Mittwoch, 6. Juni 2012

Die abstrusen Stuttgart 21-Argumente des Böblinger Landrats Bernhard

Auf die Argumente der großen Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 ist der glühende Stuttgart 21-Befürworter und Böblinger Landrat Roland Bernhard nie richtig eingegangen. Erst der Vorschlag einiger Kommunen der Region Neckar-Alb, die Gäubahn zukünftig über Reutlingen zu führen, hat ihn jetzt veranlasst, seine Argumente für Stuttgart 21 in der bisher geplanten Form noch einmal auf den Tisch zu bringen (Gäubote vom 06.06.2012).

Was der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 noch nicht gelungen ist, das haben jetzt die Oberbürgermeister Boris Palmer (Tübingen) und Barbara Bosch (Reutlingen) geschafft. Der Böblinger Landrat Bernhard musste zur Verteidigung der Gäubahnführung über Böblingen aus der Deckung kommen und seine Argumente für Stuttgart 21 vortragen. Aber damit ist er in die Falle getappt. Denn die von Bernhard vorgetragenen Argumente für Stuttgart 21 sind eines wie das andere abstrus und zerplatzen bei näherem Hinsehen wie eine Seifenblase.

Sehen wir uns die Argumente für Stuttgart 21 von Bernhard eins nach dem anderen an.



Argument 1: 
Bernhard argumentiert, dass zum Beispiel die Deutschlandzentrale von IBM nur deshalb in Ehningen (in der Nähe von Böblingen) angesiedelt worden wäre, weil der Firma eine gute Bahnanbindung an die Messe und an den Flughafen im Rahmen von Stuttgart 21 versprochen worden wäre.

Stellungnahme 1a:
Stuttgart 21 bringt für IBM keine bessere Bahnanbindung an den Flughafen und die Messe als dies bereits heute mit der S-Bahn der Fall ist. Bernhard ist mit großer Sicherheit kein regelmäßiger Bahnfahrer. Deshalb macht er den Fehler aller Nicht-Bahnfahrer und zählt zur Reisezeit die wichtige Komponente der Wartezeit am Bahnhof auf den Zug und die Umsteigezeiten nicht dazu. Die Wartezeit am Bahnhof und die Zeit für ein eventuelles Umsteigen sind aber genauso ein Bestandteil der Reisezeit wie die eigentliche Fahrzeit.

Heute fährt die S1 beim Haltepunkt Ehningen im Berufsverkehr alle 15 Minuten. Die durchschnittliche Wartezeit ist stets die Hälfte der Taktzeit, somit 7,5 und aufgerundet 8 Minuten. Der VVS-Fahrplan gibt eine Fahrzeit von Ehningen zum Flughafen einschließlich der Umsteigezeit in Rohr von 27 Minuten aus. Die Reisezeit beträgt somit heute 8 + 27 Minuten = 35 Minuten.

Bei der von Bernhard dargestellten Stuttgart 21-Situation fährt jede Stunde ein Regionalexpress auf der Gäubahn zum Flughafen. Die Mitarbeiter von IBM müssten dann vom Bahnhof Ehningen zunächst mit der S-Bahn nach Böblingen fahren. Dort müssen sie auf den Regionalzug umsteigen, der sie in einer Fahrzeit von 11 Minuten zum Flughafen bringt. Die Reisezeit beträgt zukünftig: 8 Minuten (durchschnittliche Wartezeit in Ehningen) + 5 Minuten (S-Bahnfahrzeit Ehningen-Böblingen) + 30 Minuten (durchschnittliche Wartezeit beim Umsteigen in Böblingen auf den Regionalzug) + 11 Minuten (Fahrzeit Böblingen-Flughafen) = 54 Minuten. Die Reisezeit der IBM-Mitarbeiter zum Flughafen ist somit zukünftig bei Stuttgart 21 um über die Hälfte länger wie heute.

Stellungnahme 1b:
Die große Mehrzahl der Einwohner des Landkreises Böblingen und auch aller anderen Landkreise entlang der Gäubahn will nicht zum Flughafen und zur Messe, sondern sie will nach Stuttgart-Vaihingen mit seinem riesigen Einzugsgebiet mit Universitäten und Arbeitsplätzen und sie will weiter zum Stuttgarter Hauptbahnhof. 

Die bestehende Führung der Gäubahn bringt kürzere Reisezeiten zum Hauptbahnhof und vor allem auch pünktlichere Fahrtverläufe als die bei Stuttgart 21 geplante Führung der Gäubahn. Zudem ist im Rahmen des Projekts eines etappierbaren Ausbaus des Bahnknotens Stuttgart (K21) ein Halt der Regionalzüge der Gäubahn in S-Vaihingen geplant. Dieses Vorhaben wird auch von Verkehrsminister Hermann unterstützt. Damit verkürzt sich die Reisezeit für viele Einwohner entlang der Gäubahn zum wichtigen Ziel S-Vaihingen markant. Zudem gibt es durch das mögliche Umsteigen in S-Vaihingen auf eine Express-S-Bahn zum Flughafen weitere Fahrtmöglichkeiten zum Flughafen und zur Messe.

Argument 2:
Die Führung der Gäubahn über den Flughafen und eine Rohrer Kurve ist laut Bernhard auch deshalb wichtig, weil es so für die Wirtschaft des Landkreises Böblingen schnellere Verbindungen nach München gibt mit Umsteigen am Flughafen.

Stellungnahme 2:
Hoppla, da hat wohl einer beim Sach- und Faktencheck zu Stuttgart 21 mit Heiner Geißler nicht richtig aufgepasst. Schon damals wurde nachgewiesen, dass es am Flughafen keine Anschlüsse zwischen der Gäubahn und dem Fernverkehr nach München geben wird und dass eine Fahrt über den Stuttgarter Hauptbahnhof mit dortigem Umsteigen auf den Fernverkehr nach München auch bei Stuttgart 21 die schnellere Variante ist. 

Auch ohne nochmaliges Nachhören des Sach- und Faktenchecks kann man sich dies relativ einfach selbst erschließen. Zunächst einmal gibt es bei Stuttgart 21 zwei Bahnhöfe am Flughafen. Allein der Weg für das Umsteigen zwischen beiden Bahnhöfen dauert ca. 15 Minuten. Wenn man von der Gäubahn auf den Fernverkehr nach München umsteigen will, muss man am Flughafen zwischen beiden Bahnhöfen umsteigen.

Dann will die Bahn einen ICE in Richtung München höchstens alle zwei Stunden am Flughafen halten lassen. Viel Spaß beim zweistündigen Warten im 25 Meter tiefen Flughafen-Kellerbahnhof! Vom Stuttgarter Hauptbahnhof fährt dagegen sowohl bei S21 als auch bei K21 alle 30 Minuten ein ICE nach München. 

Zudem wird doch niemand ernsthaft glauben, dass es zufälligerweise einen Anschluss zwischen einem Zug der Gäubahn und dem zweistündlich verkehrenden ICE nach München am Flughafen geben wird. Ein solcher Anschluss ist nicht geplant. Einen Anschluss gibt es nur im Stuttgarter Hauptbahnhof. Bei Stuttgart 21 müsste man auch im Hauptbahnhof etwas länger warten, bei K21 hat man im Rahmen des integralen Taktfahrplans den Sofortanschluss.

Argument 3:
Im Rahmen von Stuttgart 21 soll Böblingen laut Bernhard wieder ein ICE-Halt werden.

Stellungnahme 3:
Abstruser geht es nicht. Die heutige Fahrzeit des ICE zwischen dem Stuttgarter Hauptbahnhof und Böblingen ist kürzer als die Fahrzeit bei der Stuttgart 21-Führung der Gäubahn über den Flughafen. Wenn es der Bahn also mit einem Halt des ICE in Böblingen ernst wäre, würde sie diesen Halt bereits heute einrichten.

Zudem ist der ICE nicht in den VVS-Tarif integriert. Niemand würde also bei Stuttgart 21 mit dem ICE vom Hauptbahnhof nach Böblingen, vom Hauptbahnhof zum Flughafen oder vom Flughafen nach Böblingen fahren.

Argument 4:
Laut Bernhard ist BW gegenüber der Schweiz in der Pflicht, die Fahrzeit des ICE zwischen Zürich und Stuttgart auf 2 Stunden 15 Minuten zu begrenzen. Hierzu gäbe es einen Vertrag.

Stellungahme 4:
Herr Bernhard bedient sich wohl gern des Cafeteria-Prinzips. Er nimmt aus einem großen Themenspektrum diejenigen Themen heraus, die ihm in den Kram passen. Wenn wir schon von Verträgen zwischen der Schweiz und Deutschland reden, dann muss hier doch an allererster Stelle der Vertrag zum viergleisigen Ausbau der Rheintalbahn genannt werden. Dieser viergleisige Ausbau ist für die Schweiz von großer Bedeutung, denn er ist Voraussetzung für die großflächige Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene. Deutschland wird diesen Vertrag nicht erfüllen, nicht zuletzt wegen des kropfunnötigen Murks-Projekts Stuttgart 21. Das heißt, ich muss mich korrigieren. Deutschland wird nach dem Stopp von S21 den Vertrag sehr wohl erfüllen, allerdings mit einiger Verspätung.

Eine Fahrzeit des ICE zwischen Zürich und Stuttgart von 2 Stunden 15 Minuten wird im übrigen dadurch am besten gewährleistet, dass die Gäubahn wie heute auch zukünftig fährt und nicht den Umweg über den Flughafen macht.

Fazit
Die abstrusen Argumente von Herrn Bernhard für Stuttgart 21 können so nicht stehen bleiben. Es ist dringend erforderlich, die Firmen des Landkreies Böblingen über die wahren Sachverhalte aufzuklären. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Leitungen der Firmen sehr wohl darauf warten und empfänglich dafür sind, die Wahrheit über Stuttgart 21 zu erfahren. Der "Wahrheit" von Herrn Bernhard gilt es dringend eine zweite Wahrheit zur Seite zu stellen.

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