (ab 2015) sowie einem Teil der S-Bahnlinien (ab 2014) dienen. Für die Zürcher S-Bahn ist die Durchmesserlinie so etwas wie eine zweite Stammstrecke. Denn die Durchmesserlinie wird es drei S-Bahnlinien erlauben, ohne Fahrtrichtungswechsel in Zürich durchgebunden zu werden. Für diese drei S-Bahnlinien ist in der bestehenden ersten Stammstrecke der S-Bahn kein Platz. Mit der Durchbindung der drei S-Bahnlinien sind für verschiedene Relationen in der Region Zürich massive Fahrzeitverkürzungen verbunden. 

In der Region Stuttgart läuft der Ausbau der S-Bahn (seit dem Jahr 1994 unter der Ägide des Verbands Region Stuttgart) derweil auf Sparflamme und ist inzwischen vollständig zum Erliegen gekommen. Die Fahrgastzahlen, die sowieso schon eine ganze Größenordnung kleiner sind als z.B. in der Region Zürich, steigen kaum. Alle Energie der Behörden und der Politik konzentriert sich darauf, die durch Stuttgart 21 drohenden Verschlechterungen für die S-Bahn so klein wie möglich zu halten. Dabei ist Stuttgart 21 selbst schon ein Rückbauprojekt. Wäre es ein Ausbauprojekt, könnte man argumentieren, dass eben Stuttgart 21 zukünftig einen Teil der Verkehrsleistungen der S-Bahn übernehmen soll. So aber werden in der Region Stuttgart zukünftig sowohl die S-Bahn als auch der übrige Bahnverkehr gegenüber dem Bestand gedeckelt oder sogar eingeschränkt werden. 

3. Planung
Unter das Kapitel Planung fällt die weitere Entwicklung der Bahnsysteme bis zum Jahr 2030. Hier fällt auf, dass der weitere Ausbau der Zürcher S-Bahn bis zum Jahr 2030 ganz klar zum Ziel hat, die sowieso schon vergleichsweise hohen Fahrgastzahlen gegenüber dem Stand von 2007 noch einmal zu verdoppeln. Die weitere (massive) Steigerung der Fahrgastzahlen steht allen weiteren Ausbauvorhaben der Zürcher S-Bahn voran. Festzuhalten bleibt auch, dass es für die Region Zürich konkrete Ausbaupläne beim Bahnverkehr bis zum Jahr 2030 gibt (darüber soll ja am 9.2.2014 schweizweit abgestimmt werden). Für die Region Stuttgart gibt es solche Pläne nicht. Zumindest sind derartige Pläne über die Schubladen irgendwelcher Institutionen nicht hinausgekommen. Man lebt hier in der Region Stuttgart beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs von der Hand in den Mund.

Konkret ist für die Zürcher S-Bahn geplant, wichtige Hauptstrecken (z.B. Zürich-Winterthur, Zürich-Aarau) sechsgleisig sowie weitere Strecken viergleisig auszubauen. Dies geht in der dichtbesiedelten und topographisch bewegten Region Zürich nur durch den Bau von weiteren Tunneln. Zudem ist geplant, die Zürcher S-Bahn zu strukturieren. Das S-Bahnnetz soll zukünftig aus zwei Teilen bestehen: 
Einer äußeren Express-S-Bahn, die mit Doppelstockzügen fährt, die nicht an jedem Haltepunkt halten, und die relativ weit bis an die Grenzen des Kantons Zürich sowie in die Nachbarkantone Schaffhausen, Aargau, Thurgau, Zug und Schwyz fahren,
Und einer inneren S-Bahn, die mit einstöckigen, viele Türen aufweisenden Zügen fährt, die an jedem Bahnhof anhalten.
  
Ganz genau diese Ausbauplanung liegt auch dem Vorschlag zugrunde, wie er in diesem Blog für den Bahnknoten Stuttgart gemacht worden ist ("Mit der Express-S-Bahn aus der Stuttgart 21-Sackgasse, Teil 1 bis Teil 7").

Ganz anders verhält es sich derzeit in der Region Stuttgart unter dem Damoklesschwert des Projekts Stuttgart 21. Von einer massiven Steigerung der vergleichsweise kleinen Fahrgastzahlen bei der Stuttgarter S-Bahn - geschweige denn von einer Verdoppelung der Fahrgastzahlen in den nächsten 15 Jahren - ist hier eigentlich niemals und nirgendwo die Rede. Das wird gerade jetzt bei der Anhörung zum Filderbahnhof von Stuttgart 21 besonders deutlich. Die Region Stuttgart sowie verschiedene Fildergemeinden begnügen sich damit zu fordern, dass sich durch Stuttgart 21 der S-Bahnbetrieb auf den Fildern sowie die S-Bahnbedienung des Flughafens gegenüber dem Bestand nicht verschlechtern darf. Die Bahn möge dies bitte nachweisen, ggf. durch einen Stresstest.

Was für eine schwäbische Bescheidenheit! In der Region Stuttgart gibt man sich bei der S-Bahn schon damit zufrieden, wenn der Status quo einigermaßen gehalten wird, wenn die Verspätungen und Unregelmäßigkeiten nicht weiter zunehmen. Von einem großen Wurf, von einer massiven Erhöhung der Fahrgastzahlen im öffentlichen Verkehr, bei der Bahn, bei der S-Bahn, von einem Ehrgeiz, die Region Stuttgart in Sachen Bahnverkehr auf das Niveau der Wettbewerberregionen (München, Frankfurt, Zürich) zu bringen, ist hier in Stuttgart nicht das Geringste zu spüren.  

Zusammenfassung
Zürich und Stuttgart gehören demselben Kulturkreis an. Die beiden Regionen sind weniger als 200 Kilometer voneinander entfernt und von der Wirtschaftskraft in etwa vergleichbar (wenngleich das Pro Kopf-Einkommen in der Region Zürich höher ist als in der Region Stuttgart). Und trotzdem gibt es beim öffentlichen Verkehr, beim Bahnverkehr, bei der S-Bahn himmelweite Unterschiede zwischen beiden Regionen.

Während die Region Zürich sich anschickt, neuen Fahrgastrekorden beim S-Bahnverkehr entgegenzustreben, tritt die Region Stuttgart auf der Stelle und starrt auf das Bahnprojekt Stuttgart 21 wie das Kaninchen auf die Schlange. Anstatt den öffentlichen Verkehr auszubauen, lässt es die Region Stuttgart zu, dass ihr Schicksal über einen Zeitraum mindestens 30 Jahren (1994 - 2024) von einem Bahnrückbauprojekt bestimmt wird.

Die Politiker in Form der Grünen sowie der SÖS/Linke hier in der Region Stuttgart können den Karren nicht mehr allein aus dem Dreck ziehen. Die Mehrzahl der einfachen SPD-Mitglieder, die gegen Stuttgart 21 ist, ist nicht stark genug, die halsstarrige SPD-Führung vom Stuttgart 21-Kurs abzubringen. Vor diesem verfahrenen Hintergrund sollte die Exekutive in der Region Stuttgart, im Land BW sowie im Bund jetzt stärker das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Schließlich stammen alle Ausbauvorschläge beim Verkehr nicht von Politikern, sondern von Spitzenbeamten, von Experten und Beratern. Die Politiker stimmen ggf. lediglich diesen Vorschlägen zu.

Deshalb appeliere ich jetzt ausnahmsweise mal an die Exekutive. Ich weiß, dass es in den verschiedensten Institutionen bei der Stadt Stuttgart, im Land BW sowie im Bund Spitzenbeamte bzw. -mitarbeiter gibt, die die Fehlentwicklung beim Bahnverkehr in der Region Stuttgart und den Stuttgart 21-Murks erkennen. Diese Spitzenbeamten sollten jetzt das Heft des Handelns an sich reißen und der Politik einen ganz klaren Vorschlag für die Entwicklung des Bahnverkehrs in der Region Stuttgart ohne Stuttgart 21 machen.           


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