Dienstag, 12. Februar 2013

Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) fällt wegen Stuttgart 21 immer weiter zurück

Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat in diesen Tagen die Verkehrszahlen für das Jahr 2012 präsentiert. Mit Stolz verkündet der VVS, dass die Fahrgastzahlen im Jahr 2012 zum wiederholten Mal angestiegen sind. Im Jahr 2012 sind mit dem VVS 338 Millionen Fahrgäste gefahren, das entspricht 140 Fahrten pro Einwohner und Jahr.

Nun sind diese Zahlen für sich allein betrachtet wenig aussagekräftig. Um diese Zahlen bewerten zu können, muss man Vergleiche mit anderen Verkehrsverbünden ziehen. Das wollen wir heute mal tun. Wir vergleichen die Zahlen des VVS mit den Zahlen des Münchner Verkehrsverbunds (MVV) und mit den Zahlen des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV). Mit diesen beiden Nachbarregionen will sich die Region Stuttgart ja immer vergleichen. Stuttgart will ja in derselben Liga spielen wie die beiden Weltstädte München und Zürich. Also muss sich der VVS jetzt auch mal einen Vergleich mit den Nachbarverkehrsverbünden gefallen lassen.


Die Verkehrszahlen der drei Verkehrsverbünde sehen wie folgt aus:
VVS: 338 Mio Fahrten im Jahr 2012,
MVV: 633 Mio Fahrten im Jahr 2010,
ZVV: 590 Mio Fahrten im Jahr 2011. 

Diese Zahlen sind eindeutig. Der öffentliche Verkehr in der Region Stuttgart liegt weit hinter dem öffentlichen Verkehr in den Regionen München und Zürich zurück. Jetzt mag allerdings ein Einwand kommen. Um aussagekräftige Zahlen zu erhalten, muss man doch die Einwohnerzahlen mitberücksichtigen. Bitte schön, das können wir gerne machen.

Die Einwohnerzahlen der Einzugsgebiete der drei Verkehrsverbünde sind wie folgt:
VVS: 2,4 Mio Einwohner,
MVV: 2,7 Mio Einwohner,
ZVV: 1,4 Mio Einwohner. 

Damit lassen sich die Fahrten pro Einwohner und Jahr berechnen:

VVS: 140 Fahrten pro Einwohner und Jahr
MVV: 234 Fahrten pro Einwohner und Jahr
ZVV: 421 Fahrten pro Einwohner und Jahr 

Auch diese Zahl zeigt eindeutige Ergebnisse. In den im Wettbewerb mit der Region Stuttgart stehenden Nachbarregionen fahren die Menschen wesentlich häufiger mit dem öffentlichen Verkehr und fahren sehr viel mehr Menschen mit dem öffentlichen Verkehr als in der Region Stuttgart.

Was ist der Grund für die schlechten Zahlen des VVS?
Die Zahlen, die der VVS jetzt vorgelegt hat, sind also alles andere als gut. Sie sind sogar grottenschlecht. Was ist die Urache für die schlechten Zahlen? Man könnte als Grund die immer wieder genannte Dominanz der Autoindustrie in Stuttgart und in der Region Stuttgart anführen. Die Autolobby beeinflusst sicher direkt und indirekt die politischen Entscheidungen in der Region Stuttgart in Sachen Verkehr. Aber ist dies der einzige Grund?

Ich bin der Auffassung, dass das Projekt Stuttgart 21 ebenfalls maßgebend für die schlechte Entwicklung in Sachen öffentlicher Verkehr in der Region Stuttgart ist. Jetzt könnte man allerdings sagen, dass Stuttgart 21 ja auch eine Ausgeburt der Autolobby ist, womit wir wieder beim ersten Grund angekommen wären.

Stuttgart 21 als Ursache für den schlechten Zustand des öffentlichen Verkehrs in der Region Stuttgart
Seit über 20 Jahren geistert das Projekt Stuttgart 21 nun hier in der Region Stuttgart herum. Seit über 20 Jahren ist in der Region Stuttgart alles in Sachen Verkehr auf Stuttgart 21 fokusiert. Seit über 20 Jahren behindert Stuttgart 21 nun bereits eine Entwicklung des öffentlichen Verkehrs in der Region Stuttgart, während sie in den anderen Regionen mit großem Elan stattfindet.

Der aktuelle Zustand des öffentlichen Verkehrs in der Region Stuttgart ist alles andere als gut. Das hat auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in einer Pressemitteilung in den letzten Tagen thematisiert. Viele dringend benötigte Vorhaben beim S-Bahnverkehr wären nach Überzeugung des VCD längst umgesetzt, hätte es das Projekt Stuttgart 21 nicht gegeben.

Die großen Defizite beim öffentlichen Verkehr in der Region Stuttgart
In diesem Blog sind die großen Defizite beim öffentlichen Verkehr in der Region Stuttgart immer wieder Thema gewesen. Das S-Bahnnetz der Region Stuttgart ist trotz der beiden Neueröffnungen Ende letzten Jahres das kleinste aller vergleichbaren Regionen. Beim Stuttgarter S-Bahnnetz gibt es als einzigem unter den vergleichbaren S-Bahnnetzen keine belastbaren Pläne für eine Entlastung der überlasteten S-Bahn-Stammstrecke. Das Stuttgarter Stadtbahnnetz hat als einziges unter den vergleichbaren U-Bahn-, Stadtbahn- und Straßenbahnnetzen nur zwei Stammstrecken und damit eine Stammstrecke zu wenig.

Anstatt wie in den anderen Region stufenweise eine Verbesserung für den öffentlichen Verkehr zu erreichen, hat man sich in der Region Stuttgart auf die Idee eines Landesfürsten konzentriert. Die Region Stuttgart wollte lieber das einzige Verkehrsprojekt Europas bauen, das nicht im Bedarfsplan des zuständigen Staates enthalten ist. Man wollte lieber ein Alles-oder-Nichts-Projekt bauen, das vor seiner Fertigstellung in vielleicht 20 Jahren keinerlei Nutzen abwirft, das eine latente Gefahr in sich birgt, als Bauruine zu enden und das, würde es jemals fertig werden, sogar summa summarum einen Rückschritt für den öffentlichen Verkehr im Vergleich zum Bestand bringen würde.  

Stuttgart 21 ist ein Desaster mit Folgen
Würde man Stuttgart 21 bauen, würde sich der Stillstand in Sachen öffentlicher Verkehr in der Region Stuttgart weitere 20 Jahre hinziehen. Auch wenn Stuttgart 21 jetzt in Kürze gestoppt wird, wird das über viele Jahre angehäufte Defizit in Sachen öffentlicher Verkehr in der Region Stuttgart lange Zeit bestehen bleiben. Es wird möglicherweise bis zu 100 Jahre benötigen, bis die Region Stuttgart in Sachen öffentlicher Verkehr wieder gleichauf liegt mit den im Wettbewerb mit Stuttgart stehenden und durchaus mit der Region Stuttgart vergleichbaren Regionen München und Zürich.

Stuttgart 21 ist also ein Desaster mit Folgen, weit über unsere Lebenszeit hinaus. Generationen von zukünftigen Stadtplanern, Raumplanern und Verkehrsexperten werden sich noch mit diesem Thema beschäftigen und hierüber Doktorarbeiten schreiben. Und ob die Autolobby letztendlich mit diesem Rückstand der Region Stuttgart in Sachen öffentlicher Verkehr auf Dauer glücklich ist, darf bezweifelt werden.   

Quellen:
www.vvs.de
Auf der Titelseite findet sich zur Zeit der Bericht "VVS 2012 mit neuem Rekord"

www.mvv-muenchen.de
Schaltfläche "Der MVV", dann "MVV in Zahlen", dann Verbundraumdaten 2010

www.zvv.ch
Schaltfläche "Unternehmen ZVV", dann "Kennzahlen und Statistiken", dann "Fahrgastzahlen", dann pdf-Geschäftsbericht 2011, Seite 4 und Seite 16
          

Kommentare:

  1. Hallo Herr Möbus,

    dieser Vergleich ist von elementarer Bedeutung. Herzlichen Dank!
    Um diese Zahlen in großem Stil verbreiten zu können, sollten aber auch die Quellen genannt werden. Könnten Sie diese bitte noch ergänzen?

    Siehe auch http://www.parkschuetzer.de/statements/150146

    Frdl. Grüße
    Peter Fendrich

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  2. Hallo Herr Fendrich,
    Sie haben ja vollkommen Recht. Ich habe jetzt die Quellen am Ende des Artikels ergänzt.

    Grüße
    Fritz Möbus

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