Sonntag, 22. Juli 2012

Alt-OB Rommel: erst Werbung für Mappus, jetzt für Turner

Dieser Tage flatterte ein Werbeprospekt für den von der CDU unterstützten Stuttgarter OB-Kandidaten Turner in die Haushalte. Beim Überfliegen der letzten Seite des Flyers hat man ein deja-vu-Gefühl. Da wirbt doch tatsächlich wieder der Alt-OB Rommel für Turner. "Unser legendärer Alt-OB Rommel wünscht ihn sich als Nachfolger"

Unmittelbar vor der letzten Landtagswahl im März 2011, als es für einen Wahlsieg von Mappus immer enger zu werden drohte, reibte man sich bereits verwundert die Augen. Da wurden in den Zeitungen Anzeigen geschaltet, in denen Rommel kundtat, weshalb er auf jeden Fall Mappus wählen wird. Man hatte den Eindruck, dass jetzt das letzte Aufgebot der CDU einberufen worden ist. 

Nun ist Mappus bekanntlich bei der letzten Landtagswahl abgewählt worden. Die Baden-Württemberger und die Stuttgarter haben somit augenscheinlich nicht viel von Rommels Ratschlägen gehalten. Und selbst wenn Mappus gewählt worden wäre, hätte er bei den inzwischen aufgedeckten Sachverhalten wohl zurücktreten müssen. Wie wäre Rommel dann dagestanden?


Welchen Wert hat denn eine Empfehlung Rommels heute noch? Kommt sich denn Turner da nicht komisch vor? Auf so einen Unterstützer sollte man doch besser verzichten. Auffällig ist jedoch auch, dass der aktuelle Stuttgarter OB, Schuster, überhaupt keine Rolle spielt. Mit Schuster wirbt niemand. Da sind sich anscheinend alle einig, dass Schuster keine Werbung ist. Wenn Rommel sich Turner als Nachfolger wünscht, dann heißt das doch auch, dass Schuster für Rommel kein Nachfolger war. Und Turner sieht anscheinend den gesundheitlich angeschlagenen Alt-OB, selbst wenn dieser vor einem Jahr auf das falsche Pferd gesetzt hat, immer noch als die bessere Werbung für sich als Schuster.

Rommel saß bei Stuttgart 21 mit auf der Bühne
Rommel saß ja - und deshalb ist er hier in diesem Blog heute das Thema - mit auf der Bühne, als im Jahr 1994 das Projekt Stuttgart 21 in einem Überraschungscoup präsentiert worden ist. Welche Rolle Rommel in diesem Theater wirklich gespielt hat, bleibt unklar. Die wichtigste Person bei Stuttgart 21 war Rommel jedenfalls nicht. Da wären an erster Stelle der damalige Bahnvorstand Dürr, der Ministerpräsident Teufel und der Bundesverkehrsminister Wissmann zu nennen.

Dürr fühlte kurze Zeit vor der Präsentation des Projekts bei Rommel vor. Rommel soll sinngemäß gesagt haben: "Das ist ja gewaltig, was sie da vorhaben. Aber meinetwegen, machen Sie`s, die Leute brauchen Visionen". Rommel hat bestimmt nicht von Anfang an und ohne zu zögern Stuttgart 21 zugestimmt. Letztendlich kam ihm dieses Projekt dann doch ganz recht. Und das hat seine Gründe.

Rommel war ein in Deutschland und im Ausland sehr angesehener und bekannter Oberbürgermeister. Das hat einerseits mit seinem Vater zu tun. Andererseits war Rommel jedoch auch ein Feingeist. Er schrieb Bücher, Verse, Sprüche, hielt gute Reden. Das verdeckt ein wenig einen anderen Sachverhalt, der für die Entwicklung Stuttgarts viel wichtiger war und ist. Die Themenbereiche Stadtplanung, Verkehrsplanung, Architektur, Städtebau und Flächennaturschutz waren nicht unbedingt Rommels Stärken, waren nicht seine Steckenpferde.

Stuttgart ist um 30 Jahre gegenüber vergleichbaren Städten zurückgefallen
Die relative Untätigkeit Rommels auf diesen Gebieten bekommt Stuttgart heute noch zu spüren. Sie war letztendlich die Grundlage dafür, dass Stuttgart heute in vielen Bereichen um ca. 30 Jahre gegenüber vergleichbaren Städten und Großräumen zurückliegt. Wo während Rommels Zeit als OB dringend wichtige Weichenstellungen für die Entwicklung der Stadt und der Region in den nächsten 30 Jahren zu tätigen gewesen wären, glänzte er durch Nichtstun.

Beispiele gefällig? Er hätte die Neuordnung des Straßenverkehrs in Stuttgart anstoßen müssen, mit einer stufenweisen Reduzierung der viel zu vielen Pkw-Stellplätze in der Innenstadt, mit einem Rückbau des City-Rings, mit einem Rückbau der Radialstraßen, aber mit einem Ausbau eines Mittleren Rings und ggf. auch eines Außenrings. Er hätte sich für die Schaffung eines Nationalparks oder Wildnisgebiets in der Region Stuttgart einsetzen müssen, ein Standortvorteil, über den viele Weltstädte und wichtige Regionen der Welt inzwischen verfügen. Er hätte einen Weltarchitekten engagieren müssen, damit Stuttgart wenigstens ein repräsentatives neueres Gebäude in der Innenstadt erhält. Er hätte ein Umdenken bei Architektur und Stadtplanung einleiten müssen. Er hätte - nicht zuletzt auch seiner Verwaltung - deutlich machen müssen, dass Gebäude mehr sind als Aufgewahrungsstätten für Menschen und dass Straßen mehr sind als Fahrwege für Autos. Und er hätte auch und nicht zuletzt Impulse für einen etappierbaren Ausbau des Bahnknotens Stuttgart und der auf Stuttgart zuführenden Bahnstrecken geben müssen.

Stuttgart 21 musste als Vision reichen
Das alles und manches andere hat er nicht getan. Vor diesem Hintergrund kam ihm nach einem ersten Moment des Schreckens das Projekt Stuttgart 21 sicher gerade zur rechten Zeit. Denn dieses Projekt befreite ihn für den Rest seiner Amtszeit von jeglicher Verpflichtung, in den ihm nicht gerade geläufigen Bereichen der Verkehrs- und Stadtplanung Visionen entwickeln zu müssen. Die Vision Stuttgart 21 musste reichen.

Trotzdem ist er mit dieser Feststellung nicht entschuldigt. Rommel war vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister ein hoher Beamter in der Finanzverwaltung des Landes. Sein Name wurde sogar einmal im Rahmen der Ministerpräsidenten-Nachfolge genannt. Vor diesem Hintergrund ist zum Beispiel seine Fehleinschätzung nur schwer verständlich, dass sich Stuttgart 21 durch die Grundstücksverkäufe quasi von selbst finanzieren wird. 

Und auch die Art und Weise, wie Stuttgart 21 zustandekam, hätte ihn stutzig machen müssen. Denn größere Verkehrsprojekte haben sonst eine ganz andere Geschichte. Da wird erst ein Bedarf ermittelt. Dann wird überlegt, wie der Bedarf auf wirtschaftlichste und für die Menschen bestmögliche Weise befriedigt werden kann. Dann finden die Projekte Eingang in einen Rahmenplan, arbeiten sich langsam nach oben, erhalten irgendwann eine Finanzierung und werden, wenn sie Glück haben, gebaut. Dagegen erscheint doch Stuttgart 21 wie ein Fremdling, wie eine Reminiszenz der Feudalzeit. 

Turner wird von der Unterstützung Rommels nicht profitieren
Diese neueste Symbiose von Rommel und Turner wird keinem von beiden gut bekommen. Zu Rommel möchte man den lateinischen Spruch sagen: "Si tacuisses, philosophus mansisses". Wörtlich übersetzt heißt das: "Wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du ein Philosoph geblieben". Im übertragenen Sinne bedeutet es: Der OB Rommel wäre möglicherweise in leidlich guter Erinnerung geblieben, man hätte sich bevorzugt an seine Stärken erinnert und seine Schwächen vergessen, hätte er nicht im Alter in rechthaberischer Weise immer wieder Stuttgart 21, das er selbst gar nicht erfunden hatte, gerechtfertigt und hätte er nicht jeden CDU-Politiker, der ihn angebettelt hat, mit seinem Namen unterstützt. 

Und was Turner betrifft ist es kaum wahrscheinlich, dass die Unterstützung von Rommel ihm hilft. Denn einem ehemaligen OB, dessen lange Amtszeit doch im wesentlichen von Stillstand geprägt war, der Stuttgart 21 mit emporgehoben hat und der jeden unterstützt, der irgendwie nach CDU riecht einschließlich Mappus, glaubt man seine unterstützenden Worte doch eher nicht. Und einen zweiten Rommel, erneut 20 Jahre Stillstand und Ideen- und Visionslosigkeit brauchen wir in Stuttgart nun wirklich nicht. Würde sich Turner genauso wie Rommel verhalten, wenn erneut ein Heinz Dürr mit einer feudalen Schnapsidee auftaucht? Würde sich Turner genauso wie Rommel eher den internationalen Beziehungen zuwenden und seine Stadt an der langen Leine haltend zurückfallen lassen? Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass Stuttgart in den kommenden Jahren einen ganz anders gestrickten OB braucht als es Rommel war. Und Rommel mag ja durch seine Person Stuttgart in der Welt bekannter gemacht haben. Aber die Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 hat es bereits in noch größerem Maße geschafft, dieser Stadt weltweit zu positiver Bekanntheit zu verhelfen.

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