Montag, 3. Oktober 2011

Die neue Verantwortung der Älteren

Es gibt ja nicht wenige Menschen, denen passt es einfach nicht, wenn sie andere Menschen demonstrieren oder für ihre Rechte kämpfen sehen. Das passt nicht in das Weltbild dieser Zeitgenossen, das irritiert sie. Und weil das diesen Leuten nicht passt, müssen sie sich irgend etwas ausdenken, was die Demonstranten diskreditieren könnte. 

So hört man immer wieder, bei den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 seien so viele Rentner anwesend. Ganz einfach Gestrickte behaupten gar, da seien nur Rentner. Diese Bemerkungen sind gleich in mehrerer Hinsicht interessant.



Denn anscheinend sind die Demonstrationen gegen Stuttgart 21 für einige Leute die erste Gelegenheit, sich mit der demographischen Zusammensetzung der Bevölkerung zu beschäftigen. Gemäß der Bundeszentrale für politische Bildung sind zur Zeit bereits über 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland älter als 60 Jahre. Jeder vierte ist also über 60. Und das ist meiner Einschätzung nach auch die Obergrenze des Anteils der über 60jährigen bei den Demonstrationen gegen Stuttgart 21. Somit sind die gegen Stuttgart 21 Demonstrierenden nichts anderes als ein getreues Abbild der Bevölkerung Deutschlands.

Aber es gibt noch etwas anderes, was die Nörgler irritiert. Sie irritiert, dass bei den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 überhaupt Ältere zugegen sind. Die Kritiker der Stuttgart 21-Gegner, die Deutschland am liebsten demonstrationsfrei sehen würden, erwarten bei Demonstrationen wohl in erster Linie Krawallmacher im Alter zwischen 20 und 30. Da bricht wohl ein Weltbild zusammen, wenn bei den Demonstrationen dann ein Querschnitt der Bevölkerung teilnimmt. Ihr eigenes Weltbild können diese Leute nur noch dadurch retten, dass sie, wenn sie vor Ort sind, verschämt tuscheln, sich Mut machend anlächeln und später daheim oder im Internet-Forum dann von den vielen Rentnern erzählen, die sie bei den Demonstrationen gesehen hätten.

Aber selbst wenn bei den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 überproportional viele Rentner zugegen wären, so hätte dies seine Berechtigung. Es ist traurig, aber wahr: die Rentner sind die einzige Bevölkerungsgruppe in Deutschland, sie sich uneingeschränkt gegen den Stuttgart 21-Irrsinn zur Wehr setzen kann. Die anderen beiden Bevölkerungsgruppen - die im Beruf stehenden und die Auszubildenden - können oder dürfen dies nicht in gleicher Weise tun.

Die im Beruf stehenden sind oft so eingespannt, dass sie kaum Zeit haben, gegen eine Sache zu demonstrieren oder sonstwie dagegen vorzugehen. Und vielfach stehen die Berufstätigen auch unter enormem Druck ihrer Vorgesetzten oder des ganzen Systems (z.B. die Beamten / Angestellten bei den Kommunen/beim Land/beim Bund oder bei den Tochtergesellschaften) und trauen sich gar nicht, ihre Ablehnung von Stuttgart 21 offen zu zeigen. 

Auch die Auszubildenden (Schüler/Studenten/Azubis) sind heute von klein auf so eingespannt, dass sie kaum mehr freie Zeit haben. Das geht schon in der Kindheit los. Viele Kinder dürfen heute ja kaum mehr in der freien Natur spielen, ihre Vor- und Nachmittage sind für die vielfältigsten Aktivitäten verplant, in ländlichen Gegenden chauffieren die Mütter ihre Kinder nachmittags oft von Termin zu Termin. 

Umso beeindruckender ist es dann, wenn es gelingt, zum Beispiel die Schüler doch zu einer Demonstration gegen Stuttgart 21 zusammenzutrommeln. So war es am 30.09.2010, jenem Tag, der später als der schwarze Donnerstag in die Geschichte der Landeshauptstadt Stuttgart eingegangen ist, wofür die Schüler allerdings nichts konnten. Es war beeindruckend, Tausende von Schülern zu sehen, wie sie nach der Auslösung des Parkschützeralarms im Laufschritt von der Lautenschlagerstraße in den Mittleren Schlossgarten eilten, um dort das schlimmste zu verhindern. Und das sind dann die Momente, während denen man meint zu ahnen, dass die Jungend Deutschlands vielleicht doch noch nicht verloren ist.

Aber die Schüler können nicht ständig demonstrieren. Es bleiben also die Älteren, oder die wenigen Berufstätigen, die sich das im wahrsten Sinne des Wortes leisten können. Aber so war das anscheinend nicht gedacht. Berthold Leibinger, der Aufsichtsratsvorsitzende der Firma Trumpf GmbH + Co. KG echauffierte sich in einem Zeitungsinterview im letzten Jahr darüber, dass die Rentner heutzutage so viel (zu viel) Zeit und Kraft hätten, um sich kritisch mit Stuttgart 21 auseinanderzusetzen.

Vielleicht hat Berthold Leibinger diese Äußerung bereits wieder bereut. Jedenfalls sagt diese Äußerung einiges über das politische und wirtschaftliche System in Deutschland. Da ist es diesem System tatsächlich gelungen, die Menschen zwischen 30 und 60 so in den Berufsalltag einzuspannen, dass sie keine Zeit und Energie mehr für Widerstand, für Demonstrationen, für Kritik und für Nachforschungen haben. Und die Auszubildenden hat man auch schon vereinnahmt. Auch hier setzt man alles daran, dass die Jugend, die eigentlich von Natur her aufmüpfig sein sollte, brav zu Hause bleibt und sich für den Konkurrenzkampf rüstet. Da hat man fast alles im Griff.

Und jetzt die Rentner. Das war nicht geplant. Da zeigt sich doch tatsächlich eine Lücke im System. Anstatt müde im Schaukelstuhl zu sitzen, gehen jetzt tatsächlich einige Rentner auf die Straße, studieren die Planunterlagen zu Stuttgart 21 und decken Unglaubliches auf. Zwar sagen das Berthold Leibinger und Gleichgesinnte nicht, aber sie würden wohl am Liebsten alles daransetzen, damit die Rentner wieder von der Straße kommen und ruhig bleiben. Vielleicht könnte man die Rente mit 75 einführen. Oder man könnte die Rentner alle zum Überwintern und Übersommern auf die Kanaren schicken.

Aber letztendlich zeigen diese Äußerungen, wie es um die Demokratie und Freiheit in Deutschland inzwischen bestellt ist. Und weil hier Gefahr droht, kann man tatsächlich nur an jeden Rentner und an jede Rentnerin appellieren: wenn Ihr noch soweit gesund und fit seid, wehrt Euch, geht auf die Straße, beschäftigt Euch mit Stuttgart 21 und den ganzen Hinterzimmern, Weinberghäuschen, Parteifreunden und sonstigen Freunden. Denn Ihr tut dies nicht nur für Euch, sondern auch für alle anderen, die dies aus Zeitgründen nicht können oder die dies nicht dürfen. Und von daher gibt es jetzt eine ganz neue Verantwortung der Älteren für das Gemeinwesen, eine ganz wichtige neue Aufgabe. Wer hätte dies noch vor einigen Jahren gedacht?                           

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