Dienstag, 21. September 2010

Stuttgart 21 und das Drama der Gäubahn

Es klang ja in einigen früheren Posts bereits an:

Stuttgart 21 ist nicht geplant worden, um den Verkehr auf der Bahn in Zukunft markant zu erhöhen. Stuttgart 21 wird nicht gebaut, um der Bevölkerung mehr und bessere Mobilität zu bieten. Stuttgart 21 dient nicht einer besseren, lebenswerteren Stadt.

Stuttgart 21 hat seine Ursprünge im Bestreben, möglichst viel Grundfläche der Bahn zu vermarkten und zu versilbern. Alle verkehrlichen Vorteile, die uns von den Projektbetreibern präsentiert werden, sind nachträglich ausgedacht worden, um eine Akzeptanz für das Projekt zu erreichen. Über die überwiegenden verkehrlichen Nachteile von Stuttgart 21 wird natürlich unter diesen Umständen Stillschweigen bewahrt.

Es gilt deshalb in diesem Blog, die verkehrlichen Nachteile, ja das verkehrliche Desaster von Stuttgart 21 Mosaikstein um Mosaikstein aufzudecken. In den Posts vom 12.09. bis zum 14.09.2010 haben wir uns ja bereits mit den Zufahrten zum Stuttgarter Hauptbahnhof beschäftigt und dabei manch Merkwürdiges festgestellt.

Heute nehmen wir uns mal die Gäubahn unter die Lupe, also die Bahnlinie von Stuttgart über Böblingen - Herrenberg - Rottweil in Richtung Bodensee und nach Zürich. Und das machen wir so, dass wir uns die betrieblichen Randbedingungen auf der Gäubahn zwischen Stuttgart und Herrenberg einmal ansehen und den Zustand heute mit dem geplanten Zustand bei Stuttgart 21 vergleichen.



Welche betrieblichen Einschränkungen gibt es heute für die Regionalzüge und die Fernzüge auf der Gäubahn zwischen dem Stuttgarter Hauptbahnhof und Herrenberg? Es gibt zwei Einschränkungen. 

  • Zwischen Stuttgart-Rohr und Herrenberg müssen sich die Regionalzüge und die Fernzüge die Gleise mit der S-Bahnlinie S1 teilen. Überholmöglichkeiten gibt es im Bahnhof Böblingen.
  • Und es gibt ein sehr kurzes eingleisiges Streckenstück im Bereich zwischen der großen Brücke bei der Nordbahnhofstraße in Stuttgart und dem Stuttgarter Hauptbahnhof.

Wie sieht es nun beim Projekt Stuttgart 21 mit der Gäubahn aus?
  • Zwischen Stuttgart-Rohr und Herrenberg müssen sich die Regionalzüge und die Fernzüge der Gäubahn die Gleise mit der S-Bahnlinie S1 teilen. Überholmöglichkeiten gibt es im Bahnhof Böblingen.
  • Auf der Ostseite der geplanten Rohrer Kurve gibt es eine Fahrstraßenkreuzung zwischen den Regional-/Fernzügen der Gäubahn Richtung Böblingen und den Zügen der S-Bahnlinien S2 und S3 Richtung Flughafen.
  • Zwischen der geplanten Rohrer Kurve und einem Punkt unmittelbar westlich des Flughafenbahnhofs müssen sich die Regionalzüge und die Fernzüge der Gäubahn die Gleise mit den S-Bahnlinien S2 und S3 teilen. Unterwegs gibt es keine Überholmöglichkeiten.
  • Westlich des Flughafenbahnhofs gibt es eine Fahrstraßenkreuzung zwischen den Regional-/ Fernzügen der Gäubahn Richtung Hauptbahnhof und den Zügen der S-Bahnlinien S2 und S3 Richtung Vaihingen.
  • Im Bereich des Flughafenbahnhofs gibt es eine eingleisige Strecke für die Gäubahn (die beiden Gleise des Flughafenbahnhofs werden so auf die Gäubahn und auf die S-Bahn aufgeteilt, dass beide Verkehrsmittel dort jeweils eingleisige Strecken haben). Die eingleisige Strecke für die Gäubahn im Bereich des Flughafens schließt wohlgemerkt einen Bahnhof mit ein.
  • Zwischen der Einfädelung in die Strecke von Wendlingen und dem Hauptbahnhof gibt es Mischbetrieb auf denselben Gleisen zwischen ICE aus Ulm, Regionalzügen von Tübingen und den Regional-/ Fernzügen der Gäubahn.
So also sieht die "Neue Welt" für die Gäubahn aus! Ich glaube, es braucht nicht viel Phantasie für die Erkenntnis, dass unter diesen Umständen der Betrieb auf der Gäubahn selbst mit dem zur Zeit gefahrenen Zugangebot weder pünktlich noch besonders schnell ablaufen kann. Oder anders ausgedrückt: Es ist ein Drama, das Drama Gäubahn.

Hierbei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass der Zugverkehr innerhalb der nächsten 10 Jahre eigentlich um 50 Prozent wachsen sollte. Die bestehende Gäubahn könnte dieses Wachstum des Zugverkehrs problemlos bewältigen. Die Gäubahn unter Stuttgart 21 müsste jedoch kapitulieren.

Was würde man mit Leuten machen, die einen Flughafen so planen, dass er bei seiner Eröffnung schon wieder zu klein und verspätungsanfällig ist?

Was würde man mit den Planern einer Autobahn machen, die bei Inbetriebnahme schon Staus verursacht?

Nun, man würde diese Leute wohl in die Wüste schicken, Schadensersatzansprüche nicht ausgeschlossen.

Was geschieht aber bei der Bahn unter denselben Umständen? Nichts, denn die Bahn hat leider keine Lobby.

Im nächsten Post geht es um die geradezu begeisternde Zukunft der Gäubahn ohne Stuttgart 21.     

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