Mittwoch, 16. Mai 2012

Ist die S21-Berichterstattung der Stuttgarter Nachrichten ein Fall für den Presserat?

In der Online-Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten befindet sich mit Datum vom 16.05.2012 und der Uhrzeit 9 Uhr ein Artikel mit der Überschrift Filderdialog, Flughafen soll Bahndrehscheibe werden.

Sowohl die Überschrift des Artikels als auch einige Behauptungen im Artikel entsprechen nicht dem, was man sich unter einer neutralen, der Wahrheit verpflichteten Berichterstattung vorstellt. Bewusst oder unbewusst dient der Artikel dazu, Propaganda für Stuttgart 21 zu machen und die vielfältigen Nachteile von Stuttgart 21 ins Gegenteil zu verkehren.


Bleiben wir erst einmal bei der Überschrift. Möglicherweise ist es der Wunsch von Flughafen-Geschäftsführer Fundel, dass der Flughafen eine Bahndrehscheibe werden soll. In dieser Hinsicht hat sich Fundel ja bereits mehrfach geäußert. Sein Aufsichtsratsvorsitzender Hermann denkt da freilich ganz anders. Weshalb Hermann diesbezüglich Fundel nicht auf die Finger klopft, ist allerdings ein ganz anderes Thema, das man später vielleicht einmal in diesem Blog ansprechen kann. Jetzt geht es um die Stuttgarter Nachrichten. Und diese Zeitung erweckt mit der gewählten Überschrift den Eindruck, dass es Sinn und Zweck des Filderdialogs ist, den Flughafen zur Bahndrehscheibe zu machen.

Das ist aber mitnichten der Fall. Im Filderdialog sollen vielmehr verschiedene Varianten für die Zukunft der Bahn auf den Fildern und beim Flughafen auf den Tisch kommen und gleichwertig diskutiert werden. Und dabei gibt es auch Varianten, die eine Bahndrehscheibe am Flughafen ablehnen. Dafür gibt es gute Gründe. Schließlich sollen Bahndrehscheiben dort sein, wo die Menschen wohnen oder arbeiten oder wo bereits heute viele andere Verkehrslinien zusammenkommen. Dafür eignen sich zum Beispiel der Stuttgarter Hauptbahnhof oder auch die Bahnhöfe Stuttgart-Vaihingen, Stuttgart-Bad Cannstatt oder Plochingen. Mit einer Bahndrehscheibe am Flughafen wollen interessierte Kreise das umweltschädlichste Verkehrsmittel Flugzeug aufwerten und gleichzeitig die anderen potenziellen Bahnknoten schwächen. Die Menschen zumindest haben von einer Bahndrehscheibe am Flughafen wenig.

Kommen wir nun zum Text des Artikels in den Stuttgarter Nachrichten.

Da wird festgestellt, dass die Züge aus Richtung Singen bei Stuttgart 21 nicht mehr auf der alten Trasse durch den Stuttgarter Westen zum neuen Hauptbahnhof zuckeln würden. Damit soll der Eindruck erweckt werden, dass die Führung der Gäubahn bei Stuttgart 21 über den Flughafen schneller ist als der heutige Zustand. 

Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Führung der Gäubahn über den Flughafenbahnhof zum Hauptbahnhof wird einige Minuten länger dauern als im heutigen Zustand. Dazu kommt noch, dass die Führung der Gäubahn bei Stuttgart 21 wesentlich verspätungsanfälliger ist als die heutige Führung. Dazu tragen bei: höhengleiche Gleiskreuzungen, eingleisige Streckenabschnitte am Flughafenbahnhof sogar mit Halt der Züge innerhalb des eingleisigen Abschnitts und ein Mischbetrieb der Gäubahn mit zwei S-Bahnlinien und mehreren S-Bahnhaltepunkten. 

Es mag ja zutreffen, dass die Gäubahn auf ihrer heutigen Führung in einigen wenigen Abschnitten nur mit 70 km/h fahren kann. Aber welche Bedeutung hat das denn, wenn man trotz 70 km/h schneller im Hauptbahnhof ist als bei Stuttgart 21 mit teilweise höheren Geschwindigkeiten? Und last but not least gibt es bei Leinfelden ebenfalls eine Beschränkung auf 70 km/h, die die Züge der Gäubahn bei Stuttgart 21 erleiden müssten, also zuckelt man auch bei Stuttgart 21.

Dann kommt aber eine Meisterleistung im Artikel der Stuttgarter Nachrichten. Da wird behauptet, dass, wenn Stuttgart 21 in Betrieb ist, die rund 250.000 Bewohner der Filder vom Flughafen aus mit Fernzügen in acht Minuten zum Hauptbahnhof flitzen können. Dagegen böte die S-Bahn heute nur Bummeltempo.

Ich kann mich nicht erinnern, einen Satz in einem Zeitungsartikel gelesen zu haben, der mehr von Fehlern strotzt als dieser genannte Satz. Aber gehen wir der Reihe nach.

1. Es wird so gut wie keine Fernzüge vom Flughafenbahnhof zum Hauptbahnhof geben. Bei Stuttgart 21 würde alle zwei Stunden ein IC von Zürich nach Stuttgart am Flughafenbahnhof vorbeifahren. Ob auf der Strecke von Ulm ein ICE alle zwei Stunden im Flughafenbahnhof hält, ist alles andere als sicher.

2. Die Bewohner der Filder werden garantiert nicht mit einem Fernzug und dessen exorbitant teuren Fahrpreisen vom Flughafenbahnhof zum Hauptbahnhof fahren. Wenn schon, dann würden sie einen Regionalzug benutzen, der am VVS-Tarifsystem teilnimmt.

3. Am Flughafen und damit am Stuttgart 21-Flughafenbahnhof wohnt kein einziger der 250.000 Bewohner der Filder. Um also vom Flughafenbahnhof zum Hauptbahnhof fahren zu können, müssen die Bewohner der Fiklder erst einmal zum Flughafenbahnhof fahren.

Nehmen wir als Beispiel die Bewohner von Echterdingen. Sie müssten erst einmal im Haltepunkt Echterdingen in die S-Bahn steigen und entgegen der bisher gewohnten Fahrtrichtung zum Flughafenbahnhof fahren. Dort haben sie dann die Wahl. Sie können im S-Bahnhof am Flughafen bleiben und bis zu eine Stunde warten, bis ein Regionalzug der Gäubahn in diesem Bahnhof ankommt und - nicht in acht Minuten, sondern in 12 Minuten - zum Hauptbahnhof fährt. Oder sie können vom S-Bahnhof an die Oberfläche gehen, 250 Meter zum S21-Flughafenbahnhof gehen und dann über eine Fahrtreppenkaskade (ähnlich z.B. wenn man in einem Stuttgarter Kaufhaus von ganz unten nach ganz oben fährt) über 25 Meter in die Tiefe fahren. Dort warten sie dann eine halbe bis eine ganze Stunde, bis ein Regionalzug zum Hauptbahnhof fährt.

Im Durchschnitt wird die Fahrt von Echterdingen bis zum Hauptbahnhof auf diese Weise so ca. eine dreiviertel bis eine Stunde dauern. Unter diesen Umständen wird wohl jeder Echterdinger wie bisher die S-Bahn benutzen. Da ist er in 24 Minuten am Hauptbahnhof, ohne Umsteigen und ohne Unsicherheit über die tatsächliche Fahrzeit.

4. Die Filder erstrecken sich von Stuttgart-Büsnau bis nach Denkendorf. Viele der genannten 250.000 Einwohner der Filder wohnen z.B. in S-Vaihingen oder sonst irgendwo ganz weit weg vom Flughafen. Es wird doch niemand im Ernst glauben, dass ein Bewohner von S-Vaihingen erst mal zum Flughafenbahnhof fährt, um zum Hauptbahnhof zu kommen. 

Wohin man auch schaut, da wird massive Propaganda für Stuttgart 21 gemacht. Und da scheut man auch vor falschen Behauptungen nicht zurück. Ob das einer Zeitung in Deutschland würdig ist, sollte der deutsche Presserat beurteilen.               

Kommentare:

  1. Beim Presserat darf jeder melden, so denn du glaubst das das eine angeleigenheit ist dann melde den betreffenden artikel doch einfach.

    zitat:
    Jede Person kann sich beim Presserat über Zeitungen, Zeitschriften und ab dem 1.1.2009 auch über journalistisch-redaktionelle Beiträge aus dem Internet beschweren, sofern es sich nicht um Rundfunk handelt. Anzeigenblätter und andere kostenlose Zeitungen und Zeitschriften können vom Presserat nicht geprüft werden (mehr dazu hier).Auch Vereine, Verbände etc. sind hierzu berechtigt. Die Beschwerde ist kostenlos.
    http://www.presserat.info/inhalt/beschwerde/anleitung.html

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  2. Auch meine Meinung. Schick' das zum Presserat. Letzten Absatz umformulieren, dann hier hinein kopieren: http://www.presserat.info/inhalt/beschwerde/beschwerdeformular.html In diesem Beschwerdeformular sind schon ein paar Hilfestellungen gegeben, der StN-Artikel verstösst gegen Ziffer 1, Satz 1, eine Richtigstellung nach Ziffer 3 ist erforderlich. Man kann rechts entsprechende Häkchen machen und unter "mehr..." nachlesen, was der Kodex enthält.

    Die Kritik ist absolut berechtigt und sachlich vorgetragen. "Propaganda" ist immer relativ, denn es gibt auch (leider wenige) andere Artikel in den StN. Die Betonung liegt richtigerweise auf der Darstellung der falschen Tatsachenbehauptungen.

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