Donnerstag, 9. September 2010

Stuttgart 21 behindert den Wohnungsbau

Immer wieder wird von den Projektbetreibern von Stuttgart 21 auf die freiwerdenden Gleisflächen nach Fertigstellung des Vorhabens und auf den dort möglichen Wohnungsbau hingewiesen.

Hierbei gibt es jedoch einige Ungereimtheiten, die einer näheren Betrachtung wert sind. 



Zunächst einmal stehen die neuen Flächen für den Wohnungsbau erst nach der Inbetriebnahme des gesamten Projekts Stuttgart 21 zur Verfügung. Rechnen wir eine Bauzeit von 10 Jahren (Angaben der Projektbetreiber) multipliziert mit dem Faktor 1,4 (Erfahrungswert untere Grenze) = 14 Jahre und eine Zeit für das Freiräumen der Gleisflächen von 1 bis 2 Jahren, dann kann der Wohnungsbau auf der freiwerdenden Gleisfläche ab dem Jahr 2025 beginnen.

Damit fällt der Wohnungsbau gerade in eine Zeit, ab der auch in Stuttgart (in anderen Teilen des Bundesgebiets ist dies bereits heute der Fall) mit einem zunächst leichten und später zunehmenden Rückgang der Einwohnerzahlen fest zu rechnen ist. 

Hingegen werden Wohnungen in der näheren Zukunft von 2010 bis 2020 in Stuttgart nach wie vor benötigt. Für diesen Zeitraum bietet das Vorhaben Stuttgart 21 jedoch keinen Wohnungsbau an.

Es ist sogar das Gegenteil der Fall: das Vorhaben Stuttgart 21 verhindert den Wohnungsbau in den kommenden 5 bis 10 Jahren. 

Ein besonders markantes Beispiel sind die geplanten Wohnungen auf dem nicht mehr benötigten Parkplatzgelände nördlich des Höhenparks Killesberg. Nach dem Umzug der Messe auf die Fildern könnte dieses Gelände ab sofort mit hunderten von Wohnungen bebaut werden. Der Investor sieht sich jedoch außerstande, die Wohnungen in absehbarer Zeit zu bauen. Denn unmittelbar unter dem Gelände würde der Stuttgart 21 - Tunnel zwischen Feuerbach und dem Tiefbahnhof verlaufen. Es gibt konkrete Befürchtungen, dass der Tunnelbau Auswirkungen auf die Oberfläche und auf die dort entstehenden Wohnungen haben wird.

Bei einer Aufgabe von Stuttgart 21 könnten zudem entlang des Gleisfelds zwischen dem S-Bahnhof Nordbahnhof und der Wolframstraße sofort zahlreiche Wohnungen gebaut werden auf Baugrund, der ohne den Vermarktungsdruck von Stuttgart 21 wesentlich billiger zu haben wäre.

Ein weiteres Beispiel für die Verhinderung von Wohnungsbau durch Stuttgart 21 ist die geplante Esslinger Weststadt. Im Westen der Kernstadt von Esslingen soll auf ehemaligem Bahngelände ein völlig neuer Stadtteil mit Wohnungen und einem Neckarpark entstehen. Die Bahn hat jetzt mitgeteilt, dass sie das hierfür benötigte Gelände entgegen früherer Zusagen doch nicht freigeben kann. Denn das Gelände wird wahrscheinlich als Lagerstätte im Zusammenhang mit dem Bau von Stuttgart 21 benötigt. Schade: beim Bau von Stuttgart 21 müsste Esslingen noch mehr als 10 Jahre lang mit einer riesigen Brachfläche in Innenstadtnähe leben.

Der Stopp von Stuttgart 21 würde sofort ein riesiges Wohnungsbauprogramm in der Landeshauptstadt Stuttgart ermöglichen. Dass dies so eintreten kann, zeigt das Beispiel München. Dort sieht man entlang der Bahntrasse von München-Pasing nach München-Hauptbahnhof zu beiden Seiten Dutzende von Kränen stehen, die Neubauten (Büros, Wohnungen) entlang der Bahntrasse ankündigen. Obwohl oder gerade weil es kein München 21 gibt, sieht man also in München entlang der Bahntrassen ein Vielfaches an Bautätigkeit wie in Stuttgart.

Es wird Zeit, dass Stuttgart das wie eine lähmende Krake auf der Stadt liegende Vorhaben Stuttgart 21 abstreift, um endlich wieder in die Zukunft durchstarten zu können.              

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