Freitag, 16. September 2011

Heimerl-Brief zeigt: Stuttgart 21 ist unnötig und schädlich

In einem Brief vom 25. August 2011 an Heiner Geißler rechtfertigt der ehemalige Professor Heimerl das Projekt Stuttgart 21 mit zwei Argumenten. Dieser Brief ist auf der Internetseite der Landeshauptstadt Stuttgart veröffentlicht. Spätestens beim zweiten Durchlesen des Briefes wird man feststellen, dass die beiden genannten Argumente heute nicht mehr zutreffen bzw. durch die neuen Erkenntnisse zur Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 widerlegt sind.

Der Reihe nach:



Eine erste Argumentation bezieht sich auf das Jahr 1988. Damals hätte laut Heimerl die Gefahr bestanden, dass die Bahn mit ihrem Fernverkehr zukünftig den Stuttgarter Hauptbahnhof links liegen lässt, dass sie an Stuttgart vorbeifährt und allenfalls irgendwo auf der grünen Wiese einen Fernverkehrsbahnhof für Stuttgart einrichtet. Um dieser Gefahr zu begegnen, plante man einen unterirdischen Durchgangsbahnhof für den Fernverkehr unter dem weiter zu betreibenden Kopfbahnhof.

Die zweite Argumentation schlägt schließlich die Brücke zu Stuttgart 21. Ab dem Jahr 1994 wurde - so Heimerl - Stuttgart 21 entwickelt, das nicht nur die Tieferlegung des Fernverkehrs Mannheim - Stuttgart - Ulm, sondern des gesamten Bahnverkehrs beim Stuttgarter Hauptbahnhof vorsieht. Und die Hauptbegründung für diesen Schritt war, dass für den Nah- und Regionalverkehr in noch stärkerem Umfang als dem Fernverkehr quantitative und qualitative Verbesserungen und noch weitergehende Kapazitätsausweitungen ermöglicht werden sollten.

Kommen wir nun zur Bewertung der beiden Argumente.

Ob im Jahr 1988 die Gefahr bestanden hat, dass die Bahn mit dem Fernverkehr an Stuttgart vorbeifährt, lassen wir mal dahingestellt. Vielleicht war etwas Wahres dran, vielleicht handelt es sich auch hier nur um ein Täuschungsmanöver, um Stuttgart 21 besser durchboxen zu können. Fest steht aber: heute besteht die Gefahr nicht mehr, dass der Fernverkehr, der ICE, der TGV nicht mehr am Stuttgarter Hauptbahnhof hält. 

Denn die Bahn wird es sich nicht leisten können, den Stuttgarter Hauptbahnhof, der zu den zehn umsatzstärksten Bahnhöfen beim Fernverkehr in Deutschland gehört, links liegen zu lassen. Es sei denn, die Bahn beherzigt den flotten Spruch, den man manchmal von Mitarbeitern von Verkehrsbetrieben hört: "der beste Betrieb ist immer noch der Betrieb ohne Fahrgäste".

Aber selbst im Fall, dass zum Beispiel in zehn Jahren die Bahn einen durchgeknallten Manager als Vorstand bekommt, der sich in den Kopf setzt, an Stuttgart vorbeizufahren, wird dies nicht realisiert werden. Denn es ist dafür in den kommenden 50 Jahren kein Geld da. Es ist ja nicht einmal Geld da, um in den kommenden 20 Jahren die allerdringendsten Bahnvorhaben in Deutschland zu realisieren. Dazu gehört zum Beispiel der viergleisige Ausbau der Bahn im Oberrheintal, der der Schweiz vertraglich zugesichert worden ist und der die Voraussetzung dafür ist, Tausende von Lastwagenfahrten pro Tag auf die Bahn zu verlagern. Oder auch die Fortsetzung der Betuwe-Linie, einer bereits fertiggestellten Linie für den Güterzugverkehr vom Hafen Rotterdam bis zur niederländisch-deutschen Grenze, im Bereich von NRW. Oder die Entlastung der Bevölkerung im Mittelrheintal vom Tag und Nacht im sechs-Minuten-Abstand vorbeibrausenden Güterzugverkehr. Drastisch fallende Hauspreise, schrumpfende Ortschaften, immer mehr Menschen in psychiatrischer Behandlung, arbeitslos gewordene Bewohner, denen die Firma gekündigt hat, weil sie nach schlafloser Nacht ihrem Beruf tagsüber nicht mehr richtig nachkommen konnten: das sind inzwischen die Verhältnisse im Mittelrheintal zwischen Koblenz und Bingen. Und bei diesem Disaster wird man in den kommenden 50 Jahren nicht einmal den Ansatz eines Gedankens daran verschwenden können, eine ICE-Strecke an Stuttgart vorbeizubauen.

Halten wir also fest: das erste der beiden Argumente, die laut Heimerl zu Stuttgart 21 geführt haben, ist ungültig.

Kommen wir zum zweiten Argument. Dieses Argument ist bei allen Kenntnissen, die die Bevölkerung inzwischen über Stuttgart 21 gewonnen hat, eine Frechheit. Wer heute noch nach dem Sach- und Faktencheck, nach dem sogenannten Stresstest und nach unzähligen Recherchen und Veröffentlichungen von engagierten Bürgern behauptet, dass Stuttgart 21 für den Nah- und Regionalverkehr in noch stärkerem Umfang als für den Fernverkehr quantitative und qualitative Verbesserungen und noch weitergehende Kapazitätsausweitungen ermöglicht, der hat sich als ernsthafter Diskussionspartner verabschiedet.

Nur mit vielen Tricks und der teilweisen Verschlechterung des Zugangebots sowie der Verschlechterung der Kundenfreundlichkeit ist es der DB gelungen, einen Fahrplan für Stuttgart 21 zu entwerfen, der gerade noch mit der heute schon vorhandenen Kapazität des Kopfbahnhofs mithalten kann.

Stuttgart 21 weist von allen zur Zeit bekannten Ausbauvarianten des Bahnknotens Stuttgart (K21, SK2.2 SMA, KL 21 VIEREGG-RÖSSLER sowie der in diesem Blog vorgestellten direkten Anbindung der Schnellfahrstrecke von Mannheim über einen Heukopf- und Kräherwaldtunnel) die schlechtesten Leistungswerte auf. Und der Grund dafür ist ganz einfach, da braucht man nicht 10.000 Mannstunden in einen Stresstest zu investieren. Stuttgart 21 bietet für die wichtigste Zufahrt zum Bahnknoten Stuttgart, die fast die Hälfte aller Züge benutzen, die Zufahrt Zuffenhausen, nur zwei Gleise. Und der Hauptbahnhof stellt mit nur acht Gleisen einen weiteren markanten Engpass dar. Das war`s. Alle anderen Ausbauvarianten verdoppeln die Leistungsfähigkeit der Zufahrt Zuffenhausen und halten zudem genügend Bahnsteige bereit, damit die zusätzlich fahrenden Züge auch (genügend lange) anhalten können.

Stuttgart 21 ist gegenüber allen anderen Ausbauvarianten des Bahnknotens Stuttgart der Außenseiter. Und wenn eine Ausbauvariante des Bahnknotens Stuttgart gerade keine Verbesserungen, sondern vielmehr Verschlechterungen für den Regionalverkehr bringt, dann ist es Stuttgart 21.

Also: die Argumentationskette von Heimerl für Stuttgart 21 ist gleich zweifach gerissen. Es wird höchste Zeit, dass die Vertragspartner aus den Verträgen zu Stuttgart 21 aussteigen. Sollte es an einem Kuli für die Unterschrift fehlen, könnte ich aushelfen. Blau oder Schwarz?         

     

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