Montag, 18. Juni 2012

Mallorca-Urlauber zahlen für Stuttgart 21

227 Millionen Euro soll der Stuttgarter Flughafen für das Projekt Stuttgart 21 beitragen. Das ist eine Menge Geld, gerade wenn man die geringen Gewinnmargen in der Luftfahrtbranche sowohl bei den Fluglinien als auch bei den Flughäfen berücksichtigt. Es gibt da ja die Witzfrage: "Wie wird man am schnellsten Millionär?". Die Antwort lautet: "Indem man als Milliardär eine Fluggesellschaft kauft".

Die 227 Millionen Euro zahlt der Flughafen nicht aus der Portokasse und diese Summe schüttelt der Flughafen nicht aus dem Ärmel. Aber irgendwoher müssen die 227 Millionen Euro doch kommen.



Geschäftsbericht
Der Geschäftsbericht des Flughafens Stuttgart weist für die letzten fünf Jahre 2007 bis 2011 die folgenden Geschäftsergebnisse aus: 2007 Gewinn 29,5 Millionen Euro, 2008 Verlust 80,9 Millionen Euro, 2009 Gewinn 17,6 Millionen Euro, 2010 Gewinn 23,9 Millionen Euro, 2011 Gewinn 30,5 Millionen Euro. Das ergibt ein durchschnittliches Ergebnis von 4 Millionen Euro pro Jahr. Der für Stuttgart 21 vom Flughafen zu zahlende Betrag ist somit höher als das akumulierte Betriebsergebnis über 57 durchschnittliche Jahre. Der Flughafen wird durch Stuttgart 21 für die kommenden 15 Jahre aller Freiheiten in der Entwicklung beraubt. Die Gesellschafter des Flughafens, die Stadt Stuttgart und das Land BW und damit die Steuerzahler müssen in den kommenden 15 Jahren auf viele Millionen möglicher Gewinnausschüttungen verzichten.

Ausbaustandard
Bereits im Post vom 04.06.2012 in diesem Blog wurde klar, dass der Flughafen Stuttgart beim Vergleich der Flughäfen in Deutschland die schlechteste Ausstattung hat. So hat der Stuttgarter Flughafen zum Beispiel mit Abstand die wenigsten Fluggastbrücken unter allen vergleichbaren Flughäfen. Auch um die seit vielen Jahren diskutierte sogenannte Westerweiterung (zusätzliche Stellplätze für Flugzeuge) ist es seit einiger Zeit merkwürdig still geworden.

Der vergleichsweise schlechte Ausbaustandard des Stuttgarter Flughafens ist kein Zufall, sondern eine direkte Folge der enormen Geldabflüsse wegen Stuttgart 21.   

Flugpreise 
Die Start- und Landegebühren am Flughafen Stuttgarter Flughafen zählen zu den höchsten in ganz Deutschland. Das wirkt sich direkt auf die Flugpreise aus. 

Es ist nicht einfach, einen direkten Vergleich der Preise für Flüge zwischen Stuttgart und anderen Flughäfen durchzuführen. Dazu gibt es zu viele Einflussfaktoren (z.B. Preispolitik der Fluglinien, unterschiedliche Ferienzeiten). Ich habe es trotzdem versucht mit den folgenden Randbedingungen, um den Einfluss unterschiedlicher Start- und Landegebühren möglichst genau herauszufiltern: ich habe am 18. Juni 2012 im Internet die Preise für einen Flug nach Mallorca am 26. Juni 2012 und Rückflug am 28. Juni 2012 mit einer großen deutschen Fluggesellschaft ab Stuttgart, ab Nürnberg, ab Köln/Bonn, ab Frankfurt, ab Hannover, ab Hamburg, ab Berlin, ab Düsseldorf und ab Paderborn im flexiblen Tarif (Normaltarif ohne Sonderangebote) verglichen. 

Das Ergebnis ist wie folgt:
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Nürnberg ist um 5 Euro günstiger als ab/bis Stuttgart, obwohl Nürnberg 138 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Köln/Bonn ist genauso hoch wie ab/bis Stuttgart, obwohl Köln/Bonn 161 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Frankfurt/Main ist um 4 Euro günstiger als ab/bis Stuttgart, obwohl Frankfurt/Main 117 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Hannover ist genauso hoch wie ab/bis Stuttgart, obwohl Hannover 377 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Hamburg ist genauso hoch wie ab/bis Stuttgart, obwohl Hamburg 504 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Berlin ist genauso hoch wie ab/bis Stuttgart, obwohl Berlin 512 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Düsseldorf ist um 2 Euro günstiger als ab/bis Stuttgart, obwohl Düsseldorf 188 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
  • Der durchschnittliche Flugpreis ab/bis Paderborn ist genauso hoch wie ab/bis Stuttgart, obwohl Paderborn 284 Kilometer weiter von Mallorca entfernt ist als Stuttgart.
Hierbei ist noch zu berücksichtigen, dass während des gewählten Reisezeitraums in Niedersachsen, Hamburg und Berlin bereits Sommerferien sind, so dass die Flugpreise ab den Flughäfen in diesen Bundesländern allein deswegen überhöht sind.  

Bezahlung der Mitarbeiter
Die hohen Start- und Landegebühren, die hohen Reisepreise ab dem Flughafen, die verminderte Gewinnabführung an die Gesellschafter Stadt und Land und die unterdurchschnittliche Ausstattung des Flughafens reichen jedoch immer noch nicht aus, um die Beiträge des Flughafens für Stuttgart 21 zu finanzieren. Erst vor wenigen Tagen hat die Landes-SPD dem Flughafen vorgeworfen, dass die Mitarbeiter der Tochterfirmen der Flughafengesellschaft nicht ausreichend bezahlt werden (z.B. Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 14.06.2012,13:37). Somit sind also auch die Mitarbeiter des Flughafens wegen Stuttgart 21 die Gelackmeierten.

Die Diskussion über die schlechte Bezahlung der Flughafenmitarbieter ist allerdings aus einem anderen Grund hinterhältig. Ausgerechnet die SPD-Politiker Schmiedel und Rust, die zu den eingefleischten Anhängern von Stuttgart 21 gehören, kritisieren jetzt den Flughafen. Da möchte man diese Politiker doch auffordern, dem Flughafen einen Weg aufzuzeigen, wie er trotz der Frondienste für Stuttgart 21 seine Mitarbeiter vernünftig bezahlen soll, konkurrenzfähige Start- und Landegebühren erheben soll und wie er gleichzeitig als Ausgleich für die vielfachen öffentlichen Subventionen auch noch eine gewisse Gewinnabführung an die Gesellschafter Stadt und Land leisten soll.

Betrieb
Mit dem exorbitant hohen Betrag von 227 Millionen Euro will der Flughafen den Bau von Stuttgart 21 subventionieren und den halben Zugverkehr des Landes zum Umweg über den Flughafen bewegen. Noch nicht berücksichtigt ist hierbei der spätere Betrieb. Wer zahlt denn später die exorbitant hohen Trassengebühren für die durch die Zugumleitung zum Flughafen erforderlichen Tunnel? Wer zahlt die Gebühren für die längere Fahrtstrecke in Folge der Umleitungen? Und wer bezahlt später für die längere Fahrzeit für täglich Abertausende von Fahrgästen? Der Flughafen zahlt dafür später nichts mehr. Das bleibt dann einmal mehr direkt am Steuerzahler und an den Bahnfahrgästen hängen.

Fazit
Stuttgart 21 ist eine Tragik, eine Katastrophe, für die Mitarbeiter des Flughafens, für die Flugreisenden und für die Steuerzahler. Dabei gäbe es für den Stuttgarter Flughafen mit einer alle 15 Minuten verkehrenden Express-S-Bahn vom Hauptbahnhof über S-Vaihingen, Flughafen, Wendlingen nach Plochingen eine um Längen bessere Anbindung an die Region Stuttgart und mit Sofortanschlüssen in den Umsteigeknoten an das ganze Land, eine im wahrsten Sinne des Wortes "Weltstadtanbindung". Und diese Lösung ist für einen Bruchteil der Kosten von Stuttgart 21 zu haben.

Das scheint aber insbesondere die CDU nicht kapieren zu wollen. Wie sonst ist es zu erklären, dass gerade heute wieder die Landes-CDU in Gestalt ihres Fraktionsvorsitzenden Hauk auf einer umwegigen Führung der Gäubahn über den Flughafen besteht? Und als Grund muss einmal mehr die Volksabstimmung des Landes herhalten, die es anscheinend verbietet, nach besseren Lösungen für den Ausbau des Bahnknotens Stuttgart  Ausschau zu halten.                   

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