Dienstag, 14. September 2010

Hofberichterstattung im Stuttgarter Amtsblatt

Die Vorgänge um das Projekt Stuttgart 21 bieten auch Anschauungsunterricht zum Thema Pressefreiheit in Deutschland. Wurde in früheren Jahren der Zeigefinger immer wieder zum Beispiel auf Russland gerichtet und der dort vorhandene Mangel an Pressefreiheit beklagt, so realisieren nun immer mehr Menschen, dass auch in Deutschland bestimmte Dinge nicht stimmen können.

Sehen wir mal in das Stuttgarter Amtsblatt, Ausgabe Nr. 36 vom 9. September 2010. Dort findet die Montagsdemonstration vom 6. September 2010 Erwähnung.



Bei dieser Demonstration trat auch der Prälat Martin Klumpp auf. Klumpp outete sich unmissverständlich als entschiedener Gegner des Projekts Stuttgart 21. Er forderte die Politiker Mappus und Schuster sowie den Bahnchef Grube zur Einsicht und zur Umkehr auf und untermauerte diesen Appell mit Stellen aus der Bibel.

Nun schauen wir mal, was das Stuttgarter Amtsblatt daraus gemacht hat. 

Es gibt einen Artikel mit der Überschrift "Konstruktive Arbeit fortsetzen". Zur Montagsdemonstration und zum Auftritt von Prälat Klumpp gibt es ein Bild mit der Unterschrift "Prälat Martin Klumpp hat am Montag zu den Demonstranten gesprochen".

Gleich darunter befindet sich ein weiterer Artikel mit der Überschrift "Kirchen setzen sich für Gespräch ein". 


Was mag nun eine Leserin oder ein Leser denken, die oder der nicht bei der Montagsdemonstration dabei war? Bei der Darstellung im Amtsblatt kann man doch nur zum Schluss kommen, dass Prälat Martin Klumpp auf die Demonstranten beruhigend eingewirkt hat und sie zu einem konstruktiven Dialog mit den Mächtigen aufgefordert hat.

Sicher ist dieses Beispiel aus dem Stuttgarter Amtsblatt ein besonders krasser Fall der Verdrehung und Vertuschung von Tatsachen. Es gibt jedoch ähnliche Fälle auch anderswo in der Presse oder im Rundfunk.

Vielleicht gibt es die Gelegenheit, nach dem Ende des Projekts Stuttgart 21 und nach dem Rücktritt bzw. der Abwahl von Oberbürgermeister Schuster einmal mit den Redakteurinnen und den Redakteuren des Amtsblatts zu sprechen und mehr über die Hintergründe und die Situation beim Abfassen dieser Artikel zu erfahren. 

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