Montag, 14. Mai 2012

Fiktive Fragestunde der Ulmer Bürger zu K21 und zum etappierbaren Ausbau Stuttgart-Ulm

Zwischen den Stuttgartern und den Ulmern gibt es im Zusammenhang mit Stuttgart 21 und der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse. Die Ulmer Bürgerinnen und Bürgern sehen mit Misstrauen auf die Stuttgarter, die in ihren Augen eine schnelle Verbindung von Ulm nach Stuttgart, zum Flughafen und nach Norddeutschland verhindern. Die Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger wiederum verstehen die Ulmer nicht, die sich in ihren Augen anmaßen, für ein Stadt- und Bahnzerstörungsprojekt historischen Ausmaßes in Stuttgart zu stimmen.

Da tut Vermittlung und Aufklärung not. Und aus Stuttgarter Sicht könnte es Sinn machen, die Bürgerinnen und Bürger von Ulm noch besser und detaillierter über K21, das Alternativprojekt zu Stuttgart 21, sowie über einen etappierbaren Ausbau des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm, das Alternativprojekt zur Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, zu informieren. Das könnte im Rahmen einer Fragestunde in irgendeinem Ulmer Veranstaltungssaal erfolgen. 



Hier in diesem Blog nehmen wir diese Fragestunde in fiktiver Form schon mal vorweg. Die Fragen sind fiktiv, die Antworten jedoch sind real, wahr und präzise.

Der Versammlungsleiter eröffnet die Veranstaltung und lädt die zahlreich erschienen Bürgerinnen und Bürger aus Ulm und Umgebung ein, Fragen zu stellen.

Frage 1 von Herrn W.S. aus Ulm: Ich habe viel in Stuttgart zu tun und bin daran interessiert, schnell mit dem Zug nach Stuttgart zu kommen. Die Bummelei bei der Geislinger Steige langweilt mich.
Antwort 1: Das ist absolut nachvollziehbar. Wir halten einen etappierbaren Ausbau sowohl des Bahnknotens Stuttgart (K21) als auch des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm für die beste Lösung. Für den Bahnkorridor gibt es zwei Maßnahmen der ersten Priorität, den zehn Kilometer langen Umfahrungstunnel der Geislinger Steige sowie ein Ausbau zwischen Plochingen und Göppingen mit Ortsumfahrungen mit jeweils kurzen Tunnels. Dadurch wird sich für den ICE zwischen Ulm und Stuttgart eine Systemfahrzeit von etwas unter 45 Minuten einstellen. Das ist eine Fahrzeit zwischen den beiden Innenstädten, die konkurrenzlos ist.

Frage 2 von Herrn I.G. aus Ulm: In Stuttgart war ich schon lange nicht mehr. Mir gefällt die Stadt nicht. Ich bin aber daran interessiert, mit dem Zug schnell an verschiedene Orte in Baden-Württemberg zu kommen.
Antwort 2: Da sind Sie beim Konzept K21 und beim etappierbaren Ausbau des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm in den besten Händen. Zunächst kommen Sie konkurrenzlos schnell zum Bahnknoten Stuttgart. Dort haben Sie im Kopfbahnhof im Rahmen des integralen Taktfahrplans kurze Anschlüsse in alle Gegenden Baden-Württembergs. Bei Stuttgart 21 müssten Sie fallweise ganz schön lange in Stuttgart auf den Anschlusszug warten.

Frage 3 von Herrn S.v.U. aus Ulm: Ich bin beruflich oft im Ausland unterwegs und interessiert daran, schnell mit dem Zug zum Flughafen Stuttgart zu kommen.
Antwort 3: Da können wir Ihnen durchaus etwas bieten. Erlauben Sie aber eine Vorbemerkung. Der Ulmer Bürger fliegt im Durchschnitt allenfalls einmal im Jahr oder auch nur alle zwei Jahre oder noch seltener ab dem Stuttgarter Flughafen. Sie werden uns deshalb sicher zustimmen, dass eine schnelle Bahnverbindung zwischen Ulm und dem Stuttgarter Flughafen nicht das dringendste Verkehrsproblem in BW oder in Deutschland ist.
Jetzt aber konkret zur Frage. Im Rahmen von K21, dem etappierbaren Ausbau des Bahnknotens Stuttgart auf der Basis des Kopfbahnhofs, ist eine wesentliche Verbesserung der S-Bahn-Anbindung des Stuttgarter Flughafens vorgesehen. Unter anderem soll es eine neue Express-S-Bahnlinie geben, die vom Flughafen mit nur einmaligem Halt in Wendlingen nach Plochingen fährt. Von Ulm fahren Sie mit dem IRE, dem RE oder teilweise auch mit dem IC nach Plochingen. Dort erhalten Sie sofort Anschluss an die Express-S-Bahn zum Flughafen. Auch wenn die reine Fahrzeit zwischen Ulm und dem Flughafen bei diesem Konzept etwas länger ist als bei der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, so ist doch die gesamte Reisezeit sogar kürzer. Denn diese Verbindung zum Flughafen über Plochingen wird ab Ulm sogar halbstündlich angeboten. Und sie kommen im S-Bahnhof direkt unter dem Terminal an. Bei der NBS Wendlingen-Ulm sowie S21 müssten Sie bis zu einer Stunde warten, bevor Sie mit dem vom Land hochsubventionierten IRE über die Neubaustrecke zum Flughafen fahren könnten. Und dort hätten Sie dann noch einen 250 Meter langen Fußweg sowie eine Aufzugfahrt über 30 Höhenmeter bis zum Terminal.

Frage 4 von Herrn A.E. aus Ulm: Ich bin oft in Deutschland unterwegs und deshalb interessiert daran, schnell mit dem Zug in alle Großstädte Deutschlands zu kommen.
Antwort 4: Sie kommen zunächst konkurrenzlos schnell in unter 45 Minuten nach Stuttgart. Dort gibt es eine Wendezeit im Kopfbahnhof von gerade einmal 4 Minuten. Dann geht es bereits weiter über Mannheim nach Frankfurt. Aber es gibt bei K21 noch eine weitere Ausbauoption. Nach dem Vorbild der Zürcher Durchmesserlinie kann es in einem weiteren Ausbauschritt eine Verbindung von S-Bad Cannstatt über den Hauptbahnhof nach S-Feuerbach geben. Diese Verbindung soll mit einem möglichst kurzen Tunnel auskommen. Diese Durchmesserlinie wird die Leistungsfähigkeit des Bahnknotens Stuttgart weiter steigern und für die Fernzüge eine Fahrt durch Stuttgart ohne Fahrtrichtungswechsel ermöglichen. 

Frage 5 von Frau B.M. aus Neu-Ulm: Ich fahre nicht mit der Bahn. Bei der Fahrt mit dem Auto über die A8 ärgern mich aber immer wieder die endlosen Lastwagenkolonnen, die den rechten und teilweise sogar den mittleren Fahrstreifen belegen. 
Antwort 5: Der etappierbare Ausbau des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm wird den Schienengüterverkehr massiv fördern. Der Umfahrungstunnel Geislinger Steige wird den Korridor voll güterzugtauglich machen. Es werden somit mehr und vor allem wesentlich längere Güterzüge im Verlauf des Bahnkorridors fahren. Wenn die Politik noch ein wenig mitspielt, wäre es möglich, nach dem Schweizer Vorbild alle das Land BW durchquerenden Lkw auf die Bahn zu verladen (z.B. zwischen Karlsruhe und Ulm). Die Zahl der Lkw auf der A8 wird dadurch spürbar abnehmen. S21 sowie die NBS Wendlingen-Ulm können Ihnen das nicht bieten. Da würde der Lkw-Verkehr auf der A8 sogar weiter zunehmen.

Frage 6 von Herrn U.S. aus Ulm: Ich interessiere mich nicht für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, auch Stuttgart 21 kann mich kreuzweise. Ich fahre aber täglich im Schienenregionalverkehr in der Region Ulm / Neu-Ulm. Und da stelle ich fest, dass doch Manches im argen liegt. Jetzt will die Bahn sogar im Ulmer Hauptbahnhof zwei zugesagte Bahnsteige streichen. Ich überlege mir, ob ich zukünftig wieder aufs Auto umsteige.
Antwort 6: Warten Sie noch mit dem Umstieg aufs Auto. Denn im Rahmen von K21 sowie des etappierbaren Ausbaus des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm bleibt genug Geld übrig, um auch andere Bahnprojekte - auch im Nahverkehr - umzusetzen. Denn K21 und der etappierbare Ausbau Stuttgart-Ulm sind wesentlich preisgünstiger als S21 und die NBS Wendlingen-Ulm. Und wir sind schon gespannt darauf, welche Verbesserungen in der Region Ulm / Neu-Ulm dann als erstes in Betrieb genommen werden können.

Nach weiteren Fragen und Antworten beschließt der Versammlungsleiter die Fragestunde.


"Ich gebe meiner Hoffnung Ausdruck, dass wir Stuttgarter und Ulmer Bürger zukünftig an einem Strang ziehen, dass wir den Jahrhundertmurks Stuttgart 21 und Wendlingen-Ulm gemeinsam rasch beenden und dann umgehend mit den ersten Schritten beim etappierbaren Ausbau des Bahnknotens Stuttgart, des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm und nicht zuletzt des Ulmer Regionalverkehrs beginnen können. Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und auf ein baldiges Wiedersehen". 

Das Protokoll notiert noch: Applaus.                          
   

Kommentare:

  1. Ein lachhafter (besser lächerlicher) Ausbau zw. Plochingen & Göppingen ist völliger Humbug. Es werden Wohn- & Gewerbegebieten entlang der Filstalbahn zwangsabgerissen & -enteignet. Dafür deutet der Schaden in zweistelliger Millionenhöhe. Nicht zuletzt haben die Filstaler gegen den Ausbau protestiert, weil sie nicht nur vor Zwangsabrisse & -enteignungen, sondern auch vor massiven Bahnlärm fürchten. Darum halte ich einen Ausbau für veraltet & unanwendbar.

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    1. Genau das ist nicht der Fall. Es geht ja nicht darum, den Fehler der DB aus dem letzten Jahrhundert zu wiederholen und die vorhandene Trasse Plochingen-Göppingen einfach zu verbreitern. Bei einem etappierbaren Ausbau des Bahnkorridors Stuttgart-Ulm geht es darum, alle anstehenden Probleme dieses Korridors zu lösen.

      Und das heißt, dass die Anwohner vom Güterverkehrslärm entlastet werden sollen, dass die Einrichtung einer S-Bahn Plochingen-Göppingen ermöglicht wird, dass die Leistungsfähigkeit des Korridors massiv steigt, dass der Korridor voll güterzugtauglich wird und dass es für den Fernverkehr eine konkurrenzfähige Fahrzeit bei gleichzeitiger Ermöglichung von Anschlussknoten in Stuttgart und Ulm gibt (konkret: Fahrzeit etwas kleiner als 45 Minuten).

      All diese Sachverhalte sind in den verschiedenen Posts in diesem Blog schon dargestellt worden. Aber ich stimme Ihnen zu: es ist nicht zumutbar, alle Posts in diesem Blog zu lesen.

      Umgebrochen auf den Abschnitt Plochingen-Göppingen und die dort erforderlichen beiden zusätzlichen Gleise nbedeutet dies: es wird entweder Ortsumfahrungen mit jeweils einem kurzen Tunnel geben oder es wird eine zusammenhängende neue Trasse in einem gewissen Abstand von den Kommunen des Filstals, ebenfalls mit jeweils einem kurzen Tunnel auf Höhe der Ortschaften geben. Die beiden neuen Gleise werden im Mischbetrieb von Fernzügen und Güterzügen befahren. Die bestehenden Gleise stehen für die S-Bahn und den Regionalverkehr zur Verfügung.

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    2. Doch! Dieser Fehler beginnt erst, als die Wohn- & Gewerbegebiete dicht an der Eisenbahnstrecke gebaut wurde. Das ist fakt! Um es deutlicher auszudrücken: Diese Filstalstrecke, die 160 Jahre alt ist, ist & bleibt kein HGV-Verkehr. Ein viergleisiger Ausbau schafft mehr Lärm als bis jetzt. Und die Wohn- & Gewerbegebäuden werden entlang der Strecke zwangsabgerissen bzw. -enteignet, sodass viele Gründstücks- & Hauseigentümer mit niedrigen Entschädigungen rechnen müssen, das ist ebenfalls fakt! Und die betroffenen Eigentümer haben damals richtig zur Wehr gesetzt, weil sie nicht nur vor dem Lärm Angst, sondern auch um ihre Existenz bangen müssen. Trotzdem hat die DBAG vermasselt, auf welcher Strecke sie den Güterverkehr fahren lassen will.

      Zur Fahrzeit:
      Die Fahrzeit beträgt ohnehin durch die vielen Kurven der Filstalbahn ohnehin auf 45 Minuten, höchstens 50 Minuten, weil
      a) es alle Zugarten (ICE, EC/IC, IRE, RE, RB, TGV (ein Zugpaar) sowie Güterverkehr) gibt...
      b) der Güterverkehr stets von mehreren Personenverkehrszügen überholt werden. Sprich: vom Fern- & Nahverkehr...
      c) durch einen einzigen Unfall den ganzen Zugverkehr lahmgelegt wird...
      d) der Geislinger Steige nur max. 70 km/h fahren müssen, da bei höherer Geschwindigkeit die Züge entgleist werden TROTZ Neigetechnik (da komme ich noch mal später zu.)...
      e) und bei Verspätung der Fernverkehrszüge der Nahverkehr auf der KBS 750 IMMER das Nachsehen haben. Sprich: hohe Wartezeit mit Verspätungen.
      Die geringe Fahrzeit von Ihnen mit 10 Minuten ist eher unattraktiv (Zeitersparnis 18%) & wirtschaftlich unmachbar. Und das ist auch der großer Fehler der DBAG, weil laut DBAG die Fahrzeit auf der Bahnstrecke Nürnberg-Regensburg-Passau trotz Modernisierung bei 6,3 Mio. Euro eine Zeitsparnis von armseliger 3 Minuten gerechnet wurde. Der EC23 hatte damals die beste Fahrzeit mit geringen Aufenthalt in Passau, der dann nach Wien fährt. Der heutige ICE 23 fährt zwar etwas schneller, aber ihre Abfahrtszeit in Passau Hbf nach Wien ist immer noch die gleiche wie bei EC 23 (Aufenthalt 5 Minuten).

      Zur Strecke:
      Eine Ortsumfahrung bedeutet, dass viele Häuser entlang der gedachten Ausbaustrecke zwangsweise(!!!) verschwinden müssen. Bsp.: Geislinger Steige! Zw. Geislingen West & Geislingen (Steige) ist die Strecke 2,3 km lang. Bei einer überdachten Strecke durch Untertunnelung ist zwar 2 km lang, dafür sind die Kosten erheblich höher. Und ich denke, dass das KNV (Kosten-Nutzen-Verhältnis) nicht mehr als 0,5 Punkten anzeigt.

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