Freitag, 16. November 2012

Der verspätungsanfällige IRE Stuttgart-Lindau beweist: S21 ist die falsche Investition

Der zweistündlich von Stuttgart nach Lindau über Ulm verkehrende Interregio-Express (IRE) hat einen zweifelhaften Rekord inne: Dies ist der verspätungsanfälligste Zuglauf, der den Stuttgarter Hauptbahnhof anfährt. Es vergeht praktisch kein Werktag, an dem nicht fast jeder dieser Züge wenigstens einige Minuten oder auch eine zweistellige Minutenzahl Verspätung aufweist. Die Verspätung wird hierbei weniger in Oberschwaben als vielmehr in den Hauptbahnhöfen von Ulm und Stuttgart sowie im Verlauf der Strecke von Stuttgart nach Ulm eingefahren.

Wir wollen im heutigen Post der Sache auf den Grund gehen. Zunächst gibt es einige Beispiele für Initial- und Folgeverspätungen dieses Zuglaufs. Dann fragen wir uns, ob Stuttgart 21 und die NBS Wendlingen-Ulm diese Verspätungen beseitigen könnten. Als dritter Punkt beschäftigen wir uns mit Maßnahmen, die eine entscheidende Verbesserung bei der Pünktlichkeit und damit bei der Attraktivität dieses Zuglaufs bewirken können. Zuletzt stellen wir dann mit Entsetzen fest, wie falsch das Land Baden-Württemberg seine Gelder investieren will, anstatt mit relativ bescheidenen Mitteln fundamentale Verbesserungen für die Attraktivität des Bahnverkehrs zu erreichen.


Initial- und Folgeverspätungen
Ich fahre nur hin und wieder mal mit dem IRE Stuttgart-Lindau und habe deshalb nur ein bescheidenes Repertoire an Verspätungsursachen bei diesem Zuglauf. Fahrgäste, die den Zug regelmäßig benutzen oder Mitarbeiter der Bahn könnten hierzu sicher noch wesentlich mehr beitragen.

Fangen wir mit einem Beispiel an. Ein IRE ist einigermaßen pünktlich aus Oberschwaben im Ulmer Hauptbahnhof angekommen. Um 18:54 Uhr soll dieser IRE planmäßig nach Stuttgart weiterfahren. Leider geht das aber nicht, weil der planmäßig 3 Minuten vor dem IRE in Richtung Stuttgart fahrende ICE ca. 5 Minuten Verspätung hat (Initialverspätung für den IRE). Der ICE fährt schließlich um 18:56 Uhr vom Ulmer Hauptbahnhof ab. Drei Minuten später, also um 18:59 Uhr könnte jetzt der IRE folgen. Leider geht das aber auch nicht, weil jetzt ein verspäteter EC aus Richtung Stuttgart erwartet wird (planmäßig 18:53 Uhr in Ulm, aber 8 Minuten Verspätung) und der IRE in Richtung Stuttgart eine Gleiskreuzung mit dem EC von Stuttgart hat (Folgeverspätung für den IRE). Schließlich kann der IRE dann um 19:02 Uhr nach Stuttgart abfahren, mit 8 Minuten Verspätung. Dabei hat der IRE noch Glück gehabt, denn um 19:07 wird bereits ein ICE aus Stuttgart erwartet, der den IRE in Ulm ebenfalls ausgesperrt hätte. Nehmen wir an, dass es unterwegs ausnahmsweise keine weiteren Folgeverspätungen gibt und der IRE sogar noch 3 Minuten herausholen kann. Trotzdem kommt der IRE dann mit 5 Minuten Verspätung in Stuttgart an.

Sehen wir uns jetzt mal die umgekehrte Richtung von Stuttgart nach Ulm an. Der planmäßig um 8:02 in Stuttgart abfahrende IRE käme planmäßig um 7:56 aus Richtung Ulm in Stuttgart an. Der Zug steht also planmäßig nur 6 Minuten im Kopfbahnhof (normalerweise ist das kein Problem). Nun kommt der Zug aber mit 5 Minuten Verspätung aus Ulm an, also um 8:01 Uhr. Die technische Wendezeit im Stuttgarter Hauptbahnhof beträgt 4 Minuten. Das entspricht auch in etwa der Fahrgastwechselzeit des oft sehr stark besetzten Zuglaufs. Damit könnte der IRE jetzt um 8:05 Uhr von Stuttgarter Hauptbahnhof abfahren.

Leider geht das aber nicht. Denn planmäßig um 7:58 Uhr fährt ein EC von Stuttgart nach Graz über Ulm und dieser EC hat selbstverständlich Vorrang vor dem IRE. Der EC hat auch noch Verspätung und fährt tatsächlich erst um 8:04 in Stuttgart ab. Nun könnte der IRE um 8:07 Uhr folgen. Leider geht das aber auch nicht, denn um 8:07 Uhr fährt ein IC nach Nürnberg und dieser Zug hat ebenfalls Vorrang vor dem IRE. Schließlich kann der IRE dann um 8:10 Uhr von Stuttgart abfahren.

Jetzt hat der IRE bereits eine Verspätung von 8 Minuten. Damit wird er aber zu einem äußerst unbeliebten Gast auf der Strecke Stuttgart-Ulm. Denn dieser verspätete Zug behindert jetzt potenziell alle anderen Züge, die eventuell pünktlich sind. Und da passiert es auch schon: der IRE wird durch einen nachfolgenden ICE nach Ulm, der planmäßig um 8:12 Uhr in Stuttgart abfährt, aus der Bahn geworfen. In Göppingen wird der IRE auf ein Nebengleis geleitet und muss sich die Zugüberholung durch den ICE gefallen lassen. Wäre der IRE pünktlich gewesen, wäre er vor dem ICE in Ulm gewesen. Durch die unplanmäßige Zugüberholung hat der IRE jetzt weitere 5 Minuten Verspätung erhalten, so dass er mit insgesamt 13 Minuten Verspätung in Ulm ankommt. Einige der Anschlusszüge in Ulm sind jetzt schon weg. Die Fahrgäste freuen sich.

S21 und die NBS Wendlingen-Ulm können die Pünktlichkeit der Züge nicht erhöhen
Sehen wir uns jetzt einmal an, ob die Pünktlichkeit des IRE Stuttgart-Lindau durch Stuttgart 21 und die NBS Wendlingen-Ulm erhöht werden könnten. Die Initialverspätung für den IRE, die Verspätung des ICE in Ulm Richtung Stuttgart, resultiert aus Bayern und wird von S21 nicht beeinflusst, ebenso wenig die Verspätung des EC von Stuttgart. Die Gleiskreuzung zwischen dem IRE aus Oberschwaben und dem ICE/IC/EC von Stuttgart bleibt in Ulm zudem auch mit der NBS erhalten.

In Stuttgart könnte der IRE bei Stuttgart 21 im Hauptbahnhof gar nicht enden und wenden. Er müsste irgendwo in die Weiten des Landes Baden-Württemberg weiterfahren und hierbei die nur zweigleisige Zufahrt Zuffenhausen des S21-Hauptbahnhofs nutzen. Bei dieser Zufahrt würde der IRE aber sein blaues Wunder erleben. Denn bevor der verspätete IRE von Stuttgart weiterfahren könnte, müsste er bei der Zufahrt Zuffenhausen erst einmal anderen wichtigeren Zügen den Vortritt lassen. Dadurch würde sich die Verspätung des IRE weiter erhöhen. Und im Gegensatz zum Kopfbahnhof gäbe es bei Stuttgart 21 auch Probleme mit dem Stehenbleiben im Hauptbahnhof. Denn wegen der äußerst eingeschränkten Kapazität des S21-Hauptbahnhofs mit nur 8 Gleisen müsste der IRE eigentlich auch sofort den Bahnhof verlassen. Nur wohin? Der IRE müsste sich also in Luft auflösen. Man kann den verspäteten Zug weder im Bahnhof noch in der Zulaufstrecke Zuffenhausen gebrauchen.

Durch relativ kleine Investitionen kann die Pünktlichkeit und die Attraktivität des IRE verbessert werden
Nachdem Stuttgart 21 und die NBS Wendlingen-Ulm augenscheinlich keine Verbesserungen für unser Sorgenkind bringen werden, heißt es, sich nach anderen Maßnahmen umzusehen.
Ein wichtiger Punkt scheint zu sein, sicherzustellen, dass sich die Verspätung eines aus Richtung Ulm kommenden IRE nicht in die Gegenrichtung nach Ulm fortpflanzt und durch Folgeverspätungen noch steigert. Eine Maßnahme, die hier Erfolg verspricht und die in der Regie des Landes liegt, ist, eine zusätzliche Zuggarnitur zu bestellen. Damit wird erreicht, dass der Zug, der aus Ulm kommt, nicht derselbe Zug ist, der nach Ulm zurückfährt.

Der von Stuttgart nach Ulm fahrende Zug wird vielmehr von einer neuen Garnitur gebildet, die  auch noch bequeme 15 Minuten vor der Abfahrt bereitgestellt wird. Damit wird die Verspätung des von Ulm kommenden IRE für den von Stuttgart Richtung Ulm fahrenden IRE dann unerheblich. Selbstverständlich kostet die Bestellung einer zusätzlichen Zuggarnitur etwas Geld für das Land. Aber was für ein Nutzen wird durch so eine Maßnahme erreicht!

Die Züge werden pünktlicher fahren, die Anschlüsse werden erreicht. Für viele Fahrgäste wird sich ihre Fahrt um über eine Stunde verkürzen, weil sie nicht mehr auf den nächstfolgenden Anschlusszug warten müssen. Zudem können die Anschlusszeiten kürzer gehalten werden, was sich ebenfalls auf die Fahrzeiten für die Fahrgäste auswirkt. Sobald sich diese verbesserte Situation einmal herumgesprochen hat, wird sich der IRE vor Fahrgästen kaum mehr retten können, so dass dann schon bald der Stundentakt eingerichtet werden muss.

Eine weitere relativ kleine Maßnahme mit großer Wirkung, die in der Zuständigkeit des Bundes liegt, ist, im Rahmen des etappierbaren viergleisigen Ausbaus des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm das dritte und vierte Gleis an drei ersten, relativ einfachen Stellen für Zugsüberholungen einzurichten. Diese Stellen können sein: 1. zwischen Reichenbach und Ebersbach, 2. bei Süßen, 3. bei Beimerstetten auf der Albhochfläche. Durch diese Maßnahme wird die Leistungsfähigkeit der Strecke Stuttgart-Ulm erhöht und gleichzeitig die Pünktlichkeit der Züge gesteigert.   

Das Land lenkt die Milliarden in die vollkommen falsche Richtung
Es ist ein Drama. Anstatt in der Verkehrspolitik das zu tun, was Sache und Aufgabe des Landes ist, nämlich den Menschen einen attraktiven Regionalverkehr bei der Bahn zu bieten, will das Land seine Milliarden in die Projekte Stuttgart 21 und NBS Wendlingen-Ulm leiten. Dabei ist der Bahnbau alleinige Sache des Bundes. Das Land sollte sich dringend auf seine Zuständigkeiten besinnen und nach der Devise "Schuster bleib bei deinen Leisten" für einen besseren Regionalverkehr sorgen. Und dass dies möglich ist, durch viele kleine Maßnahmen, haben wir heute am Beispiel des IRE Stuttgart-Lindau gesehen.                       

Kommentare:

  1. Das liegt an der vielbefahrenen Filstalbahn, nicht an der Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen.

    AntwortenLöschen
  2. Solange die Südbahn nicht elektrifiziert ist und weiterhin der Lokwechsel in Ulm notwendig ist wird sich bei den Verspätungen nicht viel tun.
    Denn der Lokwechsel dauert oft länger als die eingeplanten 10 Minuten.
    Und zudem ist es mit einer Diesellok schwieriger eine Verspätung aufzuholen aufgrund der langsameren Beschleunigung.

    AntwortenLöschen