Freitag, 27. Mai 2011

Stop von Stuttgart 21 öffnet Tor für S-Bahnnetz im Großraum Stuttgart, Teil 4

In den letzten drei Posts haben wir gesehen, dass die S-Bahn der Region Stuttgart gegenüber den S-Bahnen vergleichbarer Regionen unterdimensioniert ist. Und das Projekt Stuttgart 21 ist an diesem Umstand beteiligt. Nach dem Aus von Stuttgart 21 kann der Ausbau der Stuttgarter S-Bahn hin zu einem wirklichen S-Bahnnetz erste Priorität erhalten. Die Ziele dieses Ausbaus wurden im letzten Post formuliert.

In diesem Post werden konkrete Ausbauvorschläge zusammengetragen. Im Gegensatz zum Alles-oder-Nichts-Projekt Stuttgart 21 lassen sich alle Ausbauvorschläge eigenständig verwirklichen. Der Ausbau der S-Bahn zu einem S-Bahnnetz ist somit etappierbar. 



Im Zusammenhang mit einer besseren Erschließung des Flughafens wurde in einem früheren Post in diesem Blog die neue S-Bahnlinie S 7 vorgeschlagen. Die S 7 fährt vom Kopfbahnhof ab und hält noch einmal in Bad Cannstatt an. Von dort fährt sie ohne Halt über Obertürkheim und einen neuen Tunnel zwischen Obertürkheim und der A8 zum bestehenden Flughafenbahnhof. Vom Flughafenbahnhof fährt sie ohne Halt über die Rohrer Kurve nach Böblingen, weiter ohne Halt nach Herrenberg und dann als normale S-Bahn nach Nagold.

Mit der neuen S 7 wird die Erreichbarkeit des Flughafens markant verbessert. Über die Umsteigepunkte Hauptbahnhof, Bad Cannstatt und Böblingen werden große Teile des Bahnnetzes von BW mit einmaligem Umsteigen in die S 7 an den Flughafen angebunden. Der neue Tunnel beginnt südlich des Bahnhofs Obertürkheim. Er verläuft unter der Hafenbahnstraße, unter dem Neckar, unter Ostfildern-Ruit bis zu der Stelle, wo die L 1204 von Plieningen kommend auf die Autobahn A8 trifft. Von dort verläuft die S-Bahn parallel zur A8 und taucht dann wieder ab zum bestehenden Flughafenbahnhof.

Die neue S 7 verbessert nicht nur die Erreichbarkeit des Flughafens. Mit der S 7 wird auch eine erste Alternativstrecke für die S-Bahn zur Stammstrecke im Stuttgarter Talkessel bereitgestellt. Und es wird ein erster Schritt hin zu einem wirklichen S-Bahn-Netz getan.

Ein weiterer Ausbauvorschlag, der im Zusammenhang mit einer besseren Erreichbarkeit des Flughafens in diesem Blog schon genannt wurde, ist die Verlängerung der S 3 vom Flughafen über eine autobahnparallele Trasse und eine gegenüber den Stuttgart 21 - Planungen gespiegelte Wendlinger Kurve nach Wendlingen und nach Plochingen. Über die Umsteigepunkte Wendlingen und Plochingen würden weitere Teile von BW mit einmaligem Umsteigen und kurzen Wegen direkt an den Flughafen angebunden. Und auch diese neue S-Bahnstrecke stellt eine Alternativroute zur Durchfahrt durch den Stuttgarter Talkessel dar und bildet einen weiteren Mosaikstein für ein eigentliches Netz.

Jetzt kommt gegenüber den Vorschlägen aus den frühreren Posts ein neuer Gedanke ins Spiel. Die genannte Verlängerung der S3 nach Plochingen löst drei Sachverhalte nicht ganz zufriedenstellend, weshalb hier ein Alternativvorschlag zur autobahnparallelen S-Bahn-Trasse formuliert werden soll. 

Zunächst einmal geht es um Esslingen. Die Stadt befindet sich zwar nur 10 Kilometer Luftlinie vom Terminal des Stuttgarter Flughafens entfernt. Über die Schiene muss man jedoch von Esslingen zum Flughafen große Umwege fahren. Dann geht es um die zukünftige S-Bahn von Plochingen nach Göppingen. Wie soll diese S-Bahn in Plochingen denn weitergeführt werden? Und ein dritter Punkt ist der Umstand, dass der vorgeschlagene neue Tunnel zwischen Obertürkheim und der A 8 außer mit der S 7 auch noch mit weiterem Verkehr belastet werden soll. Sonst würde sich dieser Tunnel nicht rechnen.

Der Alternativvorschlag zur autobahnparallelen Trasse ist also eine Führung der S 3 vom Flughafen wie folgt: Die S 3 wird wie die S 7 über den neuen Tunnel geführt. Südlich des Neckars gibt es im Tunnel eine Verzweigung. Dort zweigt die S 3 nach Osten ab, quert den Neckar oberirdisch und biegt unmittelbar auf die Gleisachse in Verlängerung des Bahnhofs Esslingen ein. Von Esslingen fährt die S 3 als Express-S-Bahn weiter nach Plochingen und von dort als normale S-Bahn bis Göppingen oder sogar bis nach Geislingen an der Steige.

Soweit zur Ostseite des Flughafens. Auf der Westseite gibt es die schon genannte S 7 über die Rohrer Kurve neu. Diese S-Bahn fährt an den Haltepunkten Echterdingen, Leinfelden und Oberaichen durch. Das sollte jedoch nur ein vorübergehender Zustand sein. Mittelfristig sollte es auch westlich des Flughafens eine autobahnparallele Trasse geben. Sie beginnt unmittelbar westlich des Flughafenbahnhofs außerhalb des Tunnels, führt parallel zur B 27 zum Kreuz Degerloch und dann parallel zur A 8. Aus dieser Trasse schleift die S 7 dann in Richtung Böblingen aus. Damit ist diese autobahnparallele Trasse aber noch längst nicht ausgelastet.

Welche Züge können noch über diese Trasse geführt werden? Schaut man auf eine Karte des Großraums Stuttgart, fallen einem beim Vergleich der Erschließung über die Autobahn und über die Schiene die Räume Leonberg bis Calw sowie Pforzheim auf. Aus diesen Gebieten ist man über die Autobahn A 8 in wenigen Minuten am Flughafen - vorausgesetzt es gibt keinen Stau. Mit der Schiene gibt es aus diesen Gebieten nur umwegige Fahrten zum Flughafen mit einem Vielfachen der Fahrzeit gegenüber dem Auto. 

Deshalb könnte man untersuchen, ob die neue S-Bahntrasse entlang der A 8 vom Flughafen nicht in Richtung Leonberg weitergeführt werden kann. Im Verlauf durch den Glemswald müssten einige Bäume gefällt werden. Aber: als Folge der neuen S-Bahntrasse könnte auf den im Bundesverkehrswegeplan vorgesehenen achtspurigen Ausbau der A 8 verzichtet werden, für den genauso Bäume gefällt werden müssten. Und man könnte im Zuge des Baus der neuen S-Bahnstrecke zwei Grünbrücken je 100 Meter Länge über die neue S-Bahnstrecke sowie die Autobahn A 8 bauen. Damit würde die für die Biodiversität schädliche Trennung des Glemswalds durch die Autobahn beseitigt.

Die neue S-Bahntrasse würde im Bereich der Anschlussstelle Leonberg West auf die S-Bahnstrecke von Weil der Stadt einschwenken und in den Bahnhof Leonberg einfahren. Mit dieser neuen Strecke wäre eine weitere Alternativtrasse zur Stammstrecke durch den Stuttgarter Talkessel vorhanden. Möglich wäre auch eine Weiterführung der Express-S-Bahn entlang der A 8 bis nach Pforzheim. Genauso könnte die vom Flughafen kommende Trasse einen Abzweig in Richtung Weil der Stadt und Calw erhalten.

Und es gibt noch weitere Optionen. Eine direkte Verbindung von Leonberg nach Ludwigsburg und weiter nach Heilbronn ist ebenso machbar. Hierzu wird vom Bahnhof Leonberg mit einem kurzen Tunnel die A 81 erreicht. Bei Ditzingen könnte man auf die Trasse der S 6 wechseln und über die Güterzugstrecke bei Korntal in Richtung Ludwigsburg abbiegen.

Noch ein Wort zur Finanzierung. Der forcierte Ausbau der S-Bahn sollte weiterhin in der Aufgabenträgerschaft der Region Stuttgart erfolgen. Verfassungswidrige Mischfinanzierungen wie bei Stuttgart 21 sollte es nicht geben. Es spricht jedoch nichts dagegen, wenn das Land Baden-Württemberg und der Flughafen Stuttgart einen Teil ihrer für Stuttgart 21 geplanten Mittel als Sonderzuwendungen an die Region Stuttgart für den Ausbau der S-Bahn geben. Denn durch den beschriebenen Ausbau der S-Bahn wird ja eine noch bessere Anbindung des Flughafens erreicht als durch Stuttgart 21.

Von daher stünden die Voraussetzungen gut, dass mit einem forcierten Ausbau der Stuttgarter S-Bahn relativ bald nach dem Stop von Stuttgart 21 begonnen werden kann.                     

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