Montag, 1. Oktober 2012

Die Sticheleien der SSB zu Stuttgart 21

Die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hat vor einigen Wochen eine neue Broschüre herausgebracht, die als pdf-Datei auch auf der homepage der SSB zur Verfügung steht. Die Broschüre handelt vom Stadtbahnbau der letzten 50 Jahre in Stuttgart und wurde von Manfred Müller verfasst, der bis zum Beginn seines Ruhestands im Jahr 2003 viele Jahre lang bei der SSB und zuvor beim Tiefbauamt der Landeshauptstadt Stuttgart auf dem Gebiet des Stadtbahnbaus gearbeitet hat.

Auf den ersten Blick ist die Broschüre absolut zu begrüßen. Die Geschichte des Baus der Stadtbahn Stuttgart muss unbedingt dokumentiert werden. Viele Details, die möglicherweise bald in Vergessenheit geraten werden, müssen für nachfolgende Generationen festgehalten werden.


Trommelt die SSB-Broschüre für Stuttgart 21?
Auf den zweiten Blick wird man beim Betrachten der Broschüre und beim Lesen jedoch stutzig. Erhält man mit dieser Broschüre möglicherweise einen ganz anderen Inhalt, als die Verpackung verspricht? Wird mit dieser Broschüre bewusst oder unbewusst für Stuttgart 21 getrommelt und wird in der Broschüre möglicherweise gegen die große Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 gestichelt?

Schon die Titelseite der Broschüre macht einen merkwürdigen Eindruck. Da ist an oberster Stelle eine Jahresskala vorhanden. Da werden die Jahre von 2011 bis 2022 aufgezählt, wobei die Buchstaben mit zunehmender Jahreszahl immer blasser werden. Was sollen diese Zahlen ausdrücken? Würden die Jahreszahlen mit dem angekündigten Inhalt der Broschüre übereinstimmen, müsste man doch die Zahlen von 1962 bis 2012 hier aufreihen. Warum also führt man hier genau diejenigen Jahreszahlen auf, die zufällig oder absichtlich den Jahreszahlen des geplanten Baus von Stuttgart 21 entsprechen?

Wenn wir schon bei den Jahreszahlen sind, fällt gleich noch etwas anderes auf. Herr Müller ging im Jahr 2003 in Rente. Damit ist er bereits ca. neun Jahre im Ruhestand. Hat er zum Verfassen der Broschüre neun Jahre gebraucht? Oder hat er zunächst einmal etwas anderes zu tun gehabt und hat erst jetzt Zeit für dieses Thema gefunden? Da fällt mir zwischendrin ein Witz ein, der in Russland erzählt wird. Ein Arbeiter, der kurz vor der Rente steht, wird gefragt, was er denn jetzt mit der freien Zeit anfangen wolle. Der Rentner in spe antwortet: "Also erst einmal setze ich mich drei Monate in meinen Schaukelstuhl". Darauf die Frage: "Ja und was machst Du nach den drei Monaten?" "Dann beginne ich zu schaukeln".

Aber im Ernst: ist der Zeitpunkt der Herausgabe dieser Broschüre wirklich aus Anlass des fünfzigjährigen Jubilläums des Stadtbahnbaus gewählt worden? Oder steckt dahinter vielleicht ein ganz anderer Grund? Sollen da möglicherweise für Stuttgart 21 Stimmung gemacht sowie zumindest die baulichen Einwände gegen Stuttgart 21 mit einem Verweis auf den Stadtbahnbau beiseite gewischt werden?

Broschüre zum Stadtbahnbau der letzten 50 Jahre erwähnt Stuttgart 21 achtmal
Wenn wir jetzt zum Inhalt der Broschüre kommen, ist festzustellen, dass Stuttgart 21 an nicht weniger als acht Stellen der Broschüre mehr oder weniger ausführlich erwähnt wird. Und der Tenor all dieser Bezugnahmen auf Stuttgart 21 ist stets derselbe: Baulich stellt Stuttgart 21 kein Problem dar, beim Stadtbahnbau war alles schon mal da und hat dort hervorragend funktioniert. Das ist dann schon etwas merkwürdig für eine Broschüre, die mit dem Anspruch daherkommt, die Vergangenheit zu dokumentieren und die nicht den Eisenbahnbau, sondern den Stadtbahnbau zum Inhalt hat.  

Auf der Seite 18 der Broschüre wird auf den seinerzeit geplanten Stadtbahntunnel unter der Hohenheimer Straße Bezug genommen und festgestellt, dass das damals ein "bisschen Stuttgart 21" war. Auf der Seite 21 der Broschüre wird der Anhydrit besonders erwähnt. Auf der Seite 22 geht es um das Grundwassermanagement. Die Seite 23 nennt Stuttgart 21 im Zusammenhang mit dem Mineralwasser. Auf den Seiten 36/37/38 werden die für Stuttgart 21 erforderlichen offenen Bauguben kleingeschrieben. Auf der Seite 51 geht es um den Nesenbachdüker. Die Seite 60 befasst sich mit den Stadtbahnmaßnahmen im A1-Gebiet hinter dem Hauptbahnhof. Schließlich postuliert die Broschüre auf Seite 64, dass jede Baustelle - auch die Stuttgart 21-Baustelle - beherrschbar ist.    


Bauliche Durchführbarkeit erlaubt keine Aussagen zur Sinnhaftigkeit von Stuttgart 21
Nach einer ersten Durchsicht der Broschüre scheint mir keines der für Stuttgart 21 vorgebrachten und aus dem Stadtbahnbau abgeleiteten Argumente schlüssig zu sein. Aber darum geht es eigentlich auch gar nicht. Im Blog "Der Stuttgart 21-Irrtum" gibt es jetzt bereits 266 Artikel (Posts). Und keiner dieser Artikel hat bauliche oder geotechnische Themen zum Inhalt (z.B. Mineralwasser, Gipskeuper, Grundwasser usw.). Das kommt beileibe nicht daher, dass ich diese Themen nicht für sehr wichtig halte. Das hat seinen Grund ausschließlich darin, dass ich mich in diesen Themenbereichen nicht genügend sattelfest fühle. Also bin ich in diesem Blog erst gar nicht auf diese Themen eingegangen. Da sind viele andere aus der großen Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 viel kompetenter. Mein Schwerpunkt waren und sind andere Themen. Und die 266 bisher im vorliegenden Blog veröffentlichten Artikel zeigen, wie umfangreich und wie vielschichtig Stuttgart 21 ist. Man kann bereits mit nur einem kleinen Teil des Themenspektrums von Stuttgart 21 266 und bei Bedarf in der Zukunft auch noch viel mehr Artikel schreiben.

Aber das ist dann auch das Gefährliche an der SSB-Broschüre zum Stadtbahnbau. Da wird bewusst oder unbewusst der Eindruck erweckt, dass Stuttgart 21 in baulicher Hinsicht kein Problem darstellt. Aber selbst wenn dies zuträfe (und es trifft nicht zu, das glaube ich trotz meiner eingeschränkten Kenntnisse auf diesem Gebiet sagen zu können), wäre dies noch lange kein Grund, Stuttgart 21 zu bauen. Wenn ein Vorhaben baulich unbedenklich ist, heißt das noch lange nicht, dass das Vorhaben auch sinnvoll ist. Herr Müller könnte zum Beispiel sagen, dass der Bau einer Pyramide mit einer Kantenlänge von 1 Kilometer zwischen Mannheim und Heidelberg baulich möglich und unbedenklich ist. Aber ist der Bau der Pyramide deshalb auch sinnvoll?

Über die Sinnhaftigkeit von Stuttgart 21 sagt die SSB-Broschüre nichts. Das ist in gewisser Weise auch konsequent. Denn diejenigen, die beauftragt und bezahlt werden, etwas zu bauen, brauchen nicht nach der Sinnhaftigkeit des Bauvorhabens zu fragen.

Die große Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 ist jedoch der Auffassung, dass Stuttgart 21 nicht nur keinen Sinn macht, keinen positiven Nutzen bringt, sondern sich in vielfältigster Weise negativ auswirkt. Negativ auf die Leistungsfähigkeit des Bahnknotens Stuttgart, negativ auf die Fahrpreise der Bahn, negativ auf die Feinstaubbelastung wegen der Zunahme des Autoverkehrs, negativ auf den Regionalverkehr, negativ auf die Gäubahn, negativ auf die Pünktlichkeit des Bahnverkehrs, negativ auf den weiteren Ausbau des Bahnnetzes in Baden-Württemberg usw. usw.

Die eigentliche Schlussfolgerung aus dem Stadtbahnbau: Stuttgart 21 stoppen!
Es gibt jedoch tatsächlich eine Schlussfolgerung, die man aus den Erfahrungen mit 50 Jahren Stadtbahn für Stuttgart 21 ziehen kann. Und diese Schlussfolgerung lautet, dass nur ein in Etappen durchführbares Projekt, ein Projekt, bei dem Teilinbetriebnahmen mit vollem verkehrlichem Wert möglich sind, sinnvoll ist. So ist die Stadtbahn Stuttgart charakterisiert. Stuttgart 21 aber ist das genaue Gegenteil davon. Stuttgart 21 ist ein Alles-oder-Nichts-Projekt mit allen darin lauernden Nachteilen und Gefahren. Die Schlussfolgerung aus 50 Jahren Stadtbahnbau muss deshalb auch in baulicher Hinsicht heißen: Hände weg von Stuttgart 21, sofortiger Stopp des Alles-oder-Nichts-Projekts. Aber diese Schlussfolgerung zieht Manfred Müller in seiner Broschüre selbstverständlich nicht. Weiß er es nicht besser oder hat ihn jemand daran gehindert?  

Es ist wirklich schade um die SSB-Broschüre. Man möchte der SSB empfehlen, die Broschüre zurückzuziehen und alle Bezüge zu Stuttgart 21 in der Broschüre zu tilgen. Sonst müsste man möglicherweise noch jemand Anderen bitten, eine Broschüre zum Stadtbahnbau in Stuttgart zu schreiben. 

1 Kommentar:

  1. Die Tunnelbroschüre ist ein weiteres Instrument der Stuttgarter Straßenbahnen AG, um die öffentliche Meinung pro "Stuttgart 21" zu beeinflussen. Wir erinnern uns diesbezüglich u. a. an das "K21-Phantom" oder das Grünen-Bashing ("Dagegner"), das in den SSB-Führungsetagen im Vorfeld der Landtagswahl 2011 angeheizt wurde. Oder recherchieren Sie mal, wer hinter Prof. Martin und seinen tendenziösen Gutachten stand?

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