Mittwoch, 12. September 2012

Mehrbelastung für sieben Stadtbezirke durch Stuttgart 21

Ein Argument für Stuttgart 21, das vor allem von weit weg von Stuttgart lebenden Personen oft vorgebracht wird, ist die angebliche Entlastung der Stuttgarter Stadtbezirke vom Bahnlärm und sonstigen negativen Auswirkungen des Bahnverkehrs. Diese Menschen sehen die vielen und langen Tunnels auf den Stuttgart 21-Plänen (über 60 Kilometer Tunnelröhren in Stuttgart) und kommen zur Schlussfolgerung, dass dadurch die Stuttgarter Bevölkerung entlastet wird. Mögen die Tunnel noch so viele Nachteile haben, der Vorteil der Entlastung bleibt in den Augen dieser Menschen bestehen.

Wir Stuttgarter wissen freilich, dass dem nicht so ist. Die meisten Stuttgarterinnen und Stuttgarter wissen, dass Stuttgart 21 mit seinen langen Tunnels für die Stadt und ihre Bewohner eigentlich nur Nachteile bringen wird. Eine Entlastungswirkung durch die Tunnel ist nicht vorhanden.

Dieser allgemeinen Feststellung wollen wir im heutigen Post in diesem Blog konkrete Gestalt verleihen. Wir sehen uns alle 23 Stuttgarter Stadtbezirke daraufhin an, ob durch Stuttgart 21 eine Mehr- oder Minderbelastung beim Bahnlärm und bei den sonstigen Betroffenheiten gegenüber dem heutigen Zustand eintritt. Und hierbei wird es überraschende Ergebnisse geben. 


Der Bahnlärm
Bevor es an den Vergleich geht, kommen wir um zwei, drei allgemeine Feststellungen zum Lärm im Allgemeinen und zum Bahnlärm im Besonderen nicht herum. 
  • Der Bahnlärm wird wie jeder andere Lärm in Dezibel dB(A) gemessen.
  • Eine Erhöhung des Lärms um 10 dB(A) wird als Verdoppelung der Lautstärke empfunden.
  • Eine Erhöhung des Lärms um 5 dB(A) wird als deutliche Pegelzunahme empfunden.
  • Eine Erhöhung des Lärms um 3 dB(A) wird als sogenannte Erheblichkeitsschwelle gesehen.
  • Eine Erhöhung des Lärms um 1 dB(A) ist die sogenannte Wahrnehmbarkeitsschwelle.
  • Der Bahnlärm wird nicht für einen einzelnen Zug, sondern über einen bestimmten Zeitraum gemessen (Mittelungspegel).
  • Durch eine Verdoppelung der Zahl der Züge erhöht sich der Mittelungspegel um 3 dB(A). Umgekehrt reduziert sich der Mittelungspegel bei einer Halbierung der Zahl der Züge um 3 dB(A). 

Die 23 Stadtbezirke
Bad Cannstatt
Durch den Stadtbezirk verlaufen die Strecken Rosensteintunnel-Esslingen, Bad Cannstatt-Waiblingen und die Güterzugstrecke Kornwestheim-Untertürkheim. Bei den Strecken Bad Cannstatt-Waiblingen und Kornwestheim-Untertürkheim ändert sich durch Stuttgart 21 nichts. 

Die Strecke vom Rosensteintunnel nach Bad Cannstatt wird heute in der Spitzenstunde von 25 Regional- und Fernzügen, von 24 S-Bahnzügen und von 4 S-Bahnzügen zum Betriebshof Plochingen befahren. Das sind insgesamt 53 Züge. Bei Stuttgart 21 verkehren hier nur noch 9 Fern- und Regionalzüge, damit insgesamt 37 Züge. Das ist weit mehr als die Hälfte der heute verkehrenden Züge und damit für die Anwohner nicht positiv wahrnehmbar (Pegelreduzierung weit unter 3 dB(A)). 

Fazit: Für den größten Teil der Bad Cannstatter Bahnanrainer ergibt sich durch Stuttgart 21 Null komma Null Veränderung gegenüber dem Bestand, für einen ganz kleinen Teil der Bahnanrainer ergibt sich eine leichte Reduzierung der Zugzahl, die allerdings beim Lärm kaum wahrnehmbar ist.

Es ergeben sich neue Betroffenheiten durch die neue Neckarbrücke in veränderter Lage und durch Beeinträchtigungen des Rosensteinparks. 

Birkach
Der Stadtbezirk ist heute vom Bahnlärm nicht betroffen. Bei Stuttgart 21 ergibt sich eine neue Betroffenheit durch die neue Hochgeschwindigkeitstrasse entlang der A8, die den Lärm über das Körschtal in den Stadtbezirk Birkach abstrahlt. 

Botnang
Der Stadtbezirk ist heute und auch bei Stuttgart 21 nicht vom Bahnlärm betroffen. 

Degerloch
Der Stadtbezirk ist heute und auch bei Stuttgart 21 nicht vom Bahnlärm betroffen. 

Feuerbach
Der Stadtbezirk ist heute teilweise stark vom Bahnlärm betroffen. Daran wird sich bei Stuttgart 21 nichts ändern. 

Hedelfingen
Vor allem die höhergelegenen Teile des Stadtbezirks sind heute teilweise vom Bahnlärm auf der anderen Neckarseite betroffen. Pro Spitzenstunde verkehren im Neckartal heute 15 Regional- und Fernzüge, 8 S-Bahnzüge, 4 S-Bahnzüge zum Abstellbahnhof Plochingen und ca. 8 Güterzüge. Das sind insgesamt 35 Züge. Durch Stuttgart 21 reduziert sich die Zahl der Regional- und Fernzüge von 15 auf 12. Die Zahl der Züge insgesamt reduziert sich damit von 35 auf 32. Diese Reduzierung ist beim Lärm nicht wahrnehmbar, der Pegelunterschied beim Mittelungspegel bleibt unter 1 dB(A). Die mit Abstand lautesten Züge, die Güterzüge, bleiben unverändert. 

Mitte
Zum Stadtebezirk Stuttgart-Mitte gehört das Gleisvorfeld des Kopfbahnhofs. Die Einwohner von Mitte sind vom Lärm dieses Bereichs nicht betroffen. Dort fahren keine Güterzüge. Die Personenzüge fahren sehr langsam. Das Gleisvorfeld ist durch Parks und Gewerbebebauung von den Wohngebieten abgeschirmt. Eventuell vorhandener Bahnlärm wird durch den Lärm des Straßenverkehrs bei weitem übertönt.

Bei Stuttgart 21 gibt es neue Betroffenheiten  Die Grüne Lunge von Stuttgart-Mitte, der Mittlere Schlossgarten, wird teilweise zerstört. Es werden Tunnels unter hunderten von Wohnhäusern im Gipskeuper, dem problematischsten Gestein Deutschlands, gegraben. 

Möhringen
Der Stadtbezirk ist heute vom Bahnlärm nicht betroffen. Vor allem für den Stadtteil Fasanenhof und das Gebiet Salzäcker ergibt sich bei Stuttgart 21 eine neue Betroffenheit durch die neue Hochgeschwindigkeitstrasse entlang der A8. Eine weitere neue Betroffenheit gibt es durch die bei Stuttgart 21 neu zu bauende Rohrer Kurve, der wertvolle Waldflächen zum Opfer fallen. 

Mühlhausen
Der Stadtbezirk ist heute teilweise von die Güterzügtrasse Kornwestheim - Untertürkheim betroffen. Daran ändert sich bei Stuttgart 21 nichts. 

Münster
Der Stadtbezirk ist heute stark von der Güterzugtrasse Kornwestheim - Untertürkheim betroffen. Daran ändert sich bei Stuttgart 21 nichts.

Nord
Im Bereich des S-Bahnhaltepunkts Nordbahnhof verkehren heute in der Spitzenstunde 23 Regional- und Fernzüge und ebenfalls 23 S-Bahnzüge. Bei Stuttgart 21 würden die Regional- und Fernzüge dort entfallen. Die S-Bahnen bleiben. Wegen des Anhaltevorgangs im Haltepunkt Nordbahnhof ist der Lärm der S-Bahnzüge größer als der Lärm der anderen Züge, die dort nicht halten. Deshalb führt die Halbierung der Zugzahl bei Stuttgart 21 zu einer Verringerung des Lärmpegels von etwas weniger als 3 dB(A). Dies liegt unter der sogenannten Erheblichkeitsschwelle. Die Betroffenheiten der Anwohner verringern sich somit nicht nennenswert.

Zu S-Nord gehört auch der Abstell- und Wartungsbahnhof am Rosensteinpark. Es gibt im ganzen Stuttgarter Stadtgebiet keinen besseren Standort für diesen Bahnhof. Denn dieser Bahnhof ist auf allen Seiten von Parkanlagen und anderen Gleisflächen umgeben. Deshalb gibt es keine Betroffenheiten von Anwohnern. Es ist aus den letzten Jahrzehnten nicht eine einzige Anwohnerbeschwerde bekannt, die sich auf den Abstell- und Wartungsbahnhof bezieht. Bei Stuttgart 21 würde der lärmintensive Abstell- und Wartungsbahnhof nach S-Untertürkheim verlegt, wo Anwohner massiv betroffen sind.

Es gibt bei S 21 in S-Nord neue Betroffenheiten wegen des Tunnels vom Hauptbahnhof nach Feuerbach und wegen des Tunnels vom Hauptbahnhof nach Bad Cannstatt. Diese Tunnel verlaufen im schwierigsten Gestein Deutschlands, dem Gipskeuper unter hunderten von Gebäuden hindurch. 

Obertürkheim
Der Stadtbezirk ist stark von der Trasse Bad Cannstatt-Esslingen betroffen. Heute verkehren dort pro Spitzenstunde 15 Regional- und Fernzüge, 8 S-Bahnzüge, 4 S-Bahnzüge zum Abstellbahnhof Plochingen und ca. 8 Güterzüge. Das sind insgesamt 35 Züge. Durch Stuttgart 21 reduziert sich die Zahl der Regional- und Fernzüge auf dieser Strecke von 15 auf 12. Die Zahl der Züge insgesamt reduziert sich damit von 35 auf 32. Diese Reduzierung ist beim Lärm nicht wahrnehmbar, der Pegelunterschied beim Mittelungspegel bleibt unter 1 dB(A). Die mit Abstand lautesten Züge, die Güterzüge, bleiben unverändert. 

Ost
Der Stadtbezirk ist heute von der Bahn nicht betroffen. Zwischen dem Stadtteil Berg und den Bahnanlagen befinden sich große Parkflächen. Bei Stuttgart 21 entstehen neue Betroffenheiten durch den Tunnel vom Hauptbahnhof nach Wangen, der im schwierigsten Gestein Deutschlands, dem Gipskeuper, unter hunderten von Gebäuden durchgebohrt werden soll. 

Plieningen
Der Stadtbezirk ist heute vom Bahnlärm nicht betroffen. Bei Stuttgart 21 ergibt sich eine neue relativ starke Betroffenheit durch die neue Hochgeschwindigkeitstrasse entlang der A8, die den Bahnlärm neu in das relativ nahe Plieningen bringt.

Sillenbuch
Sillenbuch ist heute und auch bei Stuttgart 21 vom Bahnlärm nicht betroffen.

Stammheim
Dieser Stadtbezirk ist von der Güterverkehrstrasse Kornwestheim-Untertürkheim, von der Bahnstrecke Zuffenhausen-Kornwestheim und Zuffenhausen-Vaihingen/Enz betroffen. Daran ändert sich bei Stuttgart 21 nichts.

Süd
Der Stadtbezirk Stuttgart-Süd ist heute und auch bei Stuttgart 21 durch Bahnlärm nicht betroffen. 

Untertürkheim
Der Stadtbezirk liegt direkt an der Hauptstrecke Stuttgart-Esslingen. Heute verkehren in der Spitzenstunde dort 15 Regional- und Fernzüge, 8 S-Bahnzüge, 4 S-Bahnzüge zum Betriebshof in Plochingen und 4 Güterzüge. Durch Stuttgart 21 entfällt der Großteil der Regional- und Fernzüge. An neuen Betroffenheiten durch Stuttgart 21 kommen hinzu:
der Abstell- und Wartungsbahnhof mit Lärmspitzen, die weit über dem heutigen Bahnlärm liegen,
die neue Verbindung vom Tunnel zwischen Wangen und Untertürkheim in Richtung Waiblingen sowie der Tunnel von Wangen nach Untertürkheim, der durch das schwierigste Gestein Deutschlands, den Gipskeuper, durch mineralwasserführende Gesteinsschichten und unter dem Neckar hindurchführt. Dieser Tunnel wird bei Neckarhochwasser durch Tore abgeschottet. Der Zugverkehr wird dann stillgelegt.
Insgesamt ergeben sich für Untertürkheim bei Stuttgart 21 eine Zunahme des Bahnlärms gegenüber dem heutigen Zustand und neue Betroffenheiten durch den Tunnel unter dem Neckar. Die mit Abstand lautesten Züge, die Güterzüge, bleiben unverändert.

Vaihingen
Der Stadtbezirk liegt an der Gäubahn. Heute verkehren dort in der Spitzenstunde 3 Regional- und Fernzüge sowie 22 S-Bahnzüge, insgesamt 25 Züge. Würde bei Stuttgart 21 die Gäubahn zunächst vollständig stillgelegt, reduziert sich die Zugzahl von 25 auf 22. Diese Veränderung liegt unterhalb der Wahrnehmbarkeitsschwelle von 1 dB(A). Sollte jedoch bei Stuttgart 21 die Gäubahn wie von der Bahn beim Sach- und Faktencheck vertraglich zugesichert erhalten bleiben, ändert sich an der Zugzahl gar nichts.

Wangen
Zumindest die höhergelegenen Wohnlagen von Wangen sind heute vom Bahnlärm der Strecke bei Untertürkheim betroffen. Insofern gilt hier in abgeschwächter Form das für Untertürkheim gesagte. Auch für Wangen ergibt sich eine neue Betroffenheit durch den Tunnel zwischen Wangen und Untertürkheim unter dem Neckar hindurch. Die mit Abstand lautesten Züge, die Güterzüge, bleiben unverändert.

West
Durch Randbereiche von S-West verläuft die Gäubahn. Zur Zeit gibt es Anwohnerbeschwerden zur Gäubahn. Diese resultieren aber ausschließlich aus der zur Zeit stattfindenden Umleitung von Güterzügen über die Gäubahn wegen der Sperrung der Strecke Böblingen-Renningen. Nach heutigem Sachstand soll diese Umleitung im Dezember 2012 beendet sein. Ansonsten verkehren auf der Gäubahn durchschnittlich drei Züge pro Stunde und keine Güterzüge. Der daraus folgende Mittelungspegel ist sehr klein, so dass keine negativen Auswirkungen auf die Anwohner vorhanden sind.

Bei Stuttgart 21 sollte die Gäubahn in S-West zunächst einmal stillgelegt werden. Im Sach- und Faktencheck hat die Bahn jedoch vertraglich zugesichert, dass die Gäubahn erhalten bleibt und an den Tiefbahnhof angebunden wird. Selbst wenn die Bahn sich an diese Vereinbarung nicht hielte, bliebe die Trasse der Gäubahn als potenzieller Verkehrsweg erhalten. Es gab auch bereits Vorschläge, dort eine Stadtbahn verkehren zu lassen, die dann wesentlich häufiger fahren würde als heute die Züge fahren.

Fazit: die Betroffenheiten durch die Gäubahn in S-West sind heute sehr klein. Durch Stuttgart 21 ändert sich daran nichts.  

Weilimdorf
Durch einen Teil von Weilimdorf verläuft die S-Bahnstrecke Zuffenhausen-Leonberg. Daran ändert sich bei Stuttgart 21 nichts.     

Zuffenhausen
Der Stadtbezirk ist sehr stark von den Bahnstrecken Stuttgart-Heilbronn, Stuttgart-Vaihinen/Enz und der S-Bahnstrecke Zuffenhausen-Leonberg betroffen. Daran ändert sich bei Stuttgart 21 nichts.

Fazit
Die Bahntunnel bei Stuttgart 21 haben keine Entlastungswirkung für die Stuttgarter Bevölkerung. Im Gegenteil werden durch Stuttgart 21 sieben Stadtbezirke neu und zusätzlich mit Bahnlärm und anderen Betroffenheiten belastet. 

Keineswegs sind Bahntunnel grundsätzlich schlecht. Es kommt auf das jeweilige Projekt an. Ein sehr gutes Bahntunnelprojekt ist zum Beispiel der Tunnel zur Umfahrung der Stadt Rüdesheim am Mittelrhein. Nach einer Inbetriebnahme dieses Tunnels kann die vorhandene Bahntrasse durch Rüdesheim vollständig rückgebaut werden. Die Bewohner und Besucher der Stadt wären dann vom Bahnlärm, insbesonderen vom Tag und Nacht vorhandenen Güterzugverkehrslärm vollständig entlastet.

Aber leider hat die Bahn erst vor wenigen Tagen den Bau dieses Tunnels wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit storniert.......  
             

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