Freitag, 25. Mai 2012

Gäubahnvorschlag der Region Neckar-Alb ist Schwächung des Bahnknotens Stuttgart

Im Zusammenhang mit dem anstehenden und jetzt zunächst einmal verschobenen Filderdialog haben verschiedene Kommunen der Region Neckar-Alb einen neuen Vorschlag für die Führung der Gäubahn ins Gespräch gebracht.(Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 25.05.2012, 12 Uhr 15). Demnach sollen die Züge der Gäubahn zukünftig über Reutlingen, Tübingen und Rottenburg nach Horb fahren und nicht mehr über S-Vaihingen, Böblingen, Herrenberg und Eutingen. Damit soll ein Mischbetrieb zwischen Fern-/Regionalzügen und der S-Bahn zwischen dem Flughafen und S-Rohr vermieden werden.  

Der Vorschlag ist nicht sinnvoll. Das wird weiter unten noch näher zu erläutern sein. Zunächst jedoch wollen wir diesem Vorschlag auch einmal etwas Gutes abgewinnen. Die Kommunen der Region Neckar-Alb reihen sich mit diesem Vorschlag in die inzwischen schon beachtliche Kette derjenigen ein, die die Planung von Stuttgart 21 beim Flughafen und auf den Fildern als Murks ansehen. Willkommen im Klub! Andere Glieder in dieser Kette sind zum Beispiel die SPD des Landes Baden-Württemberg (siehe im Post vom 12.01.2012), der Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg, das Eisenbahnbundesamt, der CDU-Oberbürgermeister der Stadt Leinfelden-Echterdingen, viele Organisationen und Vereinigungen und nicht zuletzt auch die Bahn selbst. Warum sonst sollte die Bahn wohl diesen Filderdialog veranstalten wollen?


Nicht jeder Vorschlag, den Fildermurks von Stuttgart 21 zu beseitigen, kann jedoch allein daraus Wahrheit und Sinnhaftigkeit beziehen. Aus lokaler Sicht ist es möglicherweise nachvollziehbar, wenn bestimmte Kommunen eine andere Führung der Gäubahn haben wollen. Was wäre das für ein Ansehensgewinn etwa für Reutlingen, wenn in dessen Bahnhof plötzlich die IC-Züge aus Zürich hielten, oder wenn man von Reutlingen ohne Umsteigen mit dem Zug an den Bodensee fahren könnte!

Und es ist sicher ein Stück Wahrheit dran: Die Großstadt Reutlingen liegt ein wenig im (Bahn)verkehrsschatten. Aber all das ist nicht ausreichend und rechtfertigt es nicht, den Bahnknoten Stuttgart zu schwächen. Denn darauf läuft der Vorschlag der Kommunen aus der Region Neckar-Alb hinaus. Würde der Vorschlag umgesetzt, gäbe es vom Stuttgarter Hauptbahnhof eine Strecke weniger, die ins Land ausstrahlt. Die Strecke von Stuttgart über Böblingen nach Herrenberg würde dann nur noch von der S-Bahn bedient werden. Ab Herrenberg könnten allenfalls Regionalzüge weiter nach Horb und nach Freudenstadt fahren.

Die Stärke eines großen Bahnknotens liegt aber genau darin, dass in alle Himmelsrichtungen möglichst viele Strecken in das Umland und zu benachbarten Bahnknoten weg- und zuführen. Der Wegfall einer Fern- und Regionalverkehrsstrecke von Stuttgart über Böblingen und Herrenberg nach Horb wäre somit eine gravierende Schwächung des Bahnknotens Stuttgart. 

Es gibt in Deutschland kaum eine andere Großstadt, die sich auf Grund ihrer Lage besser für einen Bahnknoten eignet, als Stuttgart. Stuttgart liegt in der geographischen Mitte eines großen Flächenbundeslandes. Ich habe bei einer groben Durchsicht keine andere Landeshauptstadt gefunden, die so wie Stuttgart in der Mitte ihres Bundeslandes liegt. Stuttgart 21 schafft den Bahnkoten Stuttgart quasi ab, den von den Siedlungsgegebenheiten her besten Bahnknoten Deutschlands. Auch der Vorschlag aus der Region Neckar-Alb schwächt den Bahnknoten Stuttgart.

Im vorangegangenen Post in diesem Blog (Post vom 20.05.2012) ging es um eine Anbindung des Flughafens über eine stark verbesserte S-Bahn mit dem neuen Element der Express-S-Bahn. Aus Reutlingen würde man gemäß diesem Vorschlag mit dem Regionalexpress bis Wendlingen fahren und hätte dort sofort Anschluss an die von Plochingen kommende Express-S-Bahn, die dann ohne Halt entlang der A8 zum Flughafen und von dort weiter auf der bestehenden S-Bahnstrecke ohne Halt bis S-Vaihingen fährt. Bei dieser Lösung gibt es einen bestmöglichen Anschluss von Reutlingen an den Flughafen und an die Fildern. Gleichzeitig würden alle Regionalexpresszüge von Reutlingen weiter nach Plochingen und nach Esslingen fahren und damit die heutige Qualität dieser Verbindung aufrechterhalten oder sogar verbessern. Denn es wird doch wohl niemand abstreiten wollen, dass es von der Groß- und Universitätsstadt Reutlingen nicht eine starke Verkehrsnachfrage zur Groß- und Universitätsstadt Esslingen sowie auch nach Plochingen mit Weiterfahrt nach Göppingen-Ulm gibt.

Die Bürgermeister der Kommunen in der Region Neckar-Alb sollten also einfach einmal tief durchatmen und sich dann überlegen, was das beste Bahnkonzept für ihre Region ist. Und selbst für die Anbindung von Reutlingen in Richtung Südwesten gibt es Lösungsmöglichkeiten, auch ohne Gäubahnfahrt durch Reutlingen. Die B27 von Tübingen in Richtung Balingen/Rottweil wird zur Zeit Stück für Stück autobahnähnlich ausgebaut. Es scheint in diesem Korridor also eine starke Verkehrsnachfrage vorhanden zu sein. Dann sollte sich auch ein Ausbau bzw. Neubau einer attraktiven Bahnstrecke Reutlingen/Tübingen - Hechingen - Balingen - Rottweil lohnen. Dann gäbe es attraktive Bahnverbindungen von Reutlingen in den Südschwarzwald, an den Bodensee und in die Schweiz. Und je früher Stuttgart 21 ad acta gelegt wird, desto rascher sind auch Mittel für den stufenweisen Ausbau der Bahnverbindung Reutlingen-Rottweil vorhanden.               

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