Sonntag, 26. Mai 2013

Wie Karlsruhe ohne (Stuttgart) 21er-Projekt erfolgreich ist


Stuttgart und Karlsruhe haben mit vielen anderen Städten in Deutschland eine Gemeinsamkeit. Hier wie dort gibt es größere Flächen, die die Bahn nicht mehr benötigt und die somit für die städtebauliche Entwicklung zur Verfügung stehen.

Es gibt jedoch auch einen großen Unterschied zwischen Stuttgart und Karlsruhe. Stuttgart hat sich ein sogenanntes 21er-Projekt (Stuttgart 21) aufgehalst. Das hat zur Folge, dass Stuttgart seine Stadtplanung in weiten Teilen für die kommenden 15 Jahre der Bahn überlassen hat. Das führt zu Stillstand und stadtplanerischer Lethargie. Karlsruhe hat das Glück, seine Zukunft ohne 21er-Projekt gestalten zu können. Deshalb kann Karlsruhe die von der Bahn nicht mehr benötigten Flächen sofort bebauen. Das sehen wir uns jetzt einmal näher an.


Vor 12 Jahren hat die Bahn in Karlsruhe ihr Ausbesserungswerk aufgegeben. 33 Hektar Fläche am Rand der inneren Stadt von Karlsruhe wurden dadurch für eine anderweitige städtebauliche Nutzung frei. Das Gebiet befindet sich östlich des Karlsruher Stadtteils Südstadt. Das Entwicklungsgebiet nennt man deshalb Südstadt-Ost.

6000 neue Einwohner und über 1000 neue Arbeitsplätze in Südstadt-Ost
Auf der Fläche des Entwicklungsgebiets Südstadt-Ost hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Ein Abschluss aller Arbeiten wird für 2017 angestrebt. Insgesamt wurden bzw. werden im Gebiet Südstadt-Ost 2.800 Wohnungen für ca. 6.000 Menschen gebaut. Dazu kommen Bürogebäude für über 1.000 Arbeitsplätze. Der bereits bestehende Ostauepark wird im Rahmen des Städtebauprojekts erweitert. Zusätzlich wird ein neuer Stadtpark geschaffen.

Das Entwicklungsgebiet wird mit einer neuen Straßenbahnstrecke erschlossen. Die neue Strecke ist 2,2 Kilometer lang. Sie hat vier neue Haltestellen. Sie wurde zwischen Februar 2011 und September 2012 gebaut. Ihre Inbetriebnahme war vier Monate vor dem geplanten Termin. Die Kosten der hochmodernen Straßenbahnstrecke beliefen sich auf 30 Mio Euro, das ist ein Kilometerpreis von 13,6 Millionen Euro.

Was sind nun die konkreten Unterschiede zwischen Karlsruhe und Stuttgart, was die Nachnutzung nicht mehr benötigter Flächen der Bahn betrifft?

Stadtplanung: Die Unterschiede zwischen Karlsruhe und Stuttgart
In Karlsruhe konnte mit der Bebauung der nicht mehr benötigten Flächen sofort nach der Aufgabe der Nutzung durch die Bahn begonnen werden. Karlsruhe konnte und kann sich weiterentwickeln und kann neue Einwohner und Arbeitsplätze gewinnen. In Stuttgart ist die Fläche, die die Bahn nicht mehr benötigt, sogar größer als in Karlsruhe (ohne Berücksichtigung von Stuttgart 21). Trotzdem konnte bisher und kann in den kommenden 15 Jahren nur relativ wenig bebaut werden. Denn der Großteil der Flächen wird für Provisorien und Baustelleneinrichtungen von Stuttgart 21 benötigt. Frei wird diese Fläche - wenn überhaupt - erst dann, wenn auch in Stuttgart wegen Einwohnerrückgangs kein großer Bedarf an weiteren Wohnungen mehr bestehen wird.

Die in Stuttgart bei Politik und Verwaltung herrschende Lethargie in Sachen Stadtentwicklung zeigt anschaulich das Beispiel der Nachnutzung des ehemaligen Güterbahnhofs in Bad Cannstatt. Dieses Gelände hat die Stadt der Bahn vor vielen Jahren abgekauft, um im Rahmen der Olympiabewerbung 2004 dort Einrichtungen unterzubringen. Verschiedentlich wird freilich behauptet, dass dieser Kauf nur eine von vielen verdeckten Subventionen an die Bahn für Stuttgart 21 war. Viele Jahre nach dem Kauf dieser Fläche und ebenfalls viele Jahre nach dem Scheitern der Olympiabewerbung ist die große Fläche immer noch nicht bebaut. Aktuell streitet sich die Politik einmal mehr um die Art der Bebauung. Lange Jahre war angekündigt, dass im Jahr 2009 am Rand des Geländes vier neue Hotels entstehen sollten. Auf diese Hotels wartet man bis heute vergeblich - wie auch auf eine anderweitigen Bebaung des Areals.

Markante Unterschiede zwischen Karlsruhe und Stuttgart bei der Straßenbahn/Stadtbahn
Genauso markant wie bei der Bebauung der nicht mehr benötigten Bahnflächen ist der Unterschied zwischen Karlsruhe und Stuttgart bei der Erschließung der neuen Flächen durch die Straßenbahn / Stadtbahn.

Karlsruhe baut in Rekordzeit und mit nur 13,6 Mio Euro Kosten pro Streckenkilometer eine städtebaulich ansprechende Neubaustrecke für die Straßenbahn und vergrößert damit das sowieso schon große und immer weiter wachsende Straßenbahnnetz erneut. In Stuttgart sollen allein 200 Millionen Euro in die Hand genommen werden, um bestehende Stadtbahntunnel wegen Stuttgart 21 umzubauen und um gerade mal eine neue Haltestelle (Budapester Platz) einschließlich einer ca. 700 Meter langen neuen Strecke zu bauen. Und eigentlich ist dies gar keine neue Haltestelle und ist dies gar keine neue Strecke. Denn die bestehende Strecke in der Friedhofstraße und die bestehende Haltestelle Pragfriedhof werden dann aufgegeben. Dazu kommt, dass die neue Haltestelle Budapester Platz frühestens dann einen verkehrlichen Sinn ergibt, wenn nach einer Inbetriebnahme von Stuttgart 21 die Fläche des heutigen Gleisvorfelds des Hauptbahnhofs bebaut ist - und das wird frühestens in 20 bis 30 Jahren der Fall sein.

Fazit
1. Karlsruhe packt die Gelegenheit beim Schopf und bebaut freiwerdendes Bahngelände mit Wohngebäuden, Bürogebäuden, Parks und einer neuen Straßenbahnstrecke. In Stuttgart dagegen geht die Bebauung des freigewordenen Bahngeländes nicht so recht voran. Und das liegt an Stuttgart 21.

2. Wirksame, maßvolle, auf einen weiteren Fahrgastzuwachs zielende Investitionen in das Straßenbahnnetz in Karlsruhe stehen riesigen Investitionen in die Stadtbahn in Stuttgart gegenüber, die den Fahrgästen kaum einen Nutzen bringen. 

3. Langsam, aber doch stetig und nachhaltig festigt Stuttgart somit nicht zuletzt wegen Stuttgart 21 seine Außenseiterrolle in der Verkehrs- und Stadtplanung in Europa, eine Außenseiterrolle, die letztendlich zum langsamen Abstieg der Stadt aus der ersten Liga der europäischen und dann auch der deutschen Städte führen wird. Das gilt es durch immer wieder neue Städtevergleiche aufzuzeigen.

Karlsruhe Südstadt-Ost: Neue Wohnbebauung
Karlsruhe Südstadt-Ost: Neue Bürogebäude und Wasserspiele
Karlsruhe Südstadt-Ost: eine von vier neuen Haltestellen der Straßenbahn
Karlsruhe Südstadt-Ost: eine Straßenbahn biegt von der Durlacher Allee auf die Neubaustrecke ab und fährt hierbei an denkmalgeschützten Gebäuden des ehemaligen Schlachthofs vorbei.
Karlsruhe Südstadt-Ost: Straßenbahn-, Radfahrer- und Fußgängerachse durch das denkmalgeschützte ehemalige Schlachthofareal. Die Gebäude werden jetzt Nachnutzungen zugeführt, z.B. für die Musikhochschule Karlsruhe.
Karlsruhe Südstadt-Ost: Neue Sraßenbahnstrecke und im Bau befindlicher Stadtpark
Karlsruhe Südstadt-Ost: neue Straßenbahnstrecke vor zu renovierendem, denkmalgeschütztem Gebäude
Karlsruhe Südstadt-Ost: die Baumaßnahmen werden sich bis zum Jahr 2017 hinziehen.
Karlsruhe Südstadt-Ost: Der Wasserturm des ehemaligen Bahn-Ausbesserungswerks ist denkmalgeschützt und bleibt erhalten.
Karlsruhe Südstadt-Ost: Straßenbahn in der neuen Friedrich-Ebert-Allee mit Büro-Randbebauung
Karlsruhe Südstadt-Ost: eine Straßenbahn biegt aus der Friedrich-Ebert-Allee in Richtung Süden ab und fährt hierbei unter neuen Bürohäusern und einem im Bau befindlichen Fußgängersteg hindurch.
            

1 Kommentar:

  1. Schwache Argumentation. Selbstverständlich kann man in Stuttgart nicht sofort Gleise abmontieren und sofort mit Wohnungsbau loslegen. Der Vorsprung, den Karlsruhe hier hat, ist aber nur temporär, denn hinterher hat Stuttgart viel mehr freie Baufläche zur Verfügung.

    Ihre Argumentation ist ja nichts anderes als: Paulchen ist schon weiter als Fritzchen. Paulchen ist nach der mittleren Reife von der Schule abgegangen und verdient an der Kasse im Discounter sein eigenes Geld. Fritzchen dagegen macht Abitur und studiert Mathematik. - Stuttgart 21 ist äußerst ambitioniert und es können da noch Schwierigkeiten auf einen zukommen. Aber man packt die Sache lieber einmal richtig an, als hinterher tausend mal nachzubessern. Ist Stuttgart erst einmal ein Durchgangsbahnhof, sind ganz andere und viel bessere Fahrpläne möglich. Karlsruhe hat ja mit dem Karlsruher Modell gezeigt, was man sonst noch machen kann und sollte, um den ÖPNV zu stärken. Chemnitz hat das kopiert und alte Regionalbahnstrecken werden mit attraktiven Verbindungen wieder wirtschaftlich genutzt. Aber man sollte Stadtbahnen nicht mit Regionalbahnen gleichsetzen, denn die fahren im Schnitt doppelt so schnell. Das heißt, der Regionalbahnverkehr holt das Umland viel näher ans Zentrum.

    Man braucht in jedem Fall beides: Guten Regionalverkehr und guten Nahverkehr (durch Stadtbahnen, S-Bahnen, Straßenbahnen und Busse).

    Angemerkt sei auch: Karlsruhe hat bereits einen Durchgangsbahnhof, also stellte sich dort die Frage nach einem Umbau eines Kopfbahnhofes nie.

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