Sonntag, 24. Juni 2012

Welche Rolle spielt Stuttgart 21 bei der geplanten U6-Verlängerung zum Stuttgarter Flughafen?

Die Stuttgarter Stadtbahnlinie U6 fährt zur Zeit von der Innenstadt bis zur Trabantensiedlung Fasanenhof. Seit einiger Zeit ist geplant, die U6 um drei Kilometer vom Fasanenhof bis zum Flughafen zu verlängern. Diese Verlängerung ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Und diese Verlängerung hat etwas mit Stuttgart 21 zu tun. Das gilt es im Folgenden herauszuarbeiten. Am Ende dieses Artikels gibt es dann einen Fragenkatalog an den baden-württembergischen Verkehrsminister zu diesem Thema.



Was hat die U6-Verlängerung mit der Stadt Leinfelden-Echterdingen zu tun?
Die geplante Verlängerung der U6 vom Fasanenhof zum Stuttgarter Flughafen verläuft zum größeren Teil über die Gemarkung von Leinfelden-Echterdingen. Von daher kann die U6 nicht ohne Beteiligung der Stadt L-E verlängert werden. Das gilt sowohl in allgemeiner als auch in finanzieller Hinsicht. L-E ziert sich aber diesbezüglich. Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn die U6-Verlängerung bringt der Stadt so gut wie nichts. Es gibt außer den beiden neuen Haltestellen bei der Messe-West und beim Flughafen keine Haltestelle für L-E, die die Erschließung der Stadt mit der Stadtbahn verbessern würde. Zudem gibt es bereits die gut ausgebaute Stadtbahnstrecke der U5 von S-Möhringen nach Leinfelden, die allerdings zur Zeit mit einem ganz schlechten Takt befahren wird.

Was hat die U6-Verlängerung mit dem Flughafen zu tun?
Um die fehlende Bereitschaft der Stadt L-E zur finanziellen Beteiligung zu kompensieren, sind jetzt interessierte Kreise auf die Idee gekommen, dass der Flughafen einen beträchtlichen Anteil an der Finanzierung der U6-Verlängerung übernehmen soll. Erst vor kurzem hat sich auch der baden-württembergische Verkehrsminister Hermann diesbezüglich geäußert. Möglicherweise war ihm dabei nicht klar, dass er hier in eine Falle der Stuttgart 21-Protagonisten getappt ist.

Die U6-Verlängerung bringt dem Flughafen so gut wie nichts. Von der Stuttgarter Innenstadt und vom Hauptbahnhof ist man heute schon mit der S-Bahn schneller am Flughafen als es zukünftig mit der U6 möglich wäre. Und es gibt ja auch die U5 bis Leinfelden, wo man in die S-Bahn zum Flughafen umsteigen kann. Für die ganz wenigen Fahrgäste, die von Degerloch und Möhringen aus zum Flughafen fahren wollen, lohnt sich die U6-Verlängerung nicht. Von daher müsste der Stuttgarter Flughafen in Gestalt des Geschäftsführers Fundel und des Aufsichtsratsvorsitzenden Verkehrsminister Hermann eigentlich eine Beteiligung des Flughafens an der U6-Verlängerung ablehnen. Letztendlich bedeutet eine Beteiligung des Flughafens an der U6-Verlängerung auf Umwegen ja auch nichts anderes, als dass der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird. Ob dies über direkte Steuern erfolgt oder über geringere Gewinnabführungsquoten des im öffentlichen Eigentums befindlichen Flughafens, spielt keine Rolle.

Nun muss aber die Frage gestellt werden, ob Flughafen-Geschäftsführer Fundel die notwendige Unabhängigkeit - auch gegenüber den Stuttgart 21-Protagonisten - besitzt, um dem Ansinnen einer finanziellen Beteiligung des Flughafens an der U6-Verlängerung entgegenzutreten. Fundel ist Honorarprofessor an der Universität Stuttgart. Er hat einen Lehrauftrag, ausgerechnet man Institut für Eisenbahn- und Verkehrswesen, dem Institut, dem jahrzehntelang Professor Heimerl vorgestanden hat, der Erfinder von Stuttgart 21. Auch Heimerl`s Nachfolger, Professor Martin, mischt kräftig bei Stuttgart 21 mit, obwohl er das eher glücklos und ohne Charisma tut. 

Eng mit dem Institut für Eisenbahn- und Verkehrswesen verwoben ist das Verkehrswissenschaftliche Institut. Dessen Vorsitzender ist Wolfgang Arnold, der Technische Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) und einer der exponiertesten Stuttgart 21-Befürworter. Der Direktor dieses Instituts ist Professor Martin und als wissenschaftlicher Beirat wird Professor Heimerl genannt.

Bei dieser Konstellation ist es unwahrscheinlich, dass Fundel sich einem Ansinnen der SSB oder der Stuttgart 21-Protagonisten widersetzen kann, dass der Flughafen einen wesentlichen Anteil an den Finanzierungskosten der U6-Verlängerung übernimmt. Umso mehr ist diesbezüglich der Aufsichtsratsvorsitzende des Stuttgarter Flughafens, Baden-Württembergs Verkehrsminister Hermann, gefordert.      

Was hat die U6-Verlängerung mit der Stuttgarter Messe zu tun?
Die SSB fährt heute bei großen Publikumsmessen einen Bus-Sonderverkehr von S-Degerloch zur Messe. Diesen Sonderverkehr könnte die SSB einstellen, wenn die U6 zum Flughafen in Betrieb ist. Allerdings sind die Zahl der Tage mit großen Publikumsmessen und die Zahl der Fahrgäste zur Messe so klein, dass sich allein daraus bei weitem keine Notwendigkeit einer U6-Verlängerung zum Flughafen ergibt. Wenn man noch in Betracht zieht, dass die U6 mit 80 Meter langen Zügen verkehrt, kann man sich leicht vorstellen, dass die Stadtbahnzüge der U6 zum Flughafen wohl hauptsächlich klimatisierte Luft transportieren werden. 

Was hat die U6-Verlängerung mit der S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen zu tun?
Zur Zeit gibt es einen S-Bahn-Streckenstummel vom Flughafen nach Filderstadt-Bernhausen. Es ist geplant, dass dieser Streckenstummel bis nach Neuhausen auf den Fildern verlängert wird. Nun wird eine argumentative Verbindung zwischen dieser S-Bahn-Streckenverlängerung und der U6-Verlängerung zum Flughafen hergestellt. Die von Neuhausen kommenden Fahrgäste sollen am Flughafen auf die U6 umsteigen, um weiter nach S-Möhringen und S-Degerloch zu kommen. 

Diese Verbindung erscheint nur auf den ersten Blick lohnend zu sein. Auf den zweiten Blick sieht man, dass die von Neuhausen kommenden Fahrgäste genauso schnell in Möhringen oder Degerloch sind, wenn sie am Flughafen in der S-Bahn sitzen bleiben und bis Leinfelden fahren. Dort können sie in die bereits vorhandene U5 umsteigen. Es müsste hierzu lediglich die U5 häufiger als heute fahren.     

Spielt Stuttgart 21 eine Rolle bei der U6-Verlängerung?
Bisher haben wir noch kein schlüssiges Argument für eine U6-Verlängerung zum Flughafen gefunden. Und was noch wichtiger ist: der Nutzen-Kosten-Faktor der U6-Verlängerung ist bei den bereits angesprochenen Argumenten garantiert noch weit unter der Zahl eins. Jetzt kommt aber Stuttgart 21 ins Spiel.

Um den Nutzen-Kosten-Faktor über eins zu heben, werden Umsteiger am Stuttgart 21-Filderbahnhof aus Richtung Ulm bzw. aus Richtung Tübingen bzw. von der ebenfalls zwangsumgeleiteten Gäubahn vermutet. Diese zwangsweise zum Flughafenbahnhof gekarrten Fahrgäste sollen als Umsteiger mit der U6 weiterfahren und sich über die Fildern verteilen (anstatt dass sie zum Beispiel im idealen Umsteigebahnhof S-Vaihingen mit mehrfachem Stadtbahnanschluss umsteigen können).

Daraus gibt es zwei Schlussfolgerungen zu ziehen. Die U6-Verlängerung zum Flughafen ist eigentlich ein Stuttgart 21-Tochterprojekt. Mit der U6-Verlängerung zum Flughafen wollen also die Stuttgart 21-Protagonisten das Projekt Stuttgart 21 ein weiteres Mal unumkehrbar machen. 

Jetzt gilt es aber, diese Leute mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Stuttgart 21 würde frühestens 2025 fertig, sollte es gebaut werden. Das bestätigt auch Minister Hermann. Die U6 soll jedoch schon im Jahr 2016 zum Flughafen fahren. Wenn aber Stuttgart 21 eine Voraussetzung für die U6-Verlängerung zum Flughafen ist, darf die U6 auch erst dann dorthin fahren, wenn Stuttgart 21 irgendwann einmal fertig würde - und das ist garantiert nicht im Jahr 2016. Die baden-württembergische Landesregierung darf das U6-Projekt also bis auf weiteres nicht bezuschussen. Statt dessen müssen die knappen Mittel für den Nahverkehr für wesentlich dringendere Straßenbahnprojekte in Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Freiburg, Heilbronn,  Ulm, Reutlingen und Tübingen sowie auch für Projekte in der Kernstadt von Stuttgart verwendet werden.   

Welche Rolle spielen die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) bei der U6-Verlängerung?
Die SSB spielen in diesem Spiel eine Mehrfachrolle. Fangen wir mal mit dem harmlosesten Sachverhalt an. Im Jahr  2019 läuft das zur Zeit geltende Fördergesetz für den öffentlichen Personennahverkehr aus. Ein Ersatz ist nicht in Sicht. Alle mit diesem Gesetz geförderten Projekte müssen bis zum Jahr 2019 nicht nur fertiggestellt, sondern auch abgerechnet sein. Von daher hat die SSB ein Interesse daran, dass auch die U6-Verlängerung zum Flughafen vor 2019 in Betrieb geht.

Das ist aber selbstverständlich nicht alles. Der technische Vorstand der SSB, Wolfgang Arnold, ist einer der exponiertesten Befürworter von Stuttgart 21. Wir haben dies ja bereits im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit von Herrn Fundel angesprochen. Von daher ist es sicher nicht von der Hand zu weisen, dass die SSB allein schon deshalb die U6-Verlängerung vorantreibt, um Stuttgart 21 indirekt weiter zu puschen.

Und dann gibt es bei der SSB eine ähnliche Konstellation wie bei der DB. Bei der DB wird ja von vielen Verkehrsfachleuten kritisiert, dass sie teure Neubaustrecken überbetont und den attraktiven Betrieb für die Mehrzahl der Fahrgäste eher vernachlässigt. Auch die SSB scheint darauf erpicht zu sein, möglichst ständig irgendwelche Neubaustrecken zu bauen, auf denen dann in den ersten Betriebsjahren viel klimatisierte Luft transportiert wird. Der eigentliche und attraktive Betrieb für die Mehrzahl der Stuttgarter Bürger - auch mit dem Ziel, den Autoverkehr im Talkessel drastisch zu reduzieren - wird aber eher vernachlässigt. Das haben wir in diesem Blog ja bereits im Post vom 30.05.2012 gesehen. Dort wurden unter anderem auch die großen Defizite der Stuttgarter Stadtbahn aufgelistet wie zum Beispiel die fehlende dritte Stammstrecke in der Innenstadt, die ungünstige Netzstruktur mit der Eigenbehinderung von Stadtbahnzügen und mit der Verunmöglichung einer Taktverdichtung sowie die schlechte Erschließung der Innenstadt.

Unter welchen Umständen kann die Verlängerung der U6 zum Flughafen sinnvoll sein? 
Gibt es aus diesem Dilemma noch einen Ausweg? Ja, den gibt es. Es gibt einen Königsweg, wie die U6-Verlängerung gebaut werden kann und sogar im Jahr 2016 mit positivem Nutzen-Kosten-Verhältnis in Betrieb gehen kann. Dieser Königsweg beinhaltet den Stopp von Stuttgart 21 und statt dessen die Umsetzung der unter anderem im Post vom 20.06.2012 in diesem Blog beschriebenen drastischen Verbesserung der S-Bahn-Anbindung des Flughafens einschließlich einer Express-S-Bahn vom Flughafen über Wendlingen nach Plochingen.

Diese Maßnahmen können bis zum Jahr 2016 in Betrieb gehen. Auf Stuttgart 21 müsste der Flughafen noch ein Jahrzehnt länger warten. Und diese Maßnahmen würden bereits ab dem Jahr 2016 das positive Nutzen-Kosten-Verhältnis der U6-Verlängerung gewährleisten.

Und was das finanzielle Engagement des Flughafens betrifft, ist die Lösung einer wesentlich verbesserten S-Bahn-Anbindung ebenfalls günstiger. Anstatt ca. 300 Millionen Euro für Stuttgart 21 zu bezahlen, kann der Flughafen den Bau der Express-S-Bahn nach Wendlingen-Plochingen mit einem zweistelligen Millionenbetrag unterstützen. Und von mir aus kann der Flughafen dann auch noch 10 Mio Euro für die U6-Verlängerung locker machen. Es bliebe dann trotzdem noch genügend Geld übrig, dass der Flughafen seine Anlagen modernisieren kann (zum Beispiel mehr Fluggastbrücken) und auch noch an die Anteilseigner Stadt und Land mehr Geld ausschütten kann.     

Fragenkatalog an den baden-württembergischen Verkehrsminister Hermann
1. Trifft es zu, dass nach derzeitigem Stand für ein positives Nutzen-Kosten-Verhältnis der U6-Verlängerung zum Flughafen Umsteiger vom Stuttgarter 21-Filderbahnhof erforderlich sind?
2. Falls ja, wie sehen Sie eine Inbetriebnahme der U6-Verlängerung vor der Inbetriebnahme von Stuttgart 21?
3. Halten Sie es für erforderlich, wegen des unsicheren Inbetriebnahmetermins von Stuttgart 21 eine Verschiebung der Bezuschussung der U6-Verlängerung auf unbestimmte Zeit vorzunehmen und statt dessen dringende Straßenbahnprojekte in vielen anderen BW-Städten und auch in der Stuttgarter Innenstadt zu bezuschussen?
4. Welche Vorteile hat die U6-Verlängerung für den Flughafen?
5. Falls es kaum oder keine Vorteile für den Flughafen gibt, wie stehen Sie zu einem Finanzierungsanteil des Flughafens für die U6-Verlängerung?
6. Welche Aktivitäten und Maßnahmen leiten Sie in die Wege, um durch einen Stopp des Stuttgart 21-Filderbahnhofs und die Umsetzung der Alternative zu Stuttgart 21, die wesentlich verbesserte S-Bahn-Anbindung des Flughafens, ein positives Nutzen-Kosten-Verhältnis für die U6-Verlängerung bereits ab dem Jahr 2016 zu erreichen?       

             

Kommentare:

  1. Ihre Argumentation stützt sich doch nur auf die falsche Behauptung, die S-Bahn vom HBF sei schneller als die U6 vom HBF am Flughafen. Das stimmt aber nicht, beide benötigen +/- 30 Min., wenn die Fahrtdauer von Schelmenwasen bis Flughafen mit großzügig 6 Min. angesetzt wird. U6 fährt in besserer Taktung und bietet eine Alternative -> da benötigt man keine S21 Verschwörungstheorie, das ist ein Gewinn -> bauen!!!

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  2. Wenn die U6 am Flughafen ist, braucht man keine S-Bahn mehr, denn sie braucht gleich lang in die Stadt. Und man könnte beide Gleise des bisherigen S-Bahn-Tunnels für die Züge benutzen. Vorteil für alle: Die Fluggäste bräuchten die unpünktliche S-Bahn nicht mehr, die ICE- und RE-Züge der Gäubahn wären nicht mehr so störanfällig, und das Scheitern der laufenden Planfeststellungsverhandlung wäre nicht so schlimm. Die Strecke nach Neuhausen müsste dann nur noch in die U6 verlagert werden....

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