Sonntag, 25. September 2011

Kann Stuttgart von Zürich lernen? Teil 4 und Schluss

In den letzten drei Posts haben wir am Beispiel Zürich gesehen, wie eine Stadt und eine Region unter enger Mitwirkung der Bevölkerung ihren öffentlichen Verkehr ausbauen. Und in keinster Weise hat sich dort die in Deutschland oft geäußerte Befürchtung bestätigt, dass die Mitwirkung der Bevölkerung bei der (Verkehrs)Politik zu Chaos und unrichtigen Weichenstellungen führt. 

Die bahnverkehrliche Entwicklung in Zürich und seiner Region ist anscheinend so gut, dass sogar die Stuttgart 21 - Protagonisten diesen Erfolg für ihr Unsinnsprojekt nutzbar machen wollten. Denn im Herbst 2010 luden die CDU-, SPD- und FDP-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat zu einer Vortragsveranstaltung ein, bei der Vertreter der Bauleitung der zweiten Zürcher Durchmesserlinie sowie auch des neuen Hauptbahnhofs in Wien über ihre Projekte berichten sollten.



Die Intention der Tunnelparteien (so nennt man in der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 die CDU, die FDP sowie die Führungskreise der SPD, die für S21 sind) war klar. Zürich und sein öffentlicher Verkehr sowie auch die Baumaßnahmen für den öffentlichen Verkehr in Zürich sollen der Stuttgarter Bevölkerung als Spiegel vorgehalten werden. Das Motto war: "Was protestiert ihr in Stuttgart gegen ein Bahnprojekt? Schaut mal nach Zürich, da wird schließlich auch nicht protestiert. Da wird gebaut".

Inzwischen sind seit dieser Vortragsveranstaltung bereits wieder Monate vergangen. Und die Stuttgarter Bevölkerung hat sich augenscheinlich nicht von solchen Parolen einnehmen lassen. In den letzten drei Posts in diesem Blog ist ja auch noch einmal klar geworden, dass die im Jahr 2013 zu eröffnende zweite Züricher Durchmesserlinie gerade der Gegenpol zu Stuttgart 21 ist. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Ich glaube aber nicht, dass die Bauleitung der zweiten Züricher Durchmesserlinie beim Vortrag in Stuttgart auf diese Widersprüche hingewiesen hat. Dazu sind die Schweizer zu höflich. In deutsche Belange mischen sie sich nicht ein. Das bestätigte auch Werner Stohler, CEO ad int. der Schweizer Gutachterfirma SMA bei der Präsentation des Stresstests zu Stuttgart 21 unter dem Schlichter Heiner Geißler. Stohler sagte sinngemäß, dass man sich aus der Schweiz nicht in deutsche Angelegenheiten einmische. Und er fügte noch hinzu, dass dies in umgekehrter Richtung nicht immer gelte.

In diesen Worten zeigt sich das ganze Spektrum der Schweizer Befindlichkeiten gegenüber den Deutschen. Und wenn man diese Worte genau liest, wird auch das Verhalten von SMA bei der Stresstestpräsentation klarer. Eine explizite und für jeden deutschen Politiker verständliche schlechte Note für den Stresstest und für Stuttgart 21 als ganzes konnte und wollte SMA nicht kommunizieren. Jedoch versteckte SMA das Scheitern des Stresstests im langen Text des Audits und - das wiegt noch schwerer - präsentierte noch in derselben Sitzung ein alternatives Konzept zum Ausbau des Bahnknotens Stuttgart. Dies war eine Schweizer Meisterleistung. Man ließ den Prüfungskandidaten offiziell die Prüfung gerade noch bestehen, kommunizierte gleichzeitig aber für alle, die noch eigenständig denken können, das Scheitern des Kandidaten.

Und so hat die Bauleitung der zweiten Züricher Durchmesserlinie beim Vortrag in Stuttgart sicher keine Beurteilung von Stuttgart 21 abgegeben, sondern in erster Linie ihr Projekt in Zürich erklärt. Es blieb den Zuhörern überlassen, ihre Schlussfolgerungen zu ziehen. Diejenigen, die sich ihr Urteil aus Hochglanzprospekten beziehen und in erster Linie die offizielle Parteimeinung nachplappern, waren wohl auch nach der Vortragsveranstaltung noch der Ansicht, dass die zweite Züricher Durchmesserlinie als Vorbild für Stuttgart 21 dienen könne.

Gegensätzlicher wie bei Stuttgart 21 und der zweiten Züricher Durchmesserlinie kann Bahnverkehrspolitik jedoch gar nicht sein. Ein paar Beispiele:

Die Züricher Durchmesserlinie ist - wie alle im Bau oder in Betrieb befindlichen Verkehrsbauten in der Schweiz und in Zürich - von der Bevölkerung in einer Volksabstimmung gutgeheißen worden. Stuttgart 21 ist an der Bevölkerung vorbei durchgeboxt worden.

Die Züricher Durchmesserlinie ist Bestandteil eines über viele Jahrzehnte laufenden Ausbauprogramms für die Bahn. Ihr Bau läuft im Gleichschritt mit einer stetigen Zunahme des Bahnverkehrs und der Zahl der Züge. Stuttgart 21 ist plötzlich mit gewolltem Überraschungscoup präsentiert worden ohne Einbindung in eine langfristige Entwicklung und ohne Bezug zu einer Zunahme des Bahnverkehrs.

Die Züricher Durchmesserlinie wird allein aus dem Grund gebaut, massive zusätzliche Kapazität für die Bahn und für den Bahnknoten Zürich bereitzustellen. Stuttgart 21 hat mit der Bahn erst in zweiter Linie etwas zu tun. Eine Zunahme des Bahnverkehrs ist nicht möglich bzw. steht nicht im Vordergrund.

Die Züricher Durchmesserlinie gewährleistet den kundenfreundlichen integralen Taktfahrplan in Zürich auch bei zukünftig weiter massiv steigenden Fahrgast- und Zugzahlen. Stuttgart 21 verunmöglicht den integralen Taktfahrplan in Stuttgart für alle Zeiten.

Und so könnte man weitermachen. Lassen wir es genug sein. Den Stuttgart 21 - Protagonisten sollte man aber zurufen: Seid vorsichtig bei Vergleichen von Stuttgart 21 mit der Schweiz! Denn dieser Schuss geht schnell nach hinten los.      

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