Mittwoch, 6. März 2013

Als der Virus Stuttgart 21 aus dem Hochschullabor entwich

Nach der skandalösen Entscheidung des Bahn-Aufsichtsrats, das Projekt Stuttgart 21 trotz ungeklärter Finanzierung weiterführen zu wollen, wird Stuttgart 21 wohl erst nach der Bundestagswahl gestoppt werden. Obwohl selbst die Bahn jetzt offen zugibt, Stuttgart 21 nie selbst gewollt zu haben und bei heutigem Kenntnisstand nie mit den Bauarbeiten begonnen zu haben, halten Teile der Politik im Sinne eines Machtspiels immer noch an dem Projekt fest. Bei aller Empörung über die Politik und ihre Machtspielchen sollte man jedoch nicht den Ursprung des Projekts Stuttgart 21 vergessen. Und dieser Ursprung ist an der Universität Stuttgart beim Institut des inzwischen emeritierten Professors Heimerl zu verorten.

Ein Artikel von Joe Bauer auf seiner Internetseite (www.flaneursalon.de) vom 26.02.2013 bringt hier ein wenig Licht ins Dunkel. Dort wird ein namentlich nicht genannter Ingenieur zitiert, der bei Professor Heimerl gerade zu der Zeit studiert hatte, als dort Stuttgart 21 ein Thema war. Die Kernaussage des Ingenieurs lautet, dass Stuttgart 21 eigentlich nur als Übung für die Studenten gedacht war. Es war nicht beabsichtigt, dass dieses Projekt die Hochschule verlassen und von der Politik tatsächlich aufgegriffen werden sollte. Denn für eine praktische Umsetzung war das Projekt in keinster Weise geeignet.

Warum es das Virus Stuttgart 21 letztendlich doch über die Mauern der Hochschule geschafft hat und dann von Teilen der Politik und bestimmten Interessengruppen begierig aufgesogen wurde, ist nicht ganz klar. Waren vielleicht bei der Präsentation der Übungsergebnisse Politiker zugegen? Ist Heimerl selbst mit dieser Idee bei der Politik hausieren gegangen?


Heimerl war kein Fan der Flächenbahn
Ich selbst habe an der ETH Zürich und auch an der Universität Stuttgart bei Prof. Heimerl Verkehrs- und Eisenbahnwesen studiert, allerdings ein paar Jahre, bevor Stuttgart 21 Thema wurde. Ich kann deshalb zum Werdegang von Stuttgart 21 und zur Wandlung dieses Projekts von einer Übung hin zu einem Spielball für Politiker wenig sagen. Mir fiel jedoch auf, dass die Flächenbahn nicht unbedingt das Steckenpferd von Heimerl war. Er bevorzugte die Hochgeschwindigkeitsbahn mit wenigen, teuren Strecken.

Das bekam ich selbst zu spüren. Nachdem ich von der ETH Zürich an die Uni Stuttgart gewechselt war, durfte ich, wie die anderen Studenten auch, einen Vortrag über ein frei gewähltes Verkehrsthema halten. Ich entschied mich dafür, das gerade brandneue Thema des integralen Taktfahrplans, das in der Schweiz das Licht der Welt erblickt hatte ("Bahn 2000") zu wählen. Am Ende meines Vortrags zeigte sich Heimerl vom Inhalt nicht begeistert. Er hielt die Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen den Großstädten für wichtiger als die Flächenbahn mit möglichst guten Anschlüssen in den Knotenpunkten. Die Reaktion meiner Kommilitonen und der wissenschaftlichen Mitarbeiter war gegenteilig. Sie zeigten Interesse und Begeisterung für das Thema und es schloss sich an den Vortrag noch eine lange Diskussion an. 

Verließ Stuttgart 21 die Uni eher unbeabsichtigt?
Wenn wir jetzt einmal annehmen, dass Stuttgart 21 eher unbeabsichtigt die Universität verließ und in den Armen der Politik landete, stellt sich die  Frage, ob man das wieder hätte rückgängig machen können. Heute ist diesbezüglich selbstverständlich nichts mehr möglich. Das Projekt muss heute von der Politik selbst zurückgepfiffen werden. Allerdings heißt es hierzu erst mal einen machtpolitisch günstigen Zeitpunkt abzuwarten. Die Alternative, dass Stuttgart 21 an sich selbst scheitert, mag man sich gar nicht ausdenken. Denn dann wäre schon sehr viel nicht mehr wiedergutzumachender Schaden angerichtet.

In der Anfangszeit hätte Heimerl die Ausbreitung des Virus Stuttgart 21 noch eindämmen können. Er hätte ganz klar gegenüber der Politik artikulieren können, dass Stuttgart 21 eigentlich nicht für die praktische Umsetzung bestimmt war und dass sich dieses Projekt nicht rechnet. Das hat er nicht getan. Im bereits erwähnten Artikel von Joe Bauer wird spekuliert, dass Heimerl bei einem Zurückpfeifen von Stuttgart 21 wohl um Zuschüsse für sein Institut gefürchtet hat. Vielleicht ließ es einfach auch sein Stolz nicht zu, ein Projekt, das aus seinem Institut den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hatte, abzulehnen.

So kam es, dass Heimerl das Projekt verteidigte, dass er vor Gericht als Gutachter für das Projekt auftrat, dass er trotz hohen Alters auch im Sach- und Faktencheck unter Heiner Geißler auftauchte und dass er seinen Musterschüler, den heutigen technischen Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG, Arnold, als Chefpropagandist für Stuttgart 21 einsetzte.

Die Ironie und Tragik hinter Stuttgart 21 
Die - freiwillige oder unfreiwillige - Rolle von Heimerl in Sachen Stuttgart 21 beinhaltet jedoch auch eine gewisse Ironie und Tragik. Denn Heimerl gilt - zusammen mit der Firma Intraplan - als der Erschaffer der sogenannten Standardisierten Bewertung. Das ist ein vereinheitlichtes Verfahren für die Bewertung von Investitionen in den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Dieses Verfahren, das heute in Bezug auf die Zuschüsse zu den Investitionen des ÖPNV zwingend angewendet werden muss, soll bei diesen Investitionen Transparenz herstellen, indem es verschiedene Vorhaben vergleichbar macht und indem es eine objektive, den Manipulationen von Lokalpolitikern entzogene Bewertung des Nutzen-Kosten-Verhältnisses der einzelnen Vorhaben zulässt.

Und nun propagiert ausgerechnet der Erfinder der Standardisierten Bewertung mit Stuttgart 21 ein Projekt, das das genaue Gegenteil von Transparenz, von Vergleichbarkeit, von einem positiven Nutzen-Kosten-Verhältnis darstellt. Und bei der NBS Wendlingen-Ulm wurden alle Tricks angewandt (Stichworte Leichtgüterzüge und Regionalzugbestellungen des Landes), um gerade noch zu einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von größer als eins zu kommen. Da erfindet also jemand Regeln, die schließlich von der Politik anerkannt werden. Anschließend setzt dieser jemand dann aber all seine Enerigie ein, um zwei Projekte durchzuboxen, die nur mit vielen Tricks diesen Regeln entsprechen bzw. bei denen wegen Aussichtslosigkeit diese Regeln erst gar nicht angewandt werden.

Mit diesen Widersprüchen muss Heimerl leben. Vielleicht liegt darin auch der Grund, dass er sich im hohen Alter zum Sach- und Faktencheck zu Stuttgart 21 begeben hat. Von Stuttgart 21 abzulassen und seinen Fehler einzugestehen, dürfte für ihn nicht mehr möglich sein.                                          

Kommentare:

  1. Heimerl ist der Prototyp des Faktenverdrehers und Manipulateurs. Das betrifft nicht nur die Standardisierte Bewertung, die "genialerweise" genau die Parameter bewertet, bei denen die Eisenbahn günstiger als die Strasse abschneidet und bei der sich die völlig sinnlosen Zehntelminutengewinne an Reisezeit, milliardenfach multipliziert, zu - angeblichen - riesigen volkswirtschaftlichen Nutzen aufaddieren, nur damit das bereits in den 70er Jahren von einigen BDs entwickelte Konzept von Hochgeschwindigkeitsstrecken ein N/V >1 aufweist. Kosten der Trennungswirkung ? Gibt es zwar bei der Strasse, aber nicht bei der Bahn.
    Dazu kommt dann noch das pseudowissenschaftliche Konstrukt des Schienenbonus, das von Heimerl und der BD München ausgekocht wurde - und das auch nur, um sein Lieblingsspielzeug Stuttgart-Mannheim wirtschaftlich schön rechnen zu können.
    Heute steht es aber mit den eisenbahnwissensch. Lehrstühlen nicht besser, weil KEINER in DE sich der geldhaltigen Umarmung der DB entziehen kann - wissenschaftliche Unabhängigkeit ist bei diesen Lehrstühlen in Stuttgart, München, Dresden ein Fremdwort.
    Wer es noch nicht erkannt hat, dem sei gesagt: die Eisenbahn hat in DE nur unter mafiösen Strukturen eine Gegenwart und Zukunft - nicht aber in einer Demokratie.

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  2. Sie schrieben, dass (Heimerl) seinen Musterschüler, den heutigen technischen Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG, Arnold, als Chefpropagandist für Stuttgart 21 einsetzte.

    Sind Sie sich sicher, dass die Herren mittlerweile nicht die Rollen getauscht haben? Die SSB hat vor Jahrzehnten eine kostensenkende Standardisierung ihres rollenden Materials versäumt. Mittlerweile laufen ihr die Kosten davon. Arnold ist dringend angewiesen, den aufwändigen Fahrbetrieb zu finanzieren. Da kommt ihm eine Quersubentionierung seines Unternehmens durch S21 gerade recht, sieht man von seinen persönlichen Ambitionen einmal ab. Arnold selbst zählt zu den geistigen Vätern des Tiefbahnhofs. Über das Verkehrswissenschaftliche Institut Stuttgart (www.vwi-stuttgart.de) haben er und Heimerl über Jahre hinweg massive Lobbyarbeit für S21 u. a. in Politik und Verbänden betrieben.

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