Dienstag, 7. Dezember 2010

Professor Dr. Volker Klotz: Warum ist Stuttgart nicht wie Wien?

Bei der Montagsdemonstration gegen das Projekt Stuttgart 21 am 6. Dezember 2010 hielt unter anderem auch Professor Dr. Volker Klotz einen kurzen Vortrag, in dem er Vergleiche zwischen Stuttgart und Wien zog. Die Worte von Professor Klotz führen uns zum Kern der Problematik von Stuttgart  und des Projekts Stuttgart 21. Deshalb will ich diese Rede, die Prof. Klotz wegen der ganz schlechten Witterung mit Kälte und Regen kürzen musste, hier wörtlich wiedergeben.



"Liebe Zuhörer, es ist erfreulich, dass sie bei diesem Sauwetter hierherkommen. Sie müssen sich nur vorstellen - dann freuen Sie sich, dass Sie hier sind - dass Sie in einem der ICE`s der Deutschen Bahn sitzen, in einem Tunnel stehenbleiben und die Klimaanlage versagt. Sie kommen nicht mehr raus, da ist es hier bei dem Dreckwetter sehr viel erquicklicher. 

Ich spreche zu Ihnen nicht als ein sachkundiger Spezialist. Ich spreche zu Ihnen als ein leidender Einwohner. Und ich bin ein doppelter Einwohner. Ich habe den ersten Mietwohnsitz in Stuttgart und den zweiten in Wien. Ich habe also die Gelegenheit, immer wieder zu vergleichen, was eine intakte Stadt ist wie Wien und was eine verkommene und verwahrloste Stadt ist wie hier. Wenn man hier nur über die Wege geht, wie wenig die gegen die Rutschgefahr machen. Den Herrschern über diese Stadt ist wurscht, wie es der Bevölkerung geht. 

Einige Impressionen von Wien: in Wien haben Sie eine Stadt, in der sind die Verkehrsprobleme gelöst. Es gibt dort praktisch drei Ringe, auf denen sehr viele Wagen fahren. Man kann aber als Fußgänger ohne weiteres bei sehr vielen Ampeln hinübergehen. Man ist nicht gezwungen, als Maulwurf unten durch zu krabbeln wie das in Stuttgart seit langem ist und ohne Widerspruch getan wird. Ich möchte auf den Widerspruch kommen: Stuttgart ist genauso zerstört worden wie Wien. Aber Wien ist intelligent aufgebaut worden, Stuttgart ist menschenfeindlich und dumm aufgebaut worden. 

Wenn Sie mal nachschlagen in diversen Büchern über die Geschichte Stuttgarts und wenn Sie alte Fotos sehen, können Sie beobachten, was das für eine reizvolle Stadt gewesen ist, die lustig die Hügel und die Hänge hinauf, fast wie ein kleines Rom gebaut worden ist und wie sie heruntergekommen ist, was man daraus gemacht hat. Das ist grauenhaft und ist damals unter dem Stichwort Zukunft, nämlich autogerechte Stadt mit der Vision von internen Autobahnen kaputtgemacht worden. 

Und genauso wie das nicht funktioniert hat, denn selbst die Autofahrer sind nicht sonderlich glücklich, weil sie durch diese Stadt abends und morgens als Durchgangsverkehr durchstottern. Und die Fußgänger und Radfahrer erst recht nicht. In Wien dagegen haben Sie die Möglichkeit und haben auch die Lust, spazieren zu gehen. Ich möchte diejenigen sehen, die hier aus einem Vergnügen irgendwelche Straßen und Plätze begehen.

Apropos Plätze: Das Erstauliche und auch das Bezeichnende ist, dass Stuttgart, als es umgebaut wurde nach dem Zweiten Weltkrieg, dass dieses Stuttgart zwar auftrumpft mit Platznamen wie dem Charlottenplatz oder Österreichischen Platz oder hier Arnulf-Klett-Platz, dass das aber keine Plätze sind, sondern das sind Kreuzungen von mehrbahnigen Autostraßen. 

Und was damals unter der Parole Zukunft und Fortschritt an vermasseltem Bau stattgefunden hat, das war tatsächlich etwas wie ein Sprung nicht in die Zukunft sondern in die Vergangenheit. Die Fußgänger hat man eigentlich zurückbefördert zu Höhlenbewohnern. Das ist das, was daraus geworden ist und für mich ist nur das Erstaunliche, dass das seit fünfzig Jahren von dieser Bevölkerung ertragen wird. Und wenn wir jetzt mit Stuttgart 21 zu tun haben, ist das nichts weiter als eine Zuspitzung der schon bestehenden Verkorksungen dieser Stadt.

Und meine Vorschläge wären eigentlich dahingehend, man nimmt das Geld, das Stuttgart 21 kostet und investiert es in eine Autobahn, die um die Stadt herumgeht und verbietet grundsätzlich die Durchfahrt. Also Stuttgart 21 ist lediglich ein Auswuchs von einer generell falschen Richtung, in die man gegangen ist. Wien hat Gemeindebauten, Stuttgart verkloppt alles, was einmal Gemeindebau war und gibt es der Spekulaton des Bodens preis."

Soweit also die Rede von Professor Dr. Volker Klotz. Und in den nächsten Posts wollen wir dieses Thema - das verkorkste Stuttgart und die Fortsetzung der Verkorksung in der Form von Stuttgart 21 - weiter vertiefen. 

               

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