Freitag, 10. September 2010

Oben bleiben: das gilt für das englische Newcastle genauso wie für Stuttgart

Die Ausgabe 09 / 2010 der Bahn-Kundenzeitschrift "mobil" beinhaltet einen Reisebericht über die nordenglische Stadt Newcastle. 

Geradezu enthusiastisch wird über diese Stadt berichtet, die nicht nur über unglaublich viele Kulturdenkmäler verfügt, sondern sich auch in den letzten Jahren positiv modernisiert hat.

Der Bericht beginnt mit den folgenden Sätzen:

" Von einem bestimmten Punkt aus hat man sie alle im Blick: Wer mit dem Zug aus Süden kommend über den Fluss Tyne fährt, sieht rechts und links weitere Brücken aufgereiht. Darunter liegt der blinkende Fluss. Eine fantastische Ansicht. Viel zu schnell ist der Moment vorbei und der imposante Hauptbahnhof von Newcastle erreicht. 

Für die Geordies, wie die Einheimischen genannt werden, ist der Anblick nicht nur mit Schönheit, sondern auch mit Heimatgefühl verbunden: Sie sehen die sieben Brücken gleichsam als Torbögen der Stadt in Endlands Nordwesten. Manchen sollen jedes Mal Tränen der Rührung in die Augen steigen, wenn sie nach Hause zurückkehren."



So also sieht die oberirdische Einfahrt in einen oberirdischen Hauptbahnhof aus. Und so wird diese oberirdische Einfahrt gefeiert - auch und gerade in der Kundenzeitschrift der Bahn.

Was die Einwohner und Besucher von Newcastle schätzen und nicht missen wollen, muss auch den Stuttgarterinnen und Stuttgartern und ihren Besuchern recht sein. Die oberirdische Einfahrt in die Stadt und in den Hauptbahnhof ist durch nichts zu ersetzen, vor allem nicht durch 30 Kilometer Tunnel.

Wie sieht das denn aus, wenn man zum Beispiel von Ulm her nach Stuttgart fährt?

Zunächst sind da auf der rechten Seite noch die steilen terassierten Weinberge bei Esslingen. Nach einer Kurve bei Esslingen-Mettingen reiht sich dann rechts ein Weinberg nach dem anderen auf. Dahinter erhebt sich der Württemberg mit der Grabkapelle. Links kommen immer mehr Industrie und andere Bauwerke ins Blickfeld. Das große Werk von Mercedes-Benz, das Mercedes-Benz-Museum, die Mercedes-Benz-Arena, dahinter der Stuttgarter Kesselrand mit dem Fernsehturm. 

Später fährt man durch den Bahnhof von Bad Cannstatt hindurch, dann über den Neckar, rechts sieht man die Passagierschiffe, dahinter die Wilhema und das Wilhelmatheater. Dann kommt der kurze Rosensteintunnel. Dahinter ist links der Untere Schlossgarten. Die etwas unschöne Betonwand rechts steht sowieso zum Abriss.

Was für eine Abfolge von Landschaft und Stadt. Man kann gar nicht alles aufnehmen. Dann das Finale, die Einfahrt in einen großen Kopfbahnhof. Man ist angekommen, man fühlt sich geborgen, man ist wieder daheim.

Liebe Stuttgarterinnen und Stuttgarter, das kann doch nicht ihr Ernst sein, dass sie sich das nehmen lassen wollen von einem Milliardenprojekt, das kaum irgendwelche Vorteile für die Menschen bringt.

Nein, die oberirdische Einfahrt und den oberirdischen Bahnhof wollen wir uns nicht nehmen lassen, genauso wenig wie die Einwohner von Newcastle sich ihren oberirdischen Bahnhof nehmen lassen würden. Und die Kundenzeitschrift der Bahn soll schließlich auch in 20 Jahren noch über Stuttgart berichten.       

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen